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Kreis Viersen
Kein Durchblick für Unfall-Gaffer

Kreis Viersen: Kein Durchblick für Unfall-Gaffer
Die 100 Meter langen, bis Windstärke fünf einsetzbaren und 2,10 Meter hohen mobilen Sichtschutzwände wie hier auf der A1 sollen "Gaffer" fernhalten. FOTO: Schütz
Kreis Viersen. Menschen, die bei Unfällen zum Handy greifen und fotografieren oder filmen, behindern zunehmend Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Polizisten. Sichtschutzwände als Lösung werfen bei den Experten aber Fragen auf. Von Bianca Treffer

Wenn in der Kreisleitstelle der Feuerwehr in Viersen ein Notruf eingeht, dann ist Zeit der alles entscheidende Faktor: Wie schnell können die Einsatzkräfte vor Ort bei den Verletzten sein, um dort Hilfe zu leisten? Und es ist dieser Zeitfaktor, der Frank Kersbaum, Leiter der Feuerwehr Viersen, bedenklich den Kopf schütteln lässt - wenn es um die Sichtschutzwände geht, die NRW-Verkehrsminister Michael Groschek ins Spiel gebracht hat. Der hatte das Aufstellen solcher Wände bei Unfällen auf Straßen angeregt, damit Schaulustige keine Gelegenheit mehr haben, mit ihren Smartphones Fotos oder Videos zu machen.

"Grundsätzlich halte ich diese Idee für sinnvoll, da das Phänomen der Unfall-Zuschauer leider immer mehr zunimmt", sagt Frank Kersbaum. Aber: "In der realen Einsatzlage habe ich hinsichtlich der rechtzeitigen Aufstellung arge Bedenken." Ziel der technisch-medizinischen Rettung bei Verkehrsunfällen sei die schnellstmögliche Anfahrt, Rettung und Weiterversorgung in einem adäquaten Notfallkrankenhaus mit der geeigneten Behandlungseinrichtung innerhalb von 60 Minuten. "Es gilt eine patientenorientierte Rettung zu organisieren", sagt Kersbaum. Im Falle einer lebensbedrohlichen Situation eines Unfallopfers bedeutet das aber auch, dass keiner der Rettungsassistenten und Feuerwehrleute Zeit hat, um zunächst die Sichtschutzwände aufzubauen. Die Rettung des Patienten stehe an erster Stelle.

Frank Kersbaum ist Leiter der Feuerwehr in Viersen. FOTO: KN

Jeder Handgriff des Rettungspersonals muss sitzen und ist genauestens - auch zeitlich - kalkuliert. Jede Einsatzkraft hat eine einsatztaktische Funktion und arbeitet nach strengen Regeln verzahnt mit weiteren Kräften.

Eine weitere Frage betrifft den Transport und die Verladung dieser nicht so leichten Stellwände auf Fahrzeugen. Rettungsfahrzeuge sind mit umfassender Medizintechnik ausgestattet. Und auch jeder Geräteraum eines Feuerwehrfahrzeuges ist mit Ausrüstung beladen.

Beim Pilotprojekt mit der Autobahnmeisterei Kaarst, über die bei Unfällen Sichtschutzwände angefordert werden können, kommt es zu weiteren Fragen. Zum einen hat die Autobahnmeisterei keine Sonderrechte wie Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge oder die Polizei. Deren Ausrückzeit ist damit umso länger. Zudem besteht die Gefahr, dass sie beim Aufbauen der Sichtschutzwände vor Ort, Personen, die sich im lebensrettenden Einsatz befinden, behindern oder gar gefährden. Das Problem der Zuschauer bei Unfällen sei schlimm. "Ich kann derzeit auch keine andere Alternative nennen, wie dem entgegengewirkt werden könnte", sagt Kersbaum.

Die Feuerwehr selber arbeitet bei Einsätzen teilweise schon mit Tüchern und Laken, um die Unfallopfer vor den Blicken und Aufnahmen der Zuschauer zu schützen. "Niemand möchte sich, eingeklemmt in einem Fahrzeug, vielleicht teilweise aufgrund der Rettungsmaßnahmen entblößt, im Internet wiederfinden. Darüber sollte jeder Zuschauer einmal nachdenken", sagt Kersbaum.

Quelle: RP
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