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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (10)
Heimkehr aus dem Stacheldraht

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (10): Heimkehr aus dem Stacheldraht
Der letzte Kempener Heimkehrer Wilhelm Geister (rechts) wird von Propst Hermann Lux (amtierte von 1952 bis 1963) willkommen geheißen. FOTO: Propsteiarchiv
Kempen. Einen Monat nach Kriegsende setzt die Heimkehr der gefangengenommenen Soldaten ein. Aber nicht alle kehren zurück: Von 51 Kempenern ist nachgewiesen, dass sie in der Kriegsgefangenschaft umkamen. Ein Überblick über die, die überlebten. Von Hans Kaiser

kempen Ende Juni 1945 kehren die ersten Kriegsgefangenen nach Kempen zurück. Sie kommen aus - zumeist amerikanischen - Sammellagern innerhalb Deutschlands, und was sie erzählen, will zunächst kaum einer glauben: In einem von elektrisch geladenem Stacheldraht umzäunten Gelände haben sie unter freiem Himmel gelegen, zu Tausenden zusammengepfercht. Regen, Kälte und Sonne sind sie schutzlos preisgegeben gewesen. Mit ihren Kochgeschirren haben sie sich Erdlöcher zum Schutz gegen die Witterung gebuddelt, selten, dass einer eine Zeltplane in die Gefangenschaft mitgebracht hat. Das alles bei kärglichster Verpflegung.

Dann hat man sie irgendwo in einer der drei westlichen Besatzungszonen ohne Wegzehrung auf die Landstraße gestellt, und nach wochenlangem Weg sind sie zerlumpt in der Heimat angekommen. Ein Teil von ihnen muss erst mal wochenlang im Krankenhaus aufgepäppelt werden, damit sie überhaupt wieder arbeiten können. Rheinberg, Weeze, Remagen - Namen für rheinländische Lager, aus denen viele nicht mehr zurückgekommen sind und durch die viele für Jahre gezeichnet bleiben werden. Bis Ende 1945 kommen so 1022 Kriegsgefangene in Kempen und Schmalbroich an.

Die 1954 installierte Eiserne Tafel mit der Aufforderung, der Gefangenen zu gedenken, ist heute noch am Turm der Vorburg zu sehen. FOTO: Kaiser

Als die Welle dieser zerlumpten Soldaten abgeflaut ist, kehren zwei völlig unterschiedliche Typen von entlassenen Kriegsgefangenen heim: Ab September 1946 trudeln zunächst die entlassenen War Prisoners aus gut ausgestatteten Camps in England und den USA ein. Sie sind gut genährt und mit Säcken und Paketen beladen. Viel haben sie nicht auszustehen gehabt. Kurz vor Weihnachten 1946 dann erscheint der erste Heimkehrer aus dem Osten. Diese Männer sind nur deshalb aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden, weil sie krank sind und als Arbeitskräfte nicht mehr zu gebrauchen.

Der damalige Stadtarchivar Gottfried Klinkenberg berichtet von der Ankunft eines solchen Russland-Heimkehrers in Kempen: "Gestern begegnete ich einem aus Kriegsgefangenschaft in Russland heimkehrenden ehemaligen Schüler auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt. Er erkannte mich sofort und begrüßte mich aufs herzlichste. Ich war wohl der erste Bekannte, dem er begegnete. Mir war es nicht möglich, ihn in seinen Lumpen und mit seinem von Krankheit entstelltem Gesicht wiederzuerkennen. Das Sehen fiel ihm schwer, er stützte sich auf einen Knüppel, den er irgendwo auf der Straße aufgenommen hatte. Sein einziges Gepäck war eine Segeltuchtasche. Obschon kaum das Notwendigste darin war, belastete sie ihn sehr. Anfang März 1947 besuchte ich ihn im Hospital, wo er dank sorgfältiger Pflege wieder anfing, Mensch zu werden."

Ein Lebenszeichen: Am 17. August 1947 schickte Heinz Kopperschmidt, ehemaliger Lehrjunge beim Kempener Bäckermeister Max Verheyen von der Schulstraße diese Karte aus dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager 7356. FOTO: Michels

Und Totgeglaubte kehren zurück. Am 8. Januar 1945 hat in Kempen die Familie Lingen, Mülhauser Straße 9, erfahren, dass ihr ältester Sohn Theodor (22), Funkunteroffizier in einem Nachtjagdflugzeug, bei der Rückkehr vom Einsatz bei Oldenburg abgeschossen worden ist. Wenig später trifft die Nachricht ein, der Zweitälteste, Rudi (19), sei bei Abwehrkämpfen im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet ums Leben gekommen. In tiefer Trauer lässt die Familie Lingen den üblichen Totenzettel drucken und eine Totenmesse in der Propsteikirche lesen. Die Verzweiflung ist groß - bis sich Rudi im März 1946 mit einer Postkarte aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft meldet: "Bin in Gefangenschaft. Bin gesund." Zwei Monate später wird der verloren geglaubte Sohn von einem Lkw, der täglich entlassene Kriegsgefangene aus einem Sammellager nach Kempen bringt, am Kuhtor abgesetzt.

