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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (7)
Hunger - Kälte - Kleidergrau

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (7): Hunger - Kälte - Kleidergrau
Unterernährt und zerlumpt: Flüchtlingskinder 1947. FOTO: Bundesarchiv
Kempen. Seit 1945 sind Hunger und Frieren an der Tagesordnung. Die Kornkammern im Osten sind weggefallen, die Läden sind leer. Deutsche Kohle muss nach England geliefert werden. Heimkehrer und Vertriebene vergrößern das Heer der Hungrigen. Von Hans Kaiser

KEMPEN Sicherlich - Engpässe bei der Versorgung hat es schon im Krieg gegeben. Aber durch die Erfahrung aus 1918 gewitzt, als der Hunger die Menschen der Revolution in die Arme trieb, hat die NS-Führung für genügend Vorrat zumindest bei den Grundnahrungsmitteln gesorgt. Erst jetzt - nach der Befreiung - lernt die Bevölkerung den Hunger kennen.

Aber erst im zweiten Nachkriegsjahr, denn 1945 ist die Ernte gut ausgefallen, und das US-Militär hilft mit Lieferungen aus. Dann aber steigt bei gleich bleibender Erzeugung die Zahl der Einwohner an: Zahlreiche Evakuierte und Kriegsgefangene sind zurückgekehrt, und massenhaft treffen Vertriebene ein. Die Bauern im Kreis müssen jetzt erhebliche Mengen an Kartoffeln und Getreide in die Industriestädte des Ruhrgebiets liefern. 1946 klettert die jährliche Sterblichkeit, die 1931 bei elf Prozent lag, auf 22 Prozent - nicht zuletzt durch Entbehrungen und Schwäche kommt dieses Jahr fast jeder Vierte ums Leben.

Mehr als die Hälfte der Kempener Schulkinder hat erhebliches Untergewicht. Ab dem 1. Februar 1946 wird auf Anordnung der britischen Militärregierung und mit amerikanischer Hilfe eine tägliche Schulspeisung eingeführt: Eine 300-Kalorien-Suppe, zubereitet von den Schwestern Unserer Lieben Frau im Waisenhaus Annenhof. Im Frühjahr beträgt die Brotzuteilung an die Bevölkerung pro Kopf und Tag 50 Gramm - das ist nicht mehr als eine Scheibe. Die Bauern wissen nicht, wo sie das Saatgut für Getreide hernehmen sollen. Als Delikatesse gelten gut gewaschene Kartoffelschalen, in der Pfanne gebraten, oder Steckrüben.

Um Unterernährten täglich eine warme Mahlzeit zu bieten, entstand 1946 im 1981 abgebrochenen Kolpinghaus eine Volksküche. FOTO: Nachlass Walter Schenk

Als im Juni 1946 die Brotration weiter gekürzt werden muss und die durchschnittliche Kalorienmenge auf weniger als 800 täglich sackt, wird die Ernährungslage katastrophal. (Zum Vergleich: Bei einer Schlankheitsdiät ist heute schon bei 1000 Kalorien pro Tag ärztliche Betreuung angeraten!) Drei Monate vor der Ernte sind die Kartoffelvorräte aufgebraucht. Rachitis und Tuberkulose greifen um sich. Von der Stadt, den Fürsorgevereinen und der Caritas finanziert, wird in Kempen wie in anderen Orten für die Bedürftigsten eine Volksküche gegründet. Am 10. Juni 1946 gibt sie unter der Leitung von Josefine Herfeldt im Kolpinghaus ihr erstes Essen aus - 30 Pfennig kostet eine warme Mahlzeit.

Als am 28. November 1946 der Kreistag im Rokoko-Saal des Kramer-Museums zusammentritt, macht Oberkreisdirektor Ludwig Feinendegen sich in einem Ausbruch Luft: "Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist kritisch. Vor sechs Wochen ist die letzte Seife geliefert worden. Die Wasserversorgung ist durch das ständige Zusetzen von Chlor gefährdet. In einigen Gemeinden des Kreises tritt Hunger-Typhus auf!" Mit Sommerhitze und bitterkaltem Winter wird 1947 dann das schlimmste Jahr. Amerikanische Lieferungen helfen, die Menschen am Leben zu erhalten, aber sie bestehen hauptsächlich aus Mais. Daraus können die Bäcker nichts Essbares herstellen. So mischen sie das Maismehl mit Roggen.

Mangel auch bei der Kleidung. In den ersten Nachkriegsjahren sehen die Menschen auf der Straße oft abenteuerlich aus: Männer und Jungen tragen häufig Kleider aus Wehrmachtsbeständen, aber das Feldgrau ist umgefärbt, so will`s der Alliierte Kontrollrat, Knöpfe und Abzeichen sind verschwunden, Die Frauen erscheinen in aufgetragenen, vielfach abgeänderten Gewändern. Auf Holzsohlen oft, und den Kopf vielleicht mit einem Hut aus Pappe bedeckt. Kleidung gibt`s nur auf Bezugsschein, aber die Läden sind leer. Geschickte Hausfrauen stellen Wintermäntel aus Decken her, mit denen man sich im Luftschutzkeller gewärmt hat. Wehrmachtshelme werden zu Kochtöpfen umfunktioniert, die selbstgebastelten Sandalen erhalten Trageriemen aus Gasmaskengurten. Insgesamt ist der Alltag grau, schmutzig grau, denn für einen Dreipersonenhaushalt gibt`s monatlich gerade ein Paket Waschseifenpulver. Richtige Seife darf nur noch für Säuglingspflege ausgegeben werden. Kohle wird großenteils durch Schlammkohle ersetzt, durch angefeuchteten Kohlestaub. Wenn man für ein warmes Mittagessen ungefähr ein Kilogramm Kohle berechnet, konnte ein Kempener Haushalt sich in der Nachkriegszeit monatlich zehn warme Mittagessen leisten - mehr nicht.

Holz muss her, und so wird jeder zweite Baum in Kempen gefällt. Als im Herbst 1945 ein Fällkommando auch vor dem Haus der britischen Kommandantur die Bäume schlagen will, ist Oberstleutnant Greville-Acworth empört und ruft aus dem Fenster: "Nix da! Bäume bleiben stehen!" "Gut", sagt sich da der Stellvertretende Landrat Dr. Eduard Royen, "dann bleiben auch die Bäume im Kastanienwäldchen an der Burg stehen." Und er hat es durchgesetzt, obwohl der Kommandant ihm bedeutet hatte, sie müssten gefällt werden. Aber die hundertjährigen Ulmen an der Hülser Straße verschwinden restlos.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: RP
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