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Serie Vor 70 Jahren
Kreistag treibt Entnazifizierung voran

Serie Vor 70 Jahren: Kreistag treibt Entnazifizierung voran
Auch das Denkmal für den Freiherrn von Loe neben der Kempener Burg ist nach dem Bombenangriff 1944 stark beschädigt. FOTO: Berg/Kreisarchiv
Kreis Viersen. Mit großem Verwaltungsaufwand wurde auch im Kreis Kempen-Krefeld die Ausschaltung der Nazis betrieben. Von Prof. Dr. Leo Peters

Am 28. Januar 1946 setzte der Kreistag des Kreises Kempen-Krefeld einen Entnazifizierungsausschuss ein. Damit wurde auch hier eine Arbeit institutionalisiert, die in der Folge der Beschlüsse der Alliierten in Jalta und Potsdam schon 1945 begonnen hatte: die Säuberung des besetzten Deutschland vom Nationalsozialismus. Die Entnazifizierung (englisch "denazification") gehörte, verbunden mit der Bestrafung der Naziverbrechen, zu den vorrangigsten Zielen der Siegermächte.

Die Schäden an den Gebäuden in der Innenstadt durch den Bombenangriff auf Kempen 1944 sind verheerend: Im Bild das Hauptschiff der Propsteikirche - ohne Dacheindeckung. FOTO: Kreisarchiv

Gemessen an den gigantischen Opferzahlen der Nazimorde erscheint das Ergebnis der Strafjustiz eher maßvoll: in Nürnberg wurde bei zwölf von 22 Angeklagten auf Todesstrafe erkannt und in den Westzonen wurden von 5133 Angeklagten 668 zum Tode verurteilt. Das ist die eine Seite. Die andere ist die systematische Erfassung und Beurteilung aller ehemaligen NSDAP-Mitglieder sowie der staatlichen und kommunalen Funktionsträger im Dritten Reich. Rund 800.000 Einzelfallakten alleine für das Gebiet des heutigen NRW dokumentieren den Umfang der Ermittlungen. Heute befinden sie sich im Landesarchiv in Duisburg. Die betroffenen Personen wurden in fünf Kategorien eingeteilt, von schwerstbelasteten bis zu unbelasteten Mitläufern. Ein gewaltiger administrativer Aufwand, und zugleich viel Naivität zu glauben, politische und ideologische Gesinnungen gleichsam per Federstrich ausmerzen zu können. Alle mussten sich den 131 Fragen des berühmten Fragebogens stellen.

Auch im Kreis Kempen-Krefeld zeigte sich, dass viele ehemalige, mehr oder weniger schuldbeladene Nazis sich die in der Bevölkerung so genannten Persilscheine zu besorgen wussten, Aussagen von politisch unbelasteten Personen, die ein tadelfreies oder zumindest nach den Umständen entschuldbares Verhalten ehemaliger NSDAP-Anhänger belegen sollten. Ein anderes Problem war es, die Kontinuität einer geordneten kommunalen Verwaltung sicherzustellen. Schon bis September 1945 waren im Kreis 366 Personen verhaftet worden, darunter 109 Beamte. Bezogen auf alle Stadt- und Gemeindeverwaltungen und die Kreisverwaltung waren zum gleichen Zeitraum 196 Personen entlassen worden, darunter 129 Beamte. Aber, so hieß es in einem Bericht der Kreisverwaltung an die Militärregierung: "Die Reinigung der Ämter ist noch nicht abgeschlossen. Sie waren überall stark mit Nazi-Elementen durchsetzt. Die Frage von Ersatzmännern für gemaßregelte Beamte und Angestellte stößt auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Der Reinigungsprozess wird daher nur schrittweise vorwärts gehen."

So sah das völlig zerstörte alte Kempener Rathaus auf dem Buttermarkt nach dem Bombenangriff 1944 aus. FOTO: Kreisarchiv

Neben den Verwaltungen galt die Entnazifizierung natürlich Angehörigen der Industrie, der Landwirtschaft, des Handwerks, der Schulen. Und wie überall im ehemaligen Nazi-Deutschland wurde vertuscht, wurden Unschuldsbeteuerungen vorgetragen.

Für Kempen hat Dr. Friedhelm Weinforth eine Reihe von Beispielen vorgestellt, "um zu zeigen, wie das Verfahren in Einzelfällen ablief, wie argumentiert wurde, welche Verteidigungs-, Entlastungs- oder Belastungsstrategien gewählt wurden, welche Ergebnisse die Untersuchungen hatten" (Heimatbuch 1994).

Besonders prominent war der Fall des Kempener Bürgermeisters Dr. Gustav Mertens. Der 1899 geborene Beamte war 1934 von den Nazis als Bürgermeister von Dülken nach Kempen zwangsversetzt worden und 1937 der Partei beigetreten. 1945 wurde er suspendiert. Von kirchlicher, aber auch von jüdischer Seite wurden ihm nachdrückliche Entlastungszeugnisse ausgestellt. Er konnte Beamter bleiben und wurde Oberkreisdirektor in Geldern, da die Militärregierung seine weitere Verwendung in Kempen nicht wünschte.

S. Rath, ein ehemaliger jüdischer Bürger Kempens, hatte ihm attestiert: "... Ich kam immer sehr gerne in Ihr Arbeitszimmer, denn ich wusste, dass Sie Ihre jüdischen Bürger ebenso korrekt behandelten, wie die anderen. Als Vorsitzender der Kreissynagogengemeinde hatte ich ja in der Nazizeit viele delikate Angelegenheiten mit Ihnen zu besprechen...". Kempens Propst Oehmen schrieb: "...Herr Dr. Mertens ist durch den Nationalsozialismus im Jahre 1934 seines Amtes als Bürgermeister von Dülken enthoben worden, weil er ein erklärter Gegner dieser Partei war. Dieser seiner Überzeugung ist er auch in Kempen treu geblieben. Dr. Mertens ist ein überzeugter Katholik."

Was Kempen betrifft, so ist vieles neuerdings auch in dem Lichte der Forschungsergebnisse von Dr. Hans Kaiser zu sehen.

Quelle: RP
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