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Vor 70 Jahren: Willich In Der Nachkriegszeit
Kohlenklau auf Zeche Anna

Vor 70 Jahren: Willich In Der Nachkriegszeit: Kohlenklau auf Zeche Anna
Wegen des täglichen Kohlenklaus umgetauft in "Zeche Anna": Der Willicher Bahnhof. FOTO: Kreisarchiv Viersen
Kempen. Als Ende 1945 die Fremdarbeiter in ihre Heimat zurückgekehrt sind, als Anfang 1946 die Gemeindeverwaltung wieder geordnet arbeitet, glauben die Willicher, das Schlimmste sei überstanden. Aber die Not fängt erst an. Von Hans Kaiser

Willich Im August 1945 herrscht auf den Willicher Feldern reger Erntebetrieb: Sogar der älteste Einwohner der Bauernschaft Hardt, Josef Sturm, arbeitet mit seinen 86 Jährchen auf dem Feld, mäht wie zu Großvaters Zeiten mit der stählernen Handsichel: Dass nur die Ernte hereinkommt! Die Scheunen füllen sich mit zufriedenstellenden Mengen an Spätkartoffeln, Getreide und Rüben, der nackte Hunger droht im Jahr der Kapitulation nicht mehr.

Das ändert sich bald. Im Mai 1946 rüstet sich die Gemeinde zur Aufnahme der ersten Ostvertriebenen und der rückkehrenden Evakuierten, die vor den Luftangriffen vor allem in den Kreis Kleve in eine trügerische Sicherheit gebracht worden sind. Am 11. Juli 1946 trifft mit 1700 Menschen der erste große Sammeltransport Vertriebener im Krefelder Hauptbahnhof ein. Sie werden auf die Lager der Seidenstadt und des Landkreises Kempen-Krefeld verteilt. Abgehetzt, ausgehungert, von allem entblößt kommen nun die Menschen aus dem Osten nach wochenlanger Fahrt in zugigen Güterwagen Woche für Woche in Willich an; allein im Juli 1946 sind es 346, davon 72 Prozent Frauen und Kinder. Bei einigen werden Hungerödeme festgestellt.

Willichs Kaisersaal, hier auf einer Aufnahme von 1910, wurde zum Aufnahmelager für Vertriebene. FOTO: Stadtarchiv Willich

In Willich werden die Vertriebenen im Lager des katholischen Josefsheims, Bahnstraße 3 b, durch die Helferinnen von Rotem Kreuz, Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Innerer Mission empfangen. Das Lager ist zwischen Stallung und Kindergarten untergebracht: "Es war sehr sauber und bestand aus einem großen und einem kleinen Saal, in denen dreistöckige Feldbetten standen." Vor allem die katholische Gemeindeschwester Martha kümmert sich aufopfernd. Ebenso das alte Ehepaar Linden, das im Josefsheim Stall und Garten verwaltet und den Flüchtlingskindern zur Erntezeit Obst zum Naschen hinstellt. Ein anderes Lager befindet sich bei Schiffer im "Kaisersaal".

Lange müssen die meisten nicht im Lager bleiben; junge Mädchen kommen sehr schnell als Hausgehilfinnen unter oder finden Arbeit beim Bauern. Auch das Willicher Parkhaus hat gerne Vertriebene beschäftigt. Indes: Auch wenn sie aus dem Lager in Einzelwohnungen eingewiesen worden sind, bleiben die Heimatlosen aus dem Osten unter sich, bilden kleine Grüppchen, isoliert von den Einheimischen. Untereinander halten sie eisern zusammen. Das zeigt sich bei Anlässen wie der gemeinsamen Weihnachtsfeier im "Kaisersaal" bei Schiffer. Die erste findet schon vor der Währungsreform statt. Vorher fahren die Flüchtlings-Männer mit einem Handwägelchen auf den Willicher Höfen vor, bitten um Getreide: "Und alle Bauern haben etwas gegeben, auch Äpfel und Nüsse wurden reichlich gespendet." Das Getreide wird in einer Willicher Mühle unentgeltlich vermahlen und zu Weckmännern verbacken. Aus der Tradition der Weihnachtsfeiern heraus wird Schiffer schließlich zum Vereinslokal der Willicher Vertriebenen-Organisationen. Eine Zahl zum Schluss: Von den 9973 Einwohnern, die die Gemeinde Willich 1950 zählt, sind 1341 Flüchtlinge und Vertriebene.

Schon vor dem großen Menschenschub aus dem Osten reichen im Juni 1946 die beiden 300-Liter-Kessel, die in der Volksküche an der Stelle der späteren Bäckerei Kuhlen/Bahnstraße aufgestellt sind, nicht aus, um dem täglichen Ansturm hungriger Menschen zu begegnen. Auf den Feldern werden die Frühkartoffeln aus dem Boden gestohlen. Ein Dieb, den man erwischt, entpuppt sich als Angestellter der Wach- und Schließgesellschaft. Im September wird die Brotration gekürzt, und die Ernährungslage spitzt sich dramatisch zu. Immer mehr Kinder erkranken an Rachitis und Tuberkulose, im Winter können viele wegen fehlenden Schuhwerks nicht zur Schule geschickt werden.

Im Dezember 1946 sind in der Gemeinde 2000 Personen ohne Winterkartoffeln geblieben; dazu fehlt das Heizmaterial. Am 11. Dezember meldet Willichs Gemeindedirektor Heinrich Wegenaer in seinem monatlichen Bericht an die Militärregierung: "Die Ernährungslage ist völlig unzureichend, die Bedarfsdeckung an Gebrauchsgütern völlig mangelhaft. Kohle gibt es kaum, das Bauwesen liegt still, da Zuteilungen kaum erfolgen. Die Kürzung der Gaslieferung verursacht die größten Schwierigkeiten besonders bei der Versorgung des Krankenhauses und der Schulen."

Den Willicher Güterbahnhof hat man in "Zeche Anna" umgetauft, denn allabendlich, wenn der Güterzug einrollt und mit ihm etliche Kohlewaggons, füllen bis zu 600 vermummte Gestalten ihre Handtaschen und Bollerwagen mit dem begehrten "Schwarzen Gold". Bis die britische Militärpolizei eine Großrazzia veranstaltet und Dutzende von "Kohlenklauern" zur strengen Verwarnung auf die Willicher Polizeiwache bringt. Aber dadurch wird die Stube auch nicht wärmer. Innere Wärme bringt die "schwarze" Brennerei von Schnaps - ringsum gilt Willich als das "brennende Dorf". Ein organisierter Schwarzhandel jedoch ist zu keiner Zeit festzustellen.

Es soll noch schlimmer kommen. Der heiße Sommer 1947 bringt Ernteausfälle, und die Kreisverwaltung sieht sich genötigt, die Felder nachts zum Sperrgebiet zu erklären. Der Winter 1947/48 wird bitter kalt, er bringt Hunger, Not und Elend, die heute noch manchem im Gedächtnis haften.

Die Bürger haben damals auf den zunehmenden Mangel je nach Temperament mit Galgenhumor oder Verbitterung reagiert. Damals bildeten sich gerade die ersten Nachkriegsparteien, und im Volksmund wird verstohlen als Wunschpartei die USA genannt - Abkürzung für "Unser Seliger Adolf". Die Mühe, am Leben zu bleiben, war ein großes Hindernis, sich Gedanken über einen politischen Neubeginn zu machen.

Quelle: RP
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