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Stadt Kempen
Kraft tanken für den Alltag

Stadt Kempen. Ein Angebot nicht nur für Betroffene, sondern für deren Angehörigen bietet die Selbsthilfegruppe für Angehörige depressiv Kranker an. Angesiedelt bei der BIS steht es Bürgern aus dem gesamten Kreis Viersen offen. Von Bianca Treffer

Als ihr Mann vor vier Jahren einen Nervenzusammenbruch erlitt und damit eine Depression einherging, brach für Sabine eine Welt zusammen. "Ich war damals mit den Nerven total am Ende. Ich stand auf einmal mit den Kindern allein da, wusste nicht mehr weiter und sah mich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Wobei ich mich von der behandelnden Klinik allein gelassen fühlte. Die Informationen von dort flossen nur spärlich", erinnert sie sich. Fragen über Fragen taten sich auf, darunter auch die, warum sie nicht gemerkt hatte, in welche Richtung sich ihr Mann bewegte.

Die damals 35-Jährige kannte durch ihre Arbeit die BIS, wie die Brüggener Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Kreis Viersen abgekürzt heißt. Dort fragte sie nach, ob es eine Gruppe für Angehörige depressiv Erkrankter gibt. Eine solche Gruppe befand sich damals in der Aufbauphase, denn ein Kempener hatte, genau wie Sabine, die Idee, ein Angebot für Angehörige ins Leben zu rufen. "Ich wurde quasi ein Gründungsmitglied", erzählt Sabine. Von Anfang an war klar, dass Kempen der Treffpunkt werden sollte, ist die Thomasstadt doch relativ gut zu erreichen.

Zu den ersten Treffen, die damals noch in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt stattfanden, kamen zwölf Betroffene aus dem ganzen Kreis Viersen. Das Reden mit Gleichgesinnten, der Austausch an sich, festzustellen, dass andere Menschen sich die gleichen Fragen stellen, sich teilweise ebenfalls mit Vorwürfen quälen und ein stückweit das Gefühl haben, selber auf der Strecke zu bleiben, weil sich alles nur noch um den erkrankten Partner, das Kind oder Elternteil dreht - diese Situation kannte jeder der Teilnehmer aus eigener Erfahrung.

"Es hilft, sich auszutauschen. Ich nehme mir nach dem Gruppentreffen immer noch ein wenig Zeit für mich. Für mich kann ich feststellen, mir hat die Gruppe immer geholfen", sagt Sabine, die die Gruppe seit Anfang des Jahres leitet. Wobei man sich heute im Kempener Krankenhaus trifft. Für sich konnte Sabine durch den Austausch viele Tipps mit nach Hause nehmen - sei es zu versuchen, einen Tag lang nur das Positive zu sehen, oder der regelmäßige feste Termin, bei dem man mit dem Partner etwas unternimmt, egal welcher Ist-Zustand gerade besteht.

"Für mich ist die Gruppe wichtig. Beim Besuch tue ich etwas für mich", sagt eine junge Frau. Das Gefühl, eigene Lebensqualität zu verlieren, sich aber im gleichen Augenblick schuldig zu fühlen, weil man nicht immer selber für den Erkrankten da sein kann, kennen fast alle. Aber es ist wichtig, selber Kraft zu tanken, um mit der gesamten Situation besser umgehen zu können. Denn nicht nur der depressive Mensch leidet, auch seinem Umfeld geht die Erkrankung nahe. Dazu kommt das teilweise Unverständnis der Umwelt. Eine Depression ist nicht wie ein gebrochener Arm, den andere sehen und die damit einhergehenden Einschränkungen akzeptieren können. Derzeit gehören sechs Frauen und Männer im Alter von Mitte 30 bis 80 Jahre zum festen Stamm der Gruppe. "Ich denke, viele wissen gar nicht, dass es uns gibt. Auf der anderen Seite steht die Hemmschwelle. Es kostet schon Überwindung zu sagen, mein Mann, meine Frau oder mein Kind sind depressiv, denn in unserer Gesellschaft ist eine solche Erkrankung immer noch ein Thema, mit dem viele Menschen schlecht umgehen können. Viele wollen nicht wahrhaben, das ein Angehöriger depressiv ist", berichtet Sabine aus Erfahrung.

Daher kann sie allen Betroffenen nur empfehlen, die eigene Angst zu überwinden und einfach einmal in die Gruppe zu kommen. Das Angebot der Selbsthilfegruppe ist unverbindlich und steht allen Interessenten offen.

Quelle: RP
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