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Serie Vor 220 Jahren
Neersen und Kempen werden Kantonsorte

Serie Vor 220 Jahren: Neersen und Kempen werden Kantonsorte
Karte aus dem historischen Niederrhein-Atlas FOTO: entnommen mit freundlicher Zustimmung von Prof. Irmgard Hantsche, Universität Duisburg-Essen
Kreis Viersen. Auch Bracht gehört dazu. Selbst Viersen erreichte den Rang eines Kantons im Arrondissement Krefeld. Von Leo Peters

KEMPEN/NEERSEN Es waren stürmische Jahre, die dem Vormarsch der französischen Revolutionstruppen bis zum Rhein 1794 folgten. Die staatliche und gesellschaftliche Ordnung, die auch den Niederrhein über viele Jahrhunderte geprägt hatte, wurde jäh von der ganz und gar umstürzlerisch geprägten Soldateska beseitigt. Viele, besonders der Adel, reagierten mit Flucht, und die verbleibende einfache Bevölkerung musste den rücksichtslosen Unterdrückern, die sich als die Boten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verstanden, tatenlos zusehen.

Gegen Ende des Jahrhunderts bestimmten wenigstens insoweit mehr Berechenbarkeit und Verlässlichkeit die Lage, als die Franzosen eine neue transparente territoriale Gliederung des eroberten linksrheinischen Landes einführten, die bis zum Ende von Napoleons Macht standhielt. Treibende Kraft war der aus Straßburg stammende Regierungskommissar Rudler.

Das Jahr 1798 bescherte dem Niederrhein die auch in Frankreich übliche Einteilung in Departements, Arrondissements, Kantone und Mairien. An der Spitze des nach dem Flüsschen Rur benannten Roer-Departements (etwa vergleichbar einem heutigen Regierungsbezirk) stand der Präfekt (zunächst ein Regierungskommissar) mit Amtssitz in Aachen, an der Spitze des Arrondissements (einem heutigen Kreis vergleichbar) der Unterpräfekt. Manches war zunächst nur vorläufig geregelt. Überwiegend gehörte das Gebiet des heutigen Kreises Viersen zum Arrondissement Krefeld (siehe Karte). Insoweit wurde es in vier Kantone Bracht, Neersen, Kempen und Viersen unterteilt, wobei der Kanton Viersen aber nicht über die Viersener Ortsgrenzen hinaus reichte. Mit 21.661 beziehungsweise 18.147 Einwohnern waren Neersen und Bracht die größten Kantone. 12.830 Menschen lebten im Kanton Kempen. Viersens Einwohnerzahl betrug 4416. Das Arrondissement Krefeld, zu dem beispielsweise auch Neuss gehörte, hatte insgesamt 133.649 Einwohner. Die weniger als 5000 Einwohner zählenden Gemeinden (und das waren die meisten) erhielten einen Munizipalagenten und einen Munizipaladjunkten (die historische Vorstufe der heutigen Beigeordneten). Die Munizipalagenten eines Kantons bildeten die Kantonsmunizipalität mit einem Präsidenten an der Spitze. Die Ausformung des Amtes des Maires (Bürgermeister) als der untersten staatlichen Ebene zog sich noch hin.

Die in Willich lebende Historikerin Sabine Graumann hat mit ihrer 1990 erschienenen Dissertation "Französische Verwaltung am Niederrhein" eine grundlegende, auch elementares Pariser Quellenmaterial verarbeitende Untersuchung vorgelegt, die die Systematik der französischen Verwaltungsgliederung nachvollziehbar macht. Die Lektüre des Buches vermittelt freilich den Eindruck, dass die Entwicklung im Einzelnen wesentlich komplexer war, als sie sich hier schildern lässt. So ist von der Besetzung der vielen neu geschaffenen Ämter vereinfachend zu sagen, dass die Spitzenpositionen (Präfekt) durchweg von Franzosen eingenommen wurden. Auf den unteren Ebenen agierten künftig lokale Personen, deren republikanischer Gesinnung man sicher sein konnte.

Die Kantone waren zugleich Gerichtsbezirke mit einem Friedensrichter (juge de paix). Der wurde von der Kantonalversammlung gewählt, die auch die örtlichen Mitglieder der Departements-Versammlung bestimmte. Von dort führte der Legitimität vortäuschende Gremienweg in die gesetzgebenden Entscheidungsorgane in Paris.

Die Auswahl der Kantonsorte verwundert nicht nur heute, umstritten dürften sie hier und da auch damals gewesen sein. Als es 1815 um den Kreissitz des neuen königlich-preußischen Kreises Kempen ging, bemerkten die Dülkener in einer Denkschrift: "Das Dorf Bracht verdankt dem französischen Unsinn die Ehre, unserem Canton seinen Namen vorgesetzt und das Predicat eines Hauptortes erhalten zu haben ... und muß nicht bishiehin die Stadt Gladbach das elende Dorf Neersen als Hauptort anerkennen?"

Viersen ist es übrigens gelungen, schließlich den Nachweis zu führen, mehr als 5000 Einwohner zu haben. Es bekam daraufhin eine fünfköpfige Munizipalität. Hier stand, wie Graumann ermitteln konnte, mit dem Kaufmann Hermann Durselen als Präsident ein Beamter an der Spitze, der als zuverlässig republikanisch gesinnt eingestuft wurde. Über die politische Gesinnung seiner vier Mitarbeiter, des Kaufmanns Cornelius Thorieth, des Landwirts Martin Rah, sowie von Thomas Bussem und Hermann Dohr sind wir nicht unterrichtet. Alle waren mehr oder weniger vermögend. Durselen wurde als "riche" (reich) eingestuft, Bussem als "fortuné" (vermögend).

Die nach der Hektik der Revolution nach und nach von Vermögenden, Gebildeten und Adeligen wieder eingenommene tonangebende Rolle schien sich hier örtlich schon anzudeuten. Für die späteren Jahre unter der Herrschaft Napoleons wird in der Forschung gar von einer fortschreitenden Aristokratisierung gesprochen. Die Bäume der Ideen der Französischen Revolution wuchsen eben nicht in den Himmel. Ja, unter Napoleon trifft man später bei vielen rheinischen Notabeln aus Adel und Bürgertum auf begeisterte Zustimmung zum neuen Regiment.

Quelle: RP
 
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