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Stadt Kempen
Himmels-Lieder: Zeit zum Innehalten

Stadt Kempen: Himmels-Lieder: Zeit zum Innehalten
Franz Vitzthum und das Capricornus Consort Basel in der Paterskirche. Der LIve-Mitschnitt des Konzertes wird am 30. Januar um 18.05 Uhr auf WDR 3 gesendet. Der Countertenor begann seine Karriere bei den Regensburger Domspatzen. FOTO: KAISER
Stadt Kempen. In der Reihe "Musica Antica e Viva" gastierten der Countertenor Franz Vitzthum und das "Capricornus Consort Basel" in der ausverkauften Paterskirche. Von Heide Oehmen

Angesicht der Vielzahl schrecklicher Meldungen, die uns zurzeit täglich erreichen, war es eine Wohltat, mit ernster, aber auch beruhigender Musik einen zum Nachdenken anregenden Abend in der Paterskirche zu erleben. Franz Vitzthum, einer der profiliertesten deutschen Countertenöre, stellte unter dem Titel "Himmels-Lieder" weitgehend unbekannte geistliche Lieder und Kantaten des Barock vor.

Die menschliche Urangst, der Verlust des Daseins, war den Menschen der Barockzeit - verstärkt noch durch schreckliche Kriege und Seuchen - allgegenwärtig, gehörte zum Leben und wurde bewusst nicht verdrängt. So hatten die teils recht monotonen Gesänge eines Philipp Heinrich Erlebach (1657-1714), Johann Hildebrand (1614-1684), Johann Krieger (1652-1735) oder Johann Philipp Krieger (1649-1725) Texte wie "Kommt ihr Stunden, macht mich frei von des Lebens Tyrannei"; "Ach, höchster Gott, siehe doch wie schwer das Elend ist, darinnen wir stecken"; "Ach Gott, wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist"; "Was frag' ich nach der Welt, die mich gefangen hält" oder "Hier lieg' ich in der Not und in der Todesnacht". Franz Vitzthum wusste mit seiner bewundernswert ausgeglichenen Stimme die Fahlheit und den Ernst dieser teils bedrückenden, dann auch wieder tröstlichen Lieder mit großer Eindringlichkeit und bezwingender Unmittelbarkeit zu vermitteln. Was lediglich störte, war seine dunkel getönte Brille, wodurch die sonst bei ihm gewohnten sprechenden Gesichtszüge nicht wahrnehmbar waren.

Den Künstler erlebten die gebannt lauschenden Zuhörer als Primus Inter Pares - als Ersten unter Gleichen - seines ihn begleitenden "Capricornus Consort Basel". Die ehemaligen Absolventen der "Schola Cantorum Basiliensis", die in der Besetzung zwei Violinen, Viola, Violone, Violoncello, Gambe, Theorbe, Orgel und bei Bedarf Salterio (Hackbrett) spielen, sind mit ihrer erfrischend belebten, dabei makellosen Spielweise vorbildliche Sachwalter der historischen Aufführungspraxis. Das bewiesen ihre instrumentalen Beiträge von Antonio Bertali (1605-1669) und Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) ebenso wie ihre mustergültige Begleitung des Counters. Konzertmeister Péter Barczi hat seine Kolleginnen und Kollegen, die den Namen ihres Ensembles von der musikgeschichtlichen Periode des Komponisten Samuel Capricornus (1628-1665) ableiten, zwar fast unmerklich, aber fest im Griff, sodass sie auf alle interpretatorischen Feinheiten ihres Solisten einzugehen imstande waren. Das Programm nach der Pause war dann wohltuend aufgehellt. Einem mitreißend musizierten Quartett von Georg Philipp Telemanns (1681-1767) - D-Dur TWV 43:G5 - folgte die Zuversicht ausstrahlende Kantate "Ich fürchte keinen Tod auf Erden" mit dem tröstlichen Schlusssatz "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt" von Johann Augustin Kobelius (1674-1731), einem vergessenen Bach-Zeitgenossen. Hier konnte Franz Vitzthum auch die reiche Farbpalette seiner sehr beweglichen Stimme zeigen.

In den begeisterten Schlussapplaus bezog der bescheiden wirkende Sänger immer wieder ausdrücklich seine musikalischen Mitstreiter ein. Mit dem zugegebenen Eingangsteil aus der Kantate 170 "Vergnügte Ruh', beliebte Seelenlust" von Johann Sebastian Bach konnte das Publikum zufrieden und ein wenig aufgeheitert den Heimweg antreten.

Quelle: RP
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