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Serie Vor 534 Jahren
In Angst vor Aussatz und Pest

Serie Vor 534 Jahren: In Angst vor Aussatz und Pest
Ärzte untersuchen einen Mann, bei dem Lepra vermutet wird. FOTO: Holzschnitt aus Gerstorff, Feldtbuch der Wundtarzeney, 1528
Kempen. Ansteckende Krankheiten waren in Mittelalter und früher Neuzeit eine Geißel der Menschen. Lepra und Pest rafften Hunderttausende dahin. Um die Leprakranken abzusondern, entstanden vor den Stadtmauern Isolierstationen, so genannte Leproserien, erstmals nachweisbar 1180 in Köln und 1355 in Neuss. Von Hans Kaiser

Als die Seuche sich ausbreitete, wurden während des 14. bis 16. Jahrhunderts zwischen Kleve, Wesel und Neuss Dutzende abgelegener "Siechenhäuser" zur Unterbringung der Kranken gebaut. In Kempen ist eine solche Isolierstation erstmals am 23. September 1483 als "Leprosenhaus" überliefert. 1660 wird das Gehöft "Melatenhaus" genannt. In Willich lag ein solches Gebäude an der Straße nach Schiefbahn am "Kruse Boom" und ist noch auf einer Bleistiftzeichnung um 1750 vermerkt. Infolge besserer Ernährung und wachsender Hygiene verschwand die Lepra am Niederrhein etwa ab 1700 und mit ihr die Siechenhäuser.

Peter Holtmann hat Angst - tödliche Angst. Auf seiner Haut nimmt er seltsame Flecken wahr. Vor allem aber: Sein Tastsinn hat abgenommen. Gestern hat er sich mit einem Messer geschnitten, und gespürt hat er - nichts. Ob er etwa...

Der Zimmermann Peter Holtmann, der um 1700 in Kempen an der Maximin- oder Rabenstraße wohnt, steht unter dem Verdacht, von Lepra befallen zu sein. Die beiden Kempener Bürgermeister haben angeordnet, ihn nach Köln zur vorgeschriebenen Untersuchung bringen zu lassen. Dort hat ein Arzt der Universität den Verdacht bestätigt. Bald wird es bei dem Kempener zu Verstümmelungen an Händen und Füßen kommen. Um Ansteckungen zu vermeiden, muss Holtmann seine Stadt verlassen. Vorher wartet noch eine grausige Zeremonie auf ihn: Er wird lebendig für tot erklärt und "ausgesetzt" - das Wort "Aussätziger" erinnert noch heute daran. Unter Glockenläuten und Vorantragen des Kruzifixes wird man ihn in die Kirche geleiten. Dort wird man ihm die Totenmesse lesen, dabei wird er wie ein Verstorbener auf einer von Lichtern umstellten Bahre liegen. Erde wird ihm auf die Brust gestreut werden. Er wird einen grauen Kapuzenumhang übergestreift bekommen, ein Bettelsack wird ihm in die Hand gedrückt, dazu eine Klapper als hörbares Warnzeichen wegen der Ansteckungsgefahr.

Etwa 400 Meter außerhalb der Stadtmauer am Weg vom Engertor zur Kreuzkapelle, an der heutigen St. Töniser Straße, muss Peter Holtmann zu den anderen Unglücklichen ziehen, die von einer unheilbar ansteckenden Krankheit befallen sind: in das Melatenhaus. Vor dem Gebäudekomplex liegt ein Teich, worin die Kranken sich waschen und baden können. Auch ein Holztrog steht da. In den können Familienmitglieder ein Stück Brot oder andere Lebensmittel werfen, aus sicherem Abstand, damit der Vater zu essen hat. Hier wird der Kempener, von Familie und Freunden isoliert, ein längeres Siechtum erleiden, sein Körper wird sich bis zur Unkenntlichkeit verändern. Und dann, wenn er verstorben ist, wird man seine Leiche auf dem Friedhof der benachbarten, 1639 fertig gestellten Kreuzkapelle beisetzen.

"Blatendoop" nennt der Volksmund den unheimlichen Isolierungs-Ort. Woher das plattdeutsche Wort "Blaten" kommt? Entstanden ist es durch Umlautung aus "Melaten", abgeleitet vom mittelhochdeutschen "mal?de". Das wiederum ist aus dem lateinischen "male habitus" für "schlechter Zustand", "krank" hervorgegangen. "Ich hab` Maläste", sagt man noch heute am Niederrhein, wenn man sich nicht wohl fühlt. Auch aus Köln, Aachen und Wachtendonk ist "Blaten" als Bezeichnung für die Leprakranken überliefert. Und "Doop"? Das ist das niederrheinische Wort für "Taufe", was an das Begießen der Kranken mit Wasser erinnert. Die Kempener Straße "Am Blatendoop", wo das Melatenhaus mit seinem Teich zum Waschen lag, erinnert noch daran.

