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Kempen
Millionen für den Umweltschutz

Kempen. Gespräch mit Dietmar Schitthelm, Vorstand des Niersverbands: Dringend sucht man Ingenieure zur Bewältigung der Zukunftsaufgaben. Erstmals ist eine Frau Abteilungsleiterin. Von Jürgen Karsten

Als besondere Herausforderung in diesem Jahr sieht es der Vorstand des Niersverbandes in Viersen, Prof. Dr.-Ing. Dietmar Schitthelm, geeignetes technisches Fachpersonal zu finden, um die Aufgaben der Zukunft bewältigen zu können. Vor allem sucht der Niersverband aktuell Fachingenieure für Elektrotechnik und für IT-Fragen sowie Bauingenieure. Längst fördert der Abwasserverband den technischen Nachwuchs, in dem er das Studium vom 1. Semester bis zum Master finanziert, um sich so die Dienste des qualifizierten Nachwuchses zu sichern. Der demografische Wandel treffe den Verband voll, die Personalpolitik sei deshalb langfristig angelegt, betont der Chef des Niersverbandes im Gespräch mit der RP .

Ihn treibe noch eine ganz andere Sorge um: Das Land NRW presche in Sachen Umweltstandards vor und stellt zukünftig noch höhere Anforderungen an insgesamt 180 Kläranlagen im Lande. Davon sind vier im Gebiet des Niersverbandes betroffen. Um Spurenstoffe aus dem Abwasser eliminieren zu können und den Eintrag sonstiger, in der Oberflächengewässerverordnung nicht verbindlich geregelter Stoffe wie Arzneimittelrückstände zu verhindern, wäre der Ausbau einer vierten Reinigungsstufe an den Kläranlagen erforderlich. "Wir bräuchten 15 Jahre, um unsere Anlagen entsprechend auszurüsten und müssten viel Geld in die Hand nehmen. Das würde dann aber auch eine deutliche Veränderung bei den Kosten für die Abwasserreinigung bedeuten", betont Schitthelm.

Erstmals nennt der Chef des Niersverbandes konkrete Zahlen: Um das Gesamtpaket anpacken zu können und Spurenstoffe, Pestizide aus häuslicher Anwendung, der chemischen Industrie sowie Rückstände aus Arzneimitteln zu eliminieren, schätzen Experten die Kosten bundesweit auf mindestens 500 Millionen bis zu 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. "Unter 70 Millionen Euro pro Jahr käme allein der Niersverband über die Jahre nicht aus", schätzt Schitthelm, wenn neben den Kosten der Spurenstoffelimination auf Kläranlagen auch die der zusätzlichen Regenwasserbehandlung eingerechnet werden müssten.

Im Ablauf der Kläranlagen sind derzeit 80 Prozent weniger Schadstoffe vorhanden, als nach den gesetzlichen Vorgaben erlaubt wären, ein Superwert und großer Erfolg der Arbei des Niersverbandes. Und das bei einem Preis von nur 80 Cent pro Kubikmeter Abwasser. Durch das ehrgeizige Vorzeigeprojekt des Landes NRW kämen allerdings 30 Cent für die Spurenstoffelimination hinzu.

Große Aufgaben kommen zukünftig auf den Verband auch dadurch zu, dass viele Regenwasserbauwerke, die in den letzten Jahrenvon den Gemeinden übernommen wurden, in desolatem Zustand sind und repariert oder erneuert werden müssen. "Da haben wir sicherlich noch 30 Jahre Arbeit", sagt Schitthelm. Von den 75 Anlagen sind zwei Drittel sanierungsbedürftig.

Zu den größten Bauprojekten, die der Niersverband für dieses Jahr einplant, gehört die Flockungsfiltration auf der Kläranlage Dülken, ein Acht-Millionen-Projekt, bei dem es vor allem darum geht, Phosphor heraus zu filtern. Im Rahmen des "Masterplans Niersgebiet", bei dem Gewässermaßnahmen zur ökologischen Verbesserung und Retention in der Fläche umgesetzt werden, hofft Schitthelm in diesem Jahr auf die Planfeststellung der Maßnahme Fritzbruch an der Niers bei Süchteln und Kessel bei Goch.

Zum Thema Hochwasser gibt es nur ganz wenige kritische Bereiche im Niersverlauf. Auch die Auseinandersetzungen mit Anliegern am Grenzweg zwischen Viersen und Willich konnten letztlich etwas entschärft werden, weil die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten erheblich reduziert werden konnte. Endgültige Entspannung der Konflikte könnte es geben, wenn Pläne des Niersverbandes eines Tages realisiert werden könnten, die Niers durch eine naturnah angelegte Schleife Richtung Westen auf Viersen zu und damit weiter weg von den Häusern der Grenzweganlieger zu verlegen.

Sein Job macht ihm Spaß wie am ersten Tag (s. auch "Zur Person"), sein kompetentes und engagiertes Team lobt er nicht zuletzt auch deshalb, weil der Niersverband immer mehr Aufgaben in Eigenleistung erfolgreich durchführt ("Insourcing").

Zum Führungsteam gehört seit dem 1. Februar dieses Jahres auch eine Frau. Erstmals in der Verbandsgeschichte gibt es jetzt eine Abteilungsleiterin beim Niersverband: Beate Weber kam von ver.di und ist jetzt Leiterin der Abteilung für Personal und Soziales. Auch kräftig ausgebaut hat der Niersverband in den letzten Jahren an seinem Sitz in Viersen, momentan reicht der Platz aus. Bei weiterer Ausdehnung könnten aber auch Dependancen in Frage kommen, sagt Schitthelm.

Quelle: RP
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