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Gemeinde Grefrath
Mit Murmeln in die Vergangenheit

Gemeinde Grefrath: Mit Murmeln in die Vergangenheit
Mit alten Spielen erinnert Museumspädagogin Rabea Badeda Demenzkranke an ihre Vergangenheit. Da kehrt so manche Erinnerung zurück. FOTO: wolfgang kaiser
Gemeinde Grefrath. Der Probelauf von "Teddybär, Teddybär, dreh dich um! - Kindheitserinnerungen spielend entdecken" im Freilichtmuseum war ein Erfolg. Die demenziell veränderten Menschen entdeckten ein Stück ihrer Kindheit wieder. Von Bianca Treffer

Neugierige Blicke fallen auf Rabea Badeda, die gerade die Geschichte vom Murmelwettspiel vorgelesen hat und jetzt in die große Box greift, die unter einem der drei mobilen kleinen Tische steht. In ihren Händen hält die Museumspädagogin des Niederrheinischen Freilichtmuseums eine Dose mit Murmeln. "Haben Sie früher auch mit Murmeln gespielt?", möchte Badeda von den demenziell erkrankten Besuchern wissen, die zusammen mit ihrer Begleitung im Stuhlkreis um sie herum sitzen. Ein eifriges Nicken setzt ein. "Wir haben ein Loch in die Erde gemacht und Murmeln geschoben. Das war eine schöne Zeit. Aber das ist lange her", erzählt Katharina Ripkens.

Einige andere Besucher berichten ebenfalls von ihren Erinnerungen an die Murmeln, die sie früher auch unter dem Begriff Klicker oder Kölsche kannten. Einige andere wiederum bleiben still, nehmen aber die Murmeln, die Badeda ihnen behutsam reicht, in die Hände und rollen sie hin und her. Dann ist Murmelschießen angesagt. Die Museumspädagogin hat einen Karton mit drei Toren vorbereitet, in den die Murmel gekickt werden können. Aufgebaut auf einem der Tische schiebt sie zusammen mit Barbra Kleinheyer, Einrichtungsleiterin des häuslichen Pflegedienstes der Diakonie in Grefrath, das Tischchen von Besucher zu Besucher. Mit viel Spaß werden die Tore anvisiert und die Ton- und Glasmurmeln hinein gekickt. "Das kenne ich auch noch von früher. Wenn ich so was sehe, weiß ich das wieder", kommt bei Adelheid Nent, die bis jetzt still war, eine Erinnerung auf.

Die Stimmung im großen Museumsraum in der Dorenburg ist locker und gelöst. Erkrankte wie auch die ehrenamtlichen Betreuerinnen haben Spaß am Murmelspiel. Weitere Erinnerungen werden wach, als Badeda zu zwei Metalldosen greift, an denen lange Schnüre befestigt sind. "Ich weiß. Da stellt man sich mit den Füßen drauf", ruft Ripkens aus. Johannes Jörris kann zwar nicht mehr auf den Dosen laufen, aber das Gefühl, sie unter den Füßen zu spüren und die Seile in der Hand zu halten, während er auf einem Stuhl sitzt, zaubert ein breites Lächeln in sein Gesicht.

Anders die 91-jährige Nent. Rechts von Ehrenamtlerin Lydia Ritterskamp unterstützt und links von Hannah Ackermann, die ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Diakonie in Grefrath macht, unter die Arme gegriffen, geht es auf den Dosen los. Die Seile fest in der Hand, wandert Nent voll konzentriert eine Runde innerhalb des Stuhlkreises. Donnernder Applaus ist von allen zu hören, als sie wieder auf einem Stuhl sitzt. "Früher waren die Seile aber dicker", bemerkt die 91-Jährige strahlend lachend. Andere klopfen die Dosen lediglich zusammen und erfreuen sich an dem Geräusch.

Der nächste Gegenstand fasziniert besonders Eleonore Schmitz. Badeda hat ein dickes Hanfseil aus einem Beutel genommen. Kaum dass sie es in der Hand hält, steht die Seniorin aus ihrem Rollstuhl auf und geht langsam auf Badeda zu. Gemeinsam riechen die beiden an dem Seil, das stark nach Hanf riecht, da es ganz frisch geschlagen ist. Schmitz nimmt das Seil in die Hand und geht mit der Museumspädagogin von Stuhl zu Stuhl, damit jeder einmal an dem Seil schnuppern kann. Für die einen bedeutet es Seilchen springen, aber bei Schmitz wird eine ganz besondere Erinnerung wach. "Sie hatte früher Pferde und das Seil erinnert sie sicher an einen Halfterstrick und damit an ihre Pferde. Es ist fantastisch, dass wir sie auf diesem Weg motivieren können, sich zu bewegen", erklärt Kleinheyer.

Bei jedem demenziell veränderten Menschen ist es ein anderer Gegenstand, der ihn besonders anspricht. Gemeinsam Abzählreime singen und das Seilchen dazu schlagen, den Hula-Hopp-Reifen anschieben und fangen, die Malkreide entdecken und an Gläsern, gefüllt mit bunten Bonbons, schnuppern - es gibt zahlreiche Möglichkeiten des Erinnerns. "Es ist ein hervorragendes Angebot. Jeder wird hier aus seine Art und Weise motiviert und aktiviert", lobt Kleinheyer den Probelauf des neuen Angebotes des Niederrheinischen Freilichtmuseums für Menschen mit Demenz, das Kleinheyer jetzt mit den Besuchern vom Oedter Café Auszeit als Probanden besuchte bevor das neue museumpädagogische Programm im April erstmalig offiziell startet.

Quelle: RP
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