Es war nicht nur die Lepra, die den Menschen Angst machte, es war auch die Pest. Sie trat in Kempen mehrfach auf, hielt besonders im Katastrophenjahr 1579/80 reiche Ernte. 1200 Menschen - mehr als ein Drittel der rund 3000 Seelen zählenden Bevölkerung - fanden damals den Tod. Die Beulenpest, die im Mittelalter ganze Landstriche entvölkerte, kam von den Ratten, genauer: von den Flöhen, die die Nagetiere in ihrem Fell beherbergten. Wenn sich auf der Straße die Rattenkadaver türmten, konnte man gewiss sein, dass als nächstes Menschen sterben würden: Hatten die blutsaugenden Flöhe ihre Wirte verloren, sprangen sie auf die Menschen über und infizierten sie mit dem Pestbakterium. Zeigten sich die ersten Lymphknotenverdickungen an Leisten-, Achsel- und Halsdrüsen, war der qualvolle Tode unausweichlich. Diesen Zusammenhang kannte man damals noch nicht. Vielmehr stellte man sich die Pest als ein unheimliches Wesen vor, das sich wie ein Dieb in der Nacht in die Stadt schlich. Heiligenbilder an den Stadttoren sollten sie abwehren - wie die Statuen, die wir heute noch am Kuhtor sehen.

Wenn sich die ersten Kranken im Pestfieber wälzen, schließt die Obrigkeit die Tore, um wenigtens das Ausufern der Seuche auf das flache Land zu verhindern. Die vom Schrecken geschüttelte Stadt bleibt sich selbst überlassen; ungewiss, wer in den nächsten Wochen elend zugrunde gehen wird. Man meidet möglichst jeden Kontakt, vor den Häusern liegen die Straßen verlassen. Nur wenn sich am Abend die Dunkelheit über die von Entsetzen gelähmten Gassen breitet, wird`s vor den Fachwerkhäusern lebendig: Vom Turm der Pfarrkirche St. Marien gellt der schrille Klang der kleinsten Glocke, die sonst nur zur Vesper, zur Abendandacht läutet, durch die drückende Stille. Ein Leiterwagen knirscht über den Fahrweg, um die Toten des Tages zu sammeln. Aus den Türen tauchen vermummte Gestalten auf, schleppen unförmige Bündel heran, laden sie auf den Pestwagen, ziehen sich hastig ins Haus zurück.

Die Ursache für Aussatz und Pest ist in der damals mangelhaften Hygiene zu suchen. Auch in Kempen lagen Tierleichen und Exkremente häufig auf der offenen Straße. Das Schmutzwasser suchte sich ohne Kanäle seinen Weg, und mitten durch die Hauptstraßen lief eine breite Rinne, die die zufließenden Abwässer aufnahm und zum Stadtgraben leitete. Morgens ist es die erste Aufgabe der Hausfrau, den Kübel auf die Straße zu leeren, auf dem sich die Familienmitglieder nachts reihum niedergelassen haben - und die Familien sind groß damals. In Niederungen sammelt die stinkende Brühe sich zur Kloake. Die Jauche der Viehhändler, die ihre Tiere auf dem Markt feil boten, lief in das "Möschen", nach dem die Moosgasse genannt ist. Nördlich der Engerstraße spülten die Nachbarn ihre Abwässer in die "Spül" am heutigen Spülwall.

Die letzte große Epidemie erlebte Kempen 1780 und 1783, als hier wie überall am Niederrhein die Ruhr grassierte. Zwei Drittel der Bevölkerung wurden von der Darmkrankheit heimgesucht, darunter der erste approbierte Arzt in der Stadt, Dr. Otto Heinrich Dinckelberg. Seit 1763 in Kempen praktizierend, hatte er sich einen glänzenden Ruf als Mediziner erworben und dazu beigetragen, dem Unwesen der Kurpfuscher ein Ende zu bereiten. Als nun die Seuche ein zweites Mal einfiel, verbrauchte er in unermüdlichem Einsatz seine Kräfte und steckte sich selbst an. Noch vom Bett aus versorgte er die ihn konsultierenden Patienten.

Bis zum 27. Februar 1784 reichte die Kraft, dann starb er um drei Uhr in der Frühe an Entkräftung, 56 Jahre alt. Auch nach ihm hat man eine Straße benannt.

Quelle: RP
 
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