| 00.00 Uhr

Stadt Kempen
Kempener kämpfen für Menschenrechte

Stadt Kempen: Kempener kämpfen für Menschenrechte
Der Kempener Berufsschulpfarrer Roland Kühne (links) warb mit Kollegen bei einem Techno-Gottesdienst in Stuttgart für die Freilassung des inhaftierten chinesischen Schriftstellers und Systemkritikers Liu Xiaobo. FOTO: Robert Ingenhorst
Stadt Kempen. Eine Gruppe vom Rhein-Maas-Berufskolleg demonstrierte auf ungewöhnliche Art beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Bei einem Techno-Gottesdienst forderte sie erneut die Freilassung eines chinesischen Menschenrechtlers. Von Bettina Furchheim

Techno-Gottesdienst - schon die Kombination macht neugierig. Direkt hinter der Liederhalle in Stuttgart geht es ein paar Stufen hoch zum Lehmann Club. Den Besucher empfangen pumpende Bässe und elektrisierende Klänge von Synthezisern, die als flackernde variierende Muster auf Leinwänden projiziert werden. Techno-Musik eben. Jugendliche und junge Erwachsene - ein paar ältere sind auch darunter - tanzen im Rhythmus der Musik.

Wo ist denn hier der Gottesdienst, fragen sich die Besucher? Und doch: mitten im Club steht ein Kreuz auf einem kleinen Tisch, Pfarrer Roland Kühne, Religionslehrer am Rhein-Maas-Berufskolleg in Kempen, steht hinter einem Pult. Jan Maiwald aus Krefeld, ehemaliger Schüler des Berufskollegs, sorgt als DJ am Mischpult für den richtigen Sound.

Unter dem Motto "Freiheit für Liu Xiaobo 2.0" veranstalteten die Kempener auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart jetzt ihren siebten Techno-Gottesdienst. "Fünf Lehrer vom Berufskolleg sind hier", erklärt Roland Kühne. Ungewöhnlich viele Chinesen sind an diesem Abend ebenfalls im Lehmann Club. "Etwa 40", meint Pfarrer Kühne. "Sie kommen aus Deutschland, aber auch Paris, London und San Francisco." Sie hatten bereits am Nachmittag eine Mahnwache in Stuttgart gehalten und die Schicksale von zehn Frauen und Männern, die zu Unrecht in China inhaftiert sind, vorgetragen.

Auf den Tag genau vor 26 Jahren war es zur blutigen Niederschlagung des Studentenaufstandes auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gekommen. "Bis heute wissen wir nicht, wie viele Menschen erschossen wurden," meint Tienchi Martin-Liao, Menschenrechtlerin und Autorin aus Köln. Die chinesische Regierung bleibt weiterhin dabei, es seien nur ein paar Tote gewesen, ein paar Soldaten." Nach Schätzungen von Amnesty International seien es jedoch etwa 2000 gewesen, nur in Peking.

Der 31-jährige Yu Di war einer davon. Eindrucksvoll erzählt seine Ehefrau, Xu Liping, ihre Geschichte. Am Morgen des 4. Juni 1989 wurde ihr Mann während des Protestbewegung von der Volksbefreiungsarmee getötet. Die Christin wollte die Wahrheit ans Licht bringen und schloss sich der Tiananmen Mothers Gruppe, chinesischen Demokratieaktivisten, an. In den darauf folgenden zwei Jahrzehnten wurde sie deswegen von der Sicherheitspolizei verfolgt, bis sie 2011 in die USA auswanderte. Bewegt lauschen die Jugendlichen, die auf der Tanzfläche sitzen, der Geschichte. Sie wird von Tienchi Martin-Liao übersetzt. Tienchi setzt sich seit Jahren für die Freilassung des chinesischen Schriftstellers und Systemkritikers Liu Xiaobo und die Verbesserung der Menschenrechtssituation in China ein.

Das nächste Techno-Stück beginnt, alle stehen wieder auf und wie befreit tanzen die jungen Kirchentagsbesucher zu den technoiden Bässen in den stakkato-artigen Lichtblitzen. Fast unwirklich erscheint die Kombination aus berührenden Schicksalen, dem Einsatz für Menschenrechte und dem losgelösten Tanz. "Alles hat seine Zeit und seine Berechtigung", erklärt Pfarrer Kühne im Gottesdienst. "Auch Spaß zu haben. Wir müssen nur wissen, dass das Andere auch passiert."

Etwa 150 Unterschriften kamen bereits an diesem Abend für eine Resolution zusammen. Darin steht unter anderem: "Wir fordern die sofortige Freilassung des seit 2009 inhaftierten Friedensnobelpreisträgers und Menschenrechtlers Liu Xiaobo, Aufhebung des Hausarrestes seiner Frau Liu Xia sowie die Freilassung anderer zu Unrecht inhaftierter Dissidenten!" Weitere Unterschriften sollen in den nächsten Monaten gesammelt werden, weitere Aktionen sind geplant.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Stadt Kempen: Kempener kämpfen für Menschenrechte


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.