| 00.00 Uhr

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (1)
Hurra, wir leben noch!

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (1): Hurra, wir leben noch!
Juli 1945: Seit einem Vierteljahr ist der Zweite Weltkrieg in Kempen zu Ende. In der schwer beschädigten Postgasse zeigen die Schwestern Irmgard und Elisabeth Schmitz stolz die Kleidchen, die die Mutter aus eingetauschtem Stoff genäht hat. FOTO: Archiv der Propstei-Kirchengemeinde Kempen
Kempen. Am 3. März 1945 hat die 84. US-Division Kempen besetzt. Für die Kreisstadt ist der Zweite Weltkrieg zu Ende, die Nachkriegszeit beginnt. In einer Serie stellt die Rheinische Post Leben und Überleben damals dar. Von Hans Kaiser

KEMPEN Was haben die Menschen empfunden, als der Krieg zu Ende war und die Herrschaft des Nationalsozialismus beseitigt? Die amerikanischen Chroniken berichten, dass die Kempener Bevölkerung durch den plötzlichen Umschwung und die letzten Gefechte vor Kriegsende verstört gewirkt habe. Die ersten zwei Tage nach dem Einmarsch seien die Einwohner wie erstarrt gewesen.

Haben sie sich "befreit" gefühlt? Es wäre naiv, darauf ein einhelliges "Ja" zu erwarten. Die wenigen schriftlichen Aufzeichnungen damals und die Mitteilungen der Zeitzeugen heute machen klar, dass nur ein kleiner Teil der Einwohner die politische Dimension des Kriegsendes sah. Zu gegenwärtig waren noch die alltäglichen Mühen und Gefahren, zu sehr wurde man von den Ereignissen vereinnahmt, als dass man die Ruhe zum Nachdenken gefunden hätte. "Einerseits hatte man Angst vor den Amerikanern; andererseits war man erleichtert, dass der Krieg für Kempen nun vorbei war", erinnert sich Irene Funken. Im Allgemeinen empfand die deutsche Bevölkerung das Kriegsende als vernichtende Niederlage. Ein Gedanke war freilich allgegenwärtig: "Endlich keine Angriffe durch Tiefflieger mehr!"

Mai 1945: Der erste Nachkriegs-Landrat Karl Wilhelm Engels droht Strafen für den Fall an, dass jemand sich der Arbeitspflicht entzieht. FOTO: Kreisarchiv

Eine Woche nach der Besetzung setzt rege Tätigkeit ein. An Arbeit ist kein Mangel im Nachkriegs-Kempen. "Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen jeden Tag zu Aufräumungsarbeiten antreten. Viele drücken sich, weil jeder zu Hause Arbeit genug hat", berichtet der Kempener Johannes Wilmen in seinem Tagebuch am 11. März. Ab Mitte März dann werden die Bürger zu Sondereinsätzen herangezogen: Sie schleppen Brücken-Pontons der Amerikaner in den ehemaligen Wehrmacht-Pionierpark an der Kleinbahnstraße; sie fahren Munition für die "Amis", stapeln Benzinkanister, fällen Brennholz an den Landstraßen. Prominente NS-Parteigenossen schippen kleinlaut die Panzergräben zu, hinter denen sie noch vor zwei Wochen so eifrig (geistige) Stellung bezogen haben. Die Frauen werden zum Waschen, Bügeln und Flicken für die US-Soldaten abgestellt; die Jugendlichen, deren Schulen noch geschlossen sind, schickt man in die Landwirtschaft. Eine Hungersnot droht im Jahr der Kapitulation nicht mehr. Wird jetzt alles besser? Der Schein trügt. Nach der "Stunde Null" brechen die schlimmen Zeiten erst an.

Der größte Druck ist, dass man von seinen Angehörigen, die Soldat sind, jetzt nichts mehr hört. Leben sie noch? Erst am 8. Mai wird die Wehrmacht kapitulieren. Noch kämpfen deutsche Einheiten, noch lange werden Soldaten in der Gefangenschaft sterben. Im Pfarramt führt der jüngste Kempener Kaplan Paul Siepen eine Kriegsopferliste. Hier trägt er die Todesnachrichten ein, die in den nächsten Monaten und Jahren einlaufen werden: "Im Gefangenenlager auf der Krim verhungert; vermisst bei Rouen; gestorben am Flecktyphus im polnischen Lager bei Bromberg; mit einem U-Boot zwischen Shetland und Norwegen untergegangen; vom 34. Feindflug über dem Mittelmeer nicht zurückgekehrt." Und immer wieder: "Verstorben an den Folgen eines Feindangriffs auf Kempen." Indes: Wenn die Lebenden Mühe haben zu überleben, bleibt im Strudel der ersten Nachkriegszeit für die Toten kaum ein Gedanke.

Und die, die mit dem Leben davongekommen sind? Am Kempener Bahnhof fahren lange Güterzüge vorbei, gefüllt mit deutschen Gefangenen. Züge für Zivilisten verkehren seit Wochen nicht mehr. Eines Morgens Ende März wird die 17-jährige Maria-Pauline Laurenzen, die mit ihrer Familie in ein Haus in der Nähe des Bahnhofs eingewiesen worden ist, von ihrem Vater geweckt: Auf dem Abstellgleis, wo sich jetzt der Parkplatz zwischen Lidl und Rewe befindet, steht ein langer Zug, und aus den offenen Waggons rufen Kriegsgefangene nach Wasser. Die Männer haben mehrere Tage lang nichts zu essen und zu trinken bekommen. Die Landser haben Glück: Da die Molkereien nicht auf die andere, noch von den Deutschen besetzte Rheinseite liefern können, gibt es in Kempen ein Überangebot an Milch, und Milchkannen dazu. Die Familie Laurenzen verdünnt die Milch in den großen Gefäßen, die Mutter schneidet Brot in Scheiben. Dann bringen die Laurenzens ihre gefüllten Kannen zu den Waggons - die amerikanischen Wachtposten am Anfang und Ende des Zuges lassen die Hilfsbereiten gewähren - und schon lassen die Gefangenen an langen Kordeln Blechbüchsen herunter.

Der jungen Frau fällt ein Waggon auf, aus dem keine Hand winkt - das sind SS-Männer. Und dann kommt eine Überraschung. Ein GI, die Maschinenpistole im Anschlag, weist sie an, auch diese Soldaten zu versorgen: "Zuerst war es sehr still. Dann klatschten die Gefangenen in die Hände. Das hat mich damals sehr froh gemacht", hat Maria Pauline Laurenzen Jahrzehnte später berichtet. Mit ihrer Hilfsbereitschaft reißen die Laurenzens andere Bürger mit. "Es kamen noch mehrere Züge mit deutschen Kriegsgefangenen. Trotz Ausgangssperre erfuhren die Kempener davon. Alle brachten Brot und Getränke."

Zu Hunderten stehen die Menschen an dem doppelten Abstellgleis an der Kleinbahnstraße, warten auf den nächsten Transport, winken und helfen. Nachzulesen in dem 1987 beim Autorenwettbewerb der Stadt herausgegebenen Buch Kempener Lebenserinnerungen.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (1): Hurra, wir leben noch!


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.