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Stadt Kempen
Hamsterkäufe - ein alter Hut

Stadt Kempen: Hamsterkäufe - ein alter Hut
Die Nachbarin hamsterte Salz im Keller - Heinz Cobbers kann sich gut an Hamsterkäufe erinnern. FOTO: Kaiser
Stadt Kempen. Für den Fall einer Naturkatastrophe oder einer Cyber-Attacke, die den öffentlichen Verkehr und die Energieversorgung versiegen lässt, hat Innenminister de Maizière ein neues Zivilschutzkonzept präsentiert. Unter anderem schlägt es den Bürgern vor, Lebensmittel-Vorräte für zehn Tage anzulegen. Alle Welt redet von "Hamsterkäufen" - und vergisst, dass es die immer schon gegeben hat. Von Hans Kaiser

Grundsätzlich neu ist das Konzept "Zivile Verteidigung" nicht, das Innenminister de Maizière vorgestellt hat. Ein Blick in die Stadt Kempener und Willicher Vergangenheit zeigt, dass die Menschen auch früher schon Vorräte angelegt haben, wenn die Zeiten ernst waren. Nur war der Hintergrund anders als heute.

Vor 77 Jahren war der Hintergrund, dass die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte und der Kriegszustand mit England und Frankreich zu erwarten war. Ab dem 1. September 1939 gab es Fett, Fleisch, Butter, Milch, Käse, Zucker und Marmelade nur noch in eingeschränkten Mengen auf Karten. Brot und Eier folgten vom 25. September an, Mitte Oktober wurden auch Textilien rationiert.

Da ist es begreiflich, dass die Menschen nach Gelegenheiten suchen, die ungeliebte Bewirtschaftung ein wenig zu umgehen, indem sie unter der Hand versuchen, Extraportionen an Lebensmitteln zu ergattern. Gleich bei Kriegsbeginn wird gehortet, was noch in freiem Verkauf zu bekommen ist; vor allem unverderbliche Konsumartikel wie Öl, Tee, Reis und Kernseife. "Eine Bewohnerin des Hauses Thomasstraße 18 beschaffte sich drei Jutesäcke voll Salz", erinnert sich ein Zeitzeuge, der Kempener Architekt Heinz Cobbers. "Ihr Argument war: 'Das Salz wird bestimmt bald knapp werden, denn: Zucker ist ja auch schon rationiert!? Sie lagerte ihre kostbare Ware im Keller. Dort stand das Salz dann fünf Jahre bis zur Zerstörung des Hauses bei Kriegsende und wurde infolge der Feuchtigkeit klumpig." Völlig bezugsscheinfrei sind zu Beginn des Krieges zunächst Babyartikel. Das führt zu einem Run auf Strampelhosen und Windeln. Verrückter Weise auch durch kinderlose Ehepaare, aber die Verlockung der frei erhältlichen Waren ist einfach zu groß.

Oder da ist die Geschichte des Kempener Steuerberaters Franz Platen, der einer älteren, ihm bekannten Dame aus Krefeld in einer einmaligen Aktion aus den Niederlanden echten Bohnenkaffee organisiert, den die Kaffeenase jetzt schmerzlich vermisst. Die Gestapo in Krefeld, die durch eine neidische Kaffee-Liebhaberin Wind von der Sache bekommen hat, sieht die Beschaffung der bewirtschafteten Ware nicht so freundlich. So erhält Franz Platen wegen dreieinhalb Pfund Kaffee sechs Wochen Gefängnis. Der Ausgewogenheit halber sei hinzugefügt, dass die alliierte Militärregierung nach dem Krieg für Hamsterei noch höhere Strafen verhängte: Da wurde ein armer Sünder, der auf dem Feld 25 Pfund Kartoffeln aufgelesen und noch dazu einen Kopf Weißkohl bei sich hatte, vom englischen Militärgericht im Rokoko-Saal des Kramer-Museums mit saftigen drei Monaten Gefängnis bestraft.

Denn nach Kriegsende hält die Zwangsbewirtschaftung an. Die deutschen Ostgebiete, Kornkammer des Reiches, sind weggefallen. Zahlreiche Evakuierte und Kriegsgefangene sind zurückgekehrt, und massenhaft treffen Vertriebene ein. Deutschland hungert. Als am 2. März 1946 die erste Ausgabe einer ganz neuen Zeitung, der Rheinischen Post, erscheint, titelt sie: "Äußerste Anstrengungen zur Versorgung Deutschlands." Und beschreibt, dass die Rationen in der britischen Zone gekürzt werden müssen. Dem Normalverbraucher stehen täglich nur noch 1014 Kalorien zu. Zum Vergleich: Bei einer Schlankheitsdiät ist heute schon bei 1000 Kalorien pro Tag ärztliche Betreuung angeraten.