Russland lässt sich Zeit, seine Kriegsgefangenen in Freiheit zu setzen. Noch Jahre lang warten Hunderttausende in den russischen Weiten hinter Stacheldraht auf die Fahrt nach Hause. Am 24. Oktober 1954 enthüllt der Kempener Heimkehrerverband am Ehrenmal vor der Burg eine Eisentafel. Sie stellt einen Kriegsgefangenen dar mit der Aufforderung: "Gedenket der Gefangenen" und erinnert an die etwa 10.000 deutschen Kriegsgefangenen, die sich damals noch in russischen Lagern befinden.

Dank der Initiative der Regierung Adenauer kehren ein Jahr später Kempens letzte Gefangene in ihre Heimatstadt zurück: Heinz Weegen und Josef Merkens am 11. beziehungsweise 18. Oktober 1955, Willi Geister am 11. Januar 1956. Anders als die namenlose Masse der ersten Nachkriegsjahre werden sie am Krefelder Hauptbahnhof feierlich von Bürgermeistern und Vertretern des öffentlichen Lebens empfangen; im Heimatort hat die Nachbarschaft die Straße mit Blumen geschmückt und illuminiert. Ihre Rückkehr schließt das leidvolle Kapitel Nachkriegsgeschichte ab.

So mancher Kempener ist damals aus der Gefangenschaft nicht zurückgekehrt... Wie der Obergefreite Hubert Ploenes, 23 Jahre alt, Kamperlings 54. In russischer Gefangenschaft wird sein Körper durch Hunger geschwächt. An einer Lungenentzündung verstirbt der Kempener am 2. März 1946 in einem Lager westlich von Briansk. Der jüngste Kempener, der in russischer Gefangenschaft umkommt, ist Josef Martin Bloemen, siebzehn Jahre alt, Schmalbroich-Wall 232. Er stirbt am 2. März 1945 in der UdSSR im Gefangenenlager Kirow im Ural. In den überfüllten Lazaretten ist Hygiene kaum möglich, Wasser und Nahrungsmittel sind oft verseucht. Ideale Bedingungen für Infektionskrankheiten wie die Ruhr, die sich vor allem in quälendem Durchfall äußert; bis zu 30mal täglich kommt es bei den Kranken unter heftigen Leibschmerzen zur Entleerung von grauweißem, meist bluthaltigem Schleim, oft auch von reinem Blut oder von reinem Eiter. Auf diese Weise stirbt am 27. Oktober 1945 der Unteroffizier Paul Josef Cyganek (39), Von-Loë-Straße 6, der bei den Kämpfen im Samland in Kriegsgefangenschaft geraten ist, im Stadtlazarett Nikolajew.

Aber Gefangenenlager für deutsche Soldaten gibt es ja auf der halben Welt. Nach zweieinhalb Jahren Gefangenschaft erliegt am 4. Juli 1947 im englischen Gefangenenlager bei Alexandria in Ägypten Hermann-Josef Heyer (23), Hülser Straße 35, dem Typhus. Zunächst wird er in Fayid am Bittersee beigesetzt. Heute ruht er auf dem deutschen Ehrenteil des englischen Soldatenfriedhofs Fayid. - Vier von 51 bekannt gewordenen Todesfällen Kempener Kriegsgefangener.

Umgekehrt darf nicht vergessen werden, dass bei Kriegsende an die 130 Soldaten und Zivilisten alliierter Seite - Amerikaner, Engländer, Franzosen, aber auch Russen und Polen - im Kreisgebiet begraben waren. Während Amerikaner und Engländer, ausnahmslos Mitglieder abgeschossener Flugzeugbesatzungen, Ende 1946 registriert und bald darauf in ihre Heimatländer überführt wurden, sind die Gräber der Osteuropäer dem Schweigen verfallen; und dem Vergessen. Um ihren Angehörigen eine Nachricht zukommen zu lassen, schrieb 1964 Stadtdirektor Klaus Hülshoff an das sowjetische Außenministerium einen Brief, in dem er um Nachforschung nach den Angehörigen dieser in Kempen bestatteten Kriegstoten bat. Doch die Recherchen, mithilfe des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes im Sinne einer Versöhnung über den Gräbern unternommen, blieben ohne Ergebnis.

(Fortsetzung folgt)
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