| 00.00 Uhr

Kempen
Je magerer der Boden, desto mehr Blüte

Kempen: Je magerer der Boden, desto mehr Blüte
Heinz Tüffers wird nicht müde, die Vorzüge einer Wildblumenwiese zu propagieren. Auf dem Naturschutzhof des Nabu in Lobberich erklärt er interessierten Besuchern gerne, wie eine Magerwiese angelegt wird. FOTO: Burghardt
Kempen. Die große Magerwiese auf dem Naturschutzhof ist im Sommer besonders prächtig und Lebensraum für viele seltene Pflanzen und Tiere. Naturschützer Heinz Tüffers plädiert deshalb dafür, mehr Blumenwiesen statt Rasen anzulegen Von Joachim Burghardt

Blaue Blumen wiegen sich im Wind. Die Blüten des Blauen Natternkopfes schimmern im Sonnenlicht, blau ist auch der Schmetterling, der darüber in der Luft tänzelt - ein Bläuling. Der Falter ist eins von vielen seltenen Tieren, die sich einen einzigartigen Lebensraum auf dem Naturschutzhof erobert haben "Unsere Magerwiese ist prächtig gediehen. Jetzt steht sie in voller Blüte", schwärmt Heinz Tüffers vom Naturschutzbund (Nabu).

Gräser, Kräuter und Blumen, so weit der Blick reicht. Die Wiese hat blaue Farbtupfer, gelbe, lila und rote. Sie ragen auf zwischen Rispen, Blättern und Ähren. Darüber schwirren Falter und Hummeln. Als Tüffers vorsichtig Halme und Stängel am schütter bewachsenen Boden auseinanderbiegt, fliegen Stieglitze hoch, hüpfen Grillen auf, eine Kürbisspinne huscht aus ihrem kleinen Netz unter ein Blatt, die Zauneidechsen haben sich in den Steinwall am Wiesenrand zurückgezogen.

Für Tüffers, den Mitbegründer des Naturschutzhofes, ist die blühende Fläche ein kleines Paradies: "Magerwiesen waren früher typisch für die Landschaft am Niederrhein mit den vielen sandigen Böden. Heute gibt's sie kaum noch, die intensive landwirtschaftliche Nutzung und die Bebauung der Flächen lassen dafür keinen Raum mehr", erzählt der 78-Jährige. Mit den Wiesen und ihren Pflanzen verschwanden viele Tierarten. Ihnen bietet Tüffers "wenigstens hier ein bisschen Lebensraum".

Vor fünf Jahren richteten Tüffers und freiwillige Helfer die rund 2000 Quadratmeter große Fläche her. 200 Tonnen Sand wurden in den Boden eingearbeitet und dann Saatgut eingebracht. Wie so typisch für Wiesen auf nährstoffarmen Böden, die übrigens auch Hitze- und Trockenperioden gut überstehen, wuchsen zunächst wenige Gräser und Blumen - andere brauchten den Schutz dieser höher aufragenden Pflanzen, um sich zu entwickeln. Selbst jetzt findet Tüffers immer wieder neue Arten. Er schwärmt besonders von kleinen Orchideen: "Ach, guck, das Knabenkraut war letztes Jahr noch nicht da!"

Überhaupt lernen Naturschützer ständig dazu. Wurde etwa eine Magerwiese früher im späten Juni gemäht, so empfehlen Biologen heute, die Mahd vier Wochen früher anzusetzen: "Durch den Klimawandel verändert sich das Wuchsverhalten", erklärt Tüffers. Zudem macht er ständig überraschende Entdeckungen: "Ich bin abends öfter hier, kürzlich habe ich außer Fledermäusen, Igeln und Erdkröten auch ein Reh mit Kitz gesehen."

Bei aller Freude über die Artenvielfalt treiben Tüffers Sorgen um: "Weil vielerorts Pflanzenschutz- und Düngemittel eingesetzt wurden und werden, gibt es fast überall rund ein Drittel Insekten weniger als früher. Das kann eine Magerwiese allein nicht ausgleichen", klagt Tüffers. Umso mehr plädiert er dafür, auch an Privathäusern mehr natürliche Wiesen statt Rasen anzulegen: "Die Leute freuen sich im Urlaub in Bayern oder Tirol an Blumenwiesen, die wir ähnlich auch haben könnten."

Um den Naturkreislauf in Gang zu halten, reicht es laut Tüffers nicht, sich allzu einseitig für spektakuläre Wiederansiedlungen von bestimmten Tierarten wie beispielsweise Biber oder Uhu einzusetzen, sondern "auch für Pflanzen". Seine Magerwiese sei das beste Argument dafür, stehen doch Samen und Insekten am Anfang der Nahrungskette für viele Tierarten. Nicht zuletzt ist Tüffers' Magerwiese eine Augenweide für jeden Naturfreund. Es gedeihen darin neben Orchideen auch Natternkopf und Adonisröschen, Flockenblumen oder Kleinenzian. Zwischen ihnen hat gerade eine Kugelspinne neben ihrem Haubennetz ihren Kokon gesponnen, recht früh im Jahr eigentlich. Mit etwas Glück und Geduld lässt sich bald beobachten, wie die kleine Spinne ihre Jungen mit vorverdauter Nahrung füttert. Und über all den Blumen, Insekten und Spinnen tänzelt weiter der Bläuling in der Luft.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kempen: Je magerer der Boden, desto mehr Blüte


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.