Die Bauern im Kreis Kempen-Krefeld müssen jetzt erhebliche Mengen an Kartoffeln und Getreide in die Industriestädte des Ruhrgebiets liefern. Damit nicht genug, strömen ausgehungerte Menschen-Massen aus den Großstädten des Umlands in überfüllten Zügen in den Landkreis, fallen über die gerade abgeernteten Felder her. "Sie sammelten kleinste Kartoffeln auf, faustdicke Kohlköpfe, und auf den Getreidefeldern lasen sie einzelne Ähren auf", hat der Kempener CDU-Gründer Karl Dörpinghaus berichtet. Ganze Prozessionen von Hamsterern klappern die Höfe ab, um Wertgegenstände gegen Lebensmittel zu tauschen.

Während der Kartoffelernte im September setzt die Reichsbahn auf der Strecke Krefeld-Kleve fast nur noch Güterwaggons ein. Die bieten genug Platz, um die aus den Landkreisen Kleve und Kempen-Krefeld zurückflutenden Großstädter mit ihren unförmig gefüllten Kartoffelsäcken aufzunehmen - Ausbeute eines harten Tages. "Bis zu 70 zentnerschwere Säcke und Koffer habe ich in einem Güterwagen gezählt, zwischen und auf denen sich ebensoviel Personen, mit Rucksäcken oder Handtaschen beschwert, zusammenquetschten", berichtet der damalige Kempener Stadtarchivar Gottfried Klinkenberg. Da kommt's schon mal vor, dass der Lokführer sich weigert, die Fahrt mit dem völlig überlasteten Hamsterer-Zug fortzusetzen, bis ein Teil der Reisenden wieder ausgestiegen ist, um den nächsten Kartoffel-Express abzuwarten. Natürlich war das Hamstern verboten; es stellte ja die mühsam organisierte Zu- und Aufteilung der Lebensmittel in Frage, mit der die Militärregierung die knappe Nahrungsdecke zu strecken hoffte. Die Strafen waren entsprechend hart. Am 29. September 1945 kaufen drei Männer und zwei Frauen bei einem Unterweidener Bauern ohne Genehmigung der Bewirtschaftungsstelle Weißkohl - und kassieren dafür jeweils drei Monate Gefängnis. Die meisten werden nicht erwischt. Unter der Hand ist Rindfleisch fast ständig zu haben, für 25 bis 30 Mark das Pfund. Dabei bekommt ein Arbeiter gerade mal 35 Mark in der Woche, und wenn er überleben will, muss er weitere Erwerbsquellen suchen. Hamstern auch bei den Dienstleistungen und im Handwerk: Wenn ein Handwerker auf einem Bauernhof ein Dach repariert, dann will er nicht mit der wertlosen Reichsmark, sondern mit Käse und Speck entlohnt werden, und entsprechend lange zieht die Arbeit sich hin.

Gehamstert wurde auch Kohle, die damals als Luxusgut galt. Beispiel Willich: Allabendlich, wenn der Güterzug in den Bahnhof rollt und mit ihm etliche Kohlewaggons, füllen bis zu 600 vermummte Gestalten ihre Taschen und Bollerwagen mit dem begehrten Schwarzen Gold, um es zu Hause zu hamstern. Im Umland heißt Willich "das brennende Dorf", blüht hier doch in besonderem Maße die verbotene Schnapsbrennerei. Aus Zuckerrüben hergestellt, heißt der selbst destillierte Fusel "Knolli Brandi". Aus Roggen gebrannt ist er noch ergiebiger, und aus Korn wohlschmeckender. Zwar: Für einen Zentner Roggen verlangt der Bauer 1200 Mark, aber die 30 Dreiviertelliter-Flaschen, die man daraus macht, hat man schnell für jeweils 150 Mark flüssig gemacht, denn ein einziges Gläschen bringt acht Mark. Und davon kann man wieder Lebensmittel hamstern oder was zum Anziehen kaufen. Erst die Währungsreform am 20. Juni 1948 stellte die Wirtschaft auf gesunde Füße und machte Schluss mit dem Hamstern.

13 Jahre danach erlebte es eine Wiedergeburt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und befürchteter Nuklearschläge hatte das Blatt sich gewendet: Die Regierung bestrafte Hamsterkäufe nicht mehr, sie forderte die Bürger dazu auf - mit dem Slogan: "Denke dran, schaff Vorrat an!" Für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen auf dem Gebiet der Bundesrepublik sollten die Haushalte sich einen Notvorrat für 14 Tage zulegen: Allzu viel Erfolg war dieser "Aktion Eichhörnchen" nicht beschieden. Die Resonanz auf das aktualisierte Zivilschutzprogramm der Bundesregierung bleibt abzuwarten.

Quelle: RP
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