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Stadt Kempen
Mit Scarlatti durch die Jahrhunderte

Stadt Kempen. Der junge Pianist Matan Porat gastierte in der Paterskirche in Kempen. Von Heide Oehmen

Das Überangebot an erstklassigen jungen Pianisten veranlasst diese, immer wieder Neues zu ersinnen, um mit einem eigenen Profil auf sich aufmerksam zu machen. Ganz außergewöhnlich sind in diesem Zusammenhang die "Scarlatti-Variationen", die Matan Porat nicht nur auf seiner Debüt-CD vorstellt, sondern auch in der gut zur Hälfte gefüllten Paterskirche interpretierte. Der junge Israeli, 1982 geboren, legte seinem rund einstündigen, pausenlosen Vortrag eine Sonate (d-Moll K 32) des Barockkomponisten Domenico Scarlatti zugrunde. Ein darin erklingendes, in Halbtönen auf- und absteigendes, klagendes Motiv suchte der auch als Komponist erfolgreiche Künstler in Werken unterschiedlichster Epochen. Er wurde unter anderem fündig bei Francois Couperin, Leos Janacek, Felix Mendelssohn Bartholdy, Edvard Grieg, Béla Bartók, Johannes Brahms und Frédéric Chopin. Von jedem dieser und zahlreichen weiteren Tonsetzern interpretierte der Pianist ein kurzes Stück - fast ohne dazwischen einmal eine Zäsur zuzulassen. Die Überleitungen zu den jeweils nächsten "Sätzen" (damit ist die Zusammenfassung mehrerer Vorträge gemeint) bildete eine kurze Sequenz - "Notation" genannt - des vor zwei Wochen verstorbenen Pierre Boulez.

Trotz der Vielzahl der vorgestellten Werke war es dem Hörer weitgehend unmöglich, das Scarlatti-Motiv herauszuhören. Das gilt auch für Franz Liszt, dem Porat in "Vallée d'Obermann" (aus "Années de Pèlerinage") mit rund fünfzehn Minuten den meisten Raum gab. Der abschließende "mystische Teil" war für das Auditorium am schwersten nachzuvollziehen, da - ohne die kleinste Zäsur - Kompositionen des 20. Jahrhunderts von György Ligeti, György Kurtág, Alexander Skrjabin und eine Improvisation des Interpreten als Beispiele dienten. Zum Schluss erklang noch einmal die Scarlatti-Sonate, mit der der Abend begonnen hatte.

Matan Porat verfügt nicht nur über eine ausgefeilte pianistische Technik, sondern auch über die Fähigkeit, in Windeseile und ohne Brüche von einem Musikstil in einen völlig anderen zu wechseln. Als kurzweilige musikalische Reise durch vier Jahrhunderte war der Abend eine interessante Erfahrung - der eigentliche Hintergrund des Unternehmens "Scarlatti-Variationen" erschloss sich aber beim besten Willen auf diese Weise nicht. Da hätte es schon differenzierter Erklärungen bedurft.

Sei's drum - das Publikum applaudierte kräftig und bekam noch zwei Zugaben - erst eine melodiöse und zum Abschluss eine virtuose.

Quelle: RP
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