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Serie Vor 76 Jahren
Kampf gegen Ermordung Behinderter

Serie Vor 76 Jahren: Kampf gegen Ermordung Behinderter
Das Hospital zum Heiligen Geist, entstanden aus einer Stiftung von 1390, wurde seit 1845 von Ordensfrauen, den Klemensschwestern, geführt. Zwangssterilisierungen kamen hier nicht in Frage. FOTO: Nachlass Karl Wolters
Stadt Kempen. "Euthanasie", aus dem Griechischen wörtlich übersetzt, "der schöne Tod" - das ist ein verharmlosender Ausdruck für die Ermordung Kranker und Behinderter. Für die Nationalsozialisten waren unheilbar Kranke und Behinderte "unwertes Leben". Sie waren zu beseitigen, um die "arische Rasse" reinzuhalten. Von Hans Kaiser

Aus Kempen und St. Hubert sind diesem Vernichtungs-Befehl mindestens neun Menschen zum Opfer gefallen. Wahrscheinlich waren es mehr; aber das ist schwer nachzuweisen, denn die Mordaktionen vollzogen sich unter absoluter Geheimhaltung.

Kempen "Unnütze Brotesser" zu beseitigen - dafür gibt es damals in der Bevölkerung eine breite Zustimmung. Der Weg dazu ist propagandistisch schon lange bereitet. Bereits am 14. März 1934 hat Wilhelm Grobben, der in Kempen angesehene Leiter der zweiklassigen Hilfsschule - heute: Förderschule - in Lichtbildvorträgen zur Zwangssterilisierung von "Erbkranken" aufgerufen. Also von Schwachsinnigen, Epileptikern, Mongoloiden, psychisch Kranken, Spastikern und "erblichen Krüppeln". Das deutsche Volk solle, so Grobben, zur Reinerhaltung der "herrlichen arischen Rasse" beitragen, indem es die Behinderten an ihrer Fortpflanzung hindere. Um das zu bekräftigen, zeigt er Bilder, die die angebliche Belastung der deutschen "Volksgemeinschaft" durch Behinderte darstellen sollen. Sie stammen aus dem Fundus der im Juni 1933 gegründeten Kreisbildstelle, aus der später das Medienzentrum des Kreises Viersen hervorgehen wird. Die Bildstelle wird bis zum Ende des Dritten Reiches ein Zentrum nationalsozialistischer Propaganda sein, und Grobben ist ihr ehrenamtlicher Leiter.

Wie fast alle Angehörigen des Öffentlichen Dienstes in Kempen ist der Lehrer am 1. Mai 1933, dem "Tag der Nationalen Arbeit", in die NSDAP eingetreten. Der Hintergrund: Grobben war glühender Patriot - wie fast alle damals. 1895 im Hause Peterstraße 14 geboren, hat der Handwerker-Sohn als Front-Offizier am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Das Erlebnis der Kameradschaft an der Front und eine schwere Verwundung, die ihn einen Unterschenkel verlieren ließ, haben ihn geprägt. Nach der Niederlage ist er darüber verbittert, dass die Opfer und die Lebensgefahr der Kriegszeit umsonst gewesen sein sollen.

Als Folge seiner Beinverletzung ist er nach dem Krieg sechs Jahre krank, bis er als Lehrer arbeiten kann. Als die Weimarer Republik im politischen und wirtschaftlichen Chaos versinkt, wendet er sich 1932 der Hitler-Bewegung zu: Ihr "Führer" muss ihm als Sprachrohr der um den Sieg betrogenen Generation des Ersten Weltkriegs erschienen sein. Romantisch, autoritär und antidemokratisch eingestellt, sieht er im Nationalsozialismus einen Weg, die Tradition des "ewigen deutschen Reiches" neu zu errichten und die Gewähr einer "neuen Freiheit, die nicht Zügellosigkeit bedeutet", in der "das Dienen wieder Ehre wird." Das sind - aus Grobben'schen Originalzitaten entnommen - die grundlegenden Bausteine seiner politischen Konfession. Sein Vortrag ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ist Teil einer systematischen Propaganda-Kampagne, die Widerstände gegen ein am 14. Juli 1933 erlassenes Gesetz zur Zwangssterilisierung Behinderter zurückdrängen soll. Grobben hält ihn im Auftrag der Partei. Er wird ihn an anderen Orten wiederholen.

Wir wollen uns nichts vormachen: Grobben tritt damals mit seinem Vortrag für die brutale Verletzung von Menschenrechten ein. Warum er das getan hat, entzieht sich heute unserer Beurteilung. Karrieredenken? Echte Überzeugung? Angst vor Unannehmlichkeiten? Was er nicht geahnt haben kann: Von den 400.000 Menschen, die als Folge des von ihm befürworteten Gesetzes zwangssterilisiert wurden, kamen 6100 zu Tode. Die wahren Absichten seiner Machthaber nicht durchschaut, sondern ihnen (unwissentlich?) den Weg bereitet zu haben, darin liegt seine Verantwortung. Wie auch immer: Seine Linientreue wird sich für den Pädagogen auszahlen. Im Oktober 1933 wird er für ein knappes Jahr Beigeordneter der Stadt Kempen; seit 1936 ist er Rektor der städtischen, nach Adolf Hitler benannten Knabenvolksschule und vom 1. Februar 1937 bis zum 12. Oktober 1938 Ortsgruppenleiter, das heißt, diensthöchster Nationalsozialist in Kempen. Im Juli 1939 übernimmt er den Vorsitz des renommierten Vereins Linker Niederrhein (VLN). Am 29. Oktober 1944, während eines Kuraufenthalts in Bad Wildungen, stirbt Grobben an einer Nierenentzündung, einer Nachwirkung seiner Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg.

Dass die systematische Zwangssterilisierung der Behinderten im radikalen NS-Staat der erste Schritt zu ihrer Ermordung sein könnte, hat der Kempener Lehrer damals in einer Weise ausgeblendet, die uns heute unfassbar erscheint. Sein Verhalten erscheint uns zwiespältig, wie bei den meisten Zeitgenossen des "Dritten Reichs". Denn er war auch ein sensibler, stellenweise sentimentaler Heimatdichter, der sein Kempen liebte. Seine schlichten, volkstümlichen Verse spiegeln Gottvertrauen und Liebe zur Natur. Von alten Kempenern wird er heute noch verehrt. Am 4. September 1964 beschloss der Stadtrat, den bevorstehenden 20. Todestag von Wilhelm Grobben mit der Benennung einer Straße zu ehren. 1975 - das "Dritte Reich" war erst vor 30 Jahren zu Ende gegangen - brachte der Kempener VLN-Ortsverein zum Gedenken an seinen einstigen Vorsitzenden eine Erinnerungstafel an dessen Geburtshaus an.

1941 wurden von Süchteln aus 537 Patienten in die "Zwischenanstalten" Andernach und Galkhausen gebracht, von wo eine unbekannte Zahl ihren Weg in die Gaskammer der Todesklinik im hessischen Hadamar antrat. In der Süchtelner Zweiganstalt Waldniel-Hostert wurden annähernd 100 Kinder im Namen der Euthanasie getötet. Die meisten durch Luminal-Tabletten, die künstlich eine Lungenentzündung herbeiführen, oder durch Injektionen. Andere hat man wohl schlicht verhungern lassen. Kempener Kinder waren nicht darunter. Vermutlich bestand in der Thomasstadt ein Netzwerk zwischen Polizei, Ärzten und Behörden, um sie zu schützen.

Quelle: RP
 
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