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Serie Herausforderung E-Commerce (2)
"Man kann nicht Everybody's Darling sein"

Serie Herausforderung E-Commerce (2): "Man kann nicht Everybody's Darling sein"
"Angst ist kein guter Ratgeber": Markus Ottersbach, Geschäftsführer des Einzelhandels- und Dienstleistungsverbandes Krefeld-Viersen. FOTO: Strücken
Kempen. Händler müssen sich Zeit für die Online-Thematik nehmen; die Städte müssen mehr als früher um ihre Innenstädte kämpfen - zwei Thesen von Markus Ottersbach vom Einzelhandelsverband zum Thema Herausforderung Internet für den Handel.

Wenn Angst Analyse ersetzt - so lautet der Titel eines Vortrags, in dem es um die Herausforderung des Internets für den Einzelhandel geht. Ist die Angst so groß, dass der stationäre Handel wie das Kaninchen auf die Schlange starrt?

Ottersbach Angst ist kein guter Ratgeber. Allerdings erschienen Internetanbieter wie Amazon und Zalando aufgrund ihrer Wachstumsgeschwindigkeit bedrohlich. Tatsächlich greifen sie auch klassische Geschäftsmodelle an. Inzwischen sind sie aber Bestandteil des Marktes. Der etablierte Handel hat die Herausforderung angenommen und entwickelt Wege, mit dem Internet zu bestehen und es ebenfalls für sich zu nutzen.

In dem Vortrag heißt es, dass auch der Internethandel vor einer Sättigung steht und die Zeit der fetten Zuwächse vorbei ist. Ist der Kuchen also final verteilt - kann sich der Handel auf bestimmte Größenverhältnisse verlassen?

Ottersbach Nein. Die Gelehrten sind sich uneinig. Das Marktforschungsinstitut GfK geht aktuell von einer Sättigung aus. Der E-Business Fachmann Prof. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein erwartet, dass der Internethandel noch einmal einen Schub bekommt. Im Durchschnitt geht man davon aus, dass der Internethandel mittelfristig 20 bis 25 Prozent des Handels ausmachen wird. Dabei gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Branchen - von den Lebensmitteln, derzeit um zwei Prozent, bis zu den für die Innenstädte relevanten Sortimenten, wie zum Beispiel Textil, mit bis zu 40 Prozent.

Zeichnen sich erfolgversprechende Strategien beim stationären Einzelhandel ab?

Ottersbach Eine Strategie ist die vollständige Ausrichtung von Produkten und Prozessen an einem möglichst günstigen Preis. Erfolgversprechender für den inhabergeführten Einzelhandel ist die Gestaltung von Kauferlebnissen. Diese erreicht man durch Nähe zum Kunden, Beratung, Einzigartigkeit und Exklusivität des Angebots zu einem guten Preis- / Leistungsverhältnis. Irgendwo dazwischen zu verharren und "everybody's darling" sein zu wollen, ist wenig aussichtsreich. Wichtig ist Professionalität: Man muss sich über Strategie und Zielgruppen sehr genau im Klaren sein. Wer bestehen und wachsen will, muss auch auf Onlinekanälen präsent sein. Nach derzeitiger Einschätzung erfolgt Wachstum auch für den stationären Einzelhandel vor allem auf diesem Feld. Natürlich können auch weiterhin rein stationäre Händler erfolgreich sein. Diese müssen sich aber durch ein besonderes Angebot in einer speziellen Nische positionieren.

Wird nicht die Gestaltung des Ladengeschäfts immer wichtiger? Sind die Händler da durchweg gut aufgestellt?

Ottersbach Das Ladenlokal und das Erlebnis im Geschäft sind und bleiben das A und O für den Erfolg des vorwiegend stationären Händlers. Jeder weiß das. Kunden nehmen das sehr genau wahr. Natürlich gibt es Unterschiede im Geschick, ein Geschäft optimal zu präsentieren. Das ist ein Teil des Wettbewerbs.

Gibt es für Händler Hilfen beim Aufbau eines Onlinezweigs? Schließlich sind viele Händler ihrem Alter nach nicht mit dem Internet aufgewachsen und betreten Neuland.

Ottersbach Hilfen gibt es jede Menge, auch wir als Verband bieten sie an. Vor allem aber gibt es zahlreiche Dienstleister mit entsprechenden Angeboten. Die Hauptaufgabe ist aus meiner Sicht, dass Händler bereit sein müssen, Zeitbudgets zu verlagern. Das ist notwendig, um die richtige Onlinestrategie zu finden und umzusetzen. Daran führt kein Weg vorbei.

Ohne Einzelhandel stehen die Städte vor einer Verödung; eine schöne Innenstadt ist andererseits eine wichtige Voraussetzung für erfolgreichen Einzelhandel. Sehen die Städte es stärker als früher als ihre Aufgabe an, ihre Innenstädte zu verschönern?

Ottersbach Hier hängen viele Städte noch zurück. Wir brauchen Pläne für die Entwicklung der Zentren, denn in vielen Orten besteht ein Ladenflächenüberhang. Das liegt nicht nur am Internet, sondern auch an veränderten Konsumgewohnheiten. Das Kaufverhalten und die Erwartungshaltung haben sich verändert. Außerdem wird weniger Geld im Handel und mehr für Erlebnis und Reisen ausgegeben als noch vor zehn Jahren. Es liegt in der Verantwortung der Städte, einzelne Quartiere so zu entwickeln, dass eine Stadt insgesamt attraktiv ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Entwickeln, Bauen und Umnutzen viel Zeit in Anspruch nehmen. Kundenverhalten ändert sich von heute auf morgen. Dieser Widerspruch ist kaum aufzulösen.

Ist die Zeit der großen Einzelhandelszentren á la Centro Oberhausen vorbei?

Ottersbach Das kann man nicht sagen. Einkaufszentren sind eine Form des Einzelhandels, die von Kunden angenommen wird. Die Goldgräberstimmung unter den Center-Betreibern ist allerdings vorbei. Sie entwickeln inzwischen differenziertere Konzepte für unterschiedlich große Städte und reaktivieren auch in die Jahre gekommene Lagen. Krefeld hat bekanntlich auf Vielfalt der Innenstadt gesetzt. Das ist eine große Profilierungschance.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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