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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (4)
Neue Männer braucht das Land

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (4): Neue Männer braucht das Land
25. Oktober 1946: Nach den ersten Kreistagswahlen vom 13. Oktober 1946 tritt das Kreisparlament - nunmehr demokratisch legitimiert - im Rokokosaal des Kramer-Museums in Kempen zusammen. Am Tisch (von links): Dolmetscherin Martha Kaiser, der stellvertretende Kommandant Major F. D. Mills-Thomas, Landrat Max Clevers und Oberkreisdirektor Ludwig Feinendegen. FOTO: Kreisarchiv
Kempen. Nach dem Kriegsende steht der Neuaufbau der Verwaltung an. Fast alle Beamten sind in der NSDAP gewesen. Die öffentliche Gewalt nimmt zunächst die alliierte Besatzung wahr. Ihr Ziel: Von Deutschland soll nie mehr ein Krieg ausgehen können. Von Hans Kaiser

KEMPEN Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist, hat Kempen den meisten Kleinstädten etwas voraus: Seit 1816 ist es Kreissitz, und die Behörden in der Burg und im alten Landratsamt an der Hülser Straße geben dem Leben der Stadt eine besondere Prägung. Indes: In den Verwaltungen hinterlässt der Zusammenbruch des "Dritten Reiches" ein Vakuum. Amerikaner und Engländer haben den Krieg gegen Nazi-Deutschland als eine Art Kreuzzug geführt. Sie verordnen dem Staat Demokratie und der Bevölkerung eine neue Gesinnung.

Neue Männer braucht das Land - doch woher sie nehmen? Ob nun mit oder ohne Absicht: Der größte Teil der Bevölkerung war in das nationalsozialistische System verstrickt. Am 31. März 1945 ernennt der amerikanische Kommandant, Major Dawes, den Kempener Verleger Karl Wilhelm Engels zum vorläufigen Landrat. Engels, seinerzeit Herausgeber des Niederrheinischen Tageblatts, war mit seinen kritischen Kommentaren einer der wenigen, die in Kempen Widerstand gegen die Nazis leisteten - bis er 1934 für 21 Tage im "KZ Niederrhein" im Anrather Zuchthaus inhaftiert und bis 1935 seine Zeitung verboten wurde. Er macht sich daran, die verstreuten Abteilungen der Kreisverwaltung ins Landratsamt Hülser Straße zu holen und zu reorganisieren. Die Dienststellen sind im November 1944 nach Bombentreffern auf die Burg an 23 verschiedenen Orten meist ohne Zusammenhang untergebracht worden. "Organisiert" werden muss auch der Bürobedarf wie Schreibmaschinen, Schreibtische und Papier, auf dem man oft nur mit Bleistift schreiben kann, so holzhaltig ist es.

Ende März 1945 wird der Kempener Verleger Karl Wilhelm Engels zum ersten Landrat ernannt. FOTO: Kreisarchiv

Am 27. April 1945 wird die amerikanische von englischer Besatzung abgelöst. Während der amerikanische Commander vorwiegend militärische Befehlsgewalt hatte, stellt sein englischer Nachfolger bald den Repräsentanten einer neu errichteten Militärregierung dar, die für die britische Besatzungszone in Deutschland zuständig ist. Denn am 23. Mai ist die letzte deutsche Regierung (Dönitz) von den Alliierten gefangen gesetzt worden. Der deutsche Landrat ist nicht viel mehr als ein Befehlsempfänger des britischen Kommandanten, der im Haus Herfeldt, Donkring 36, residiert - eingerichtet mit handgeschnitzten Möbeln aus der Schreinerei eines überzeugten Nationalsozialisten, Adolf Breckwoldt, St. Töniser Straße 109.

Am 12. Juni 1945 wird Landrat Engels aus seinem Amt entlassen, denn die Engländer haben kein Vertrauen mehr zu ihm. Der Grund: Karl Wilhelm Engels hat sich geweigert, Kreisbedienstete, die der Nazi-Partei angehörten, zu entlassen, weil er die Fachleute dringend braucht. Er weiß, dass viele von ihnen nur in die NSDAP eingetreten sind, um im öffentlichen Dienst bleiben zu können. Der Landrat hat die Problematik ja am eigenen Leibe erfahren. Um seine Druckerei an der Burgstraße zu behalten, hat der einstige Widerstandskämpfer 1940 selbst den Eintritt in die Partei beantragt. Dazu hat er die Freundschaft des örtlichen Repräsentanten des SS-Staates gesucht: des Gestapo-Kontaktmanns Alexander Bürger, der als ranghöchster Polizist des Kreises von der Landesburg aus die Gesinnung der Einwohner überwachte und später auf Kreisebene die Deportation der Juden organisierte.

Engels' Nachfolger wird am 13. Juni 1945 der renommierte Filmproduzent Christoph Mülleneisen aus Lobberich. Der Mann vom Film hat bei zahlreichen Auslandsaufenthalten Einblicke in andere Kulturen nehmen können. Mit seinen internationalen Erfahrungen und wegen seiner guten Englischkenntnisse ist er von unschätzbarem Wert als Verbindungsmann zur Besatzung. Aber Mülleneisen ist schon 58 Jahre alt; der Arbeit, die er ohne Bezahlung leistet, opfert er seine Gesundheit auf. Anfang 1946 erleidet er einen Schlaganfall und wird am 11. Juni 1946 durch den Kaufmann Josef Windhausen (CDU) aus Waldniel abgelöst. Völlig erschöpft, stirbt er am 14. April 1948.

Sitz der britischen Militärregierung in Kempen war die 1981 abgebrochene Villa Herfeldt, Donkring 36. Der Vordereingang war für Militär und Behörden reserviert, die Zivilbevölkerung hatte die Hintertür zu benutzen. FOTO: Kreisarchiv

Schritt für Schritt gewinnt die Kreisverwaltung nun ihre Selbstständigkeit zurück. Am 15. Oktober 1945 wird Kempens Burg nach dem Abzug einer Besatzungstruppe wieder zum Kreishaus. 1947 wird der britische Kommandeur, der bis dahin das absolute Sagen hatte, durch den "Resident Officer" ersetzt. Der ist schließlich nur noch ein Verbindungsmann zur Kreisverwaltung, die im Laufe des Jahres 1948 allmählich die Verwaltungshoheit im Landkreis Kempen-Krefeld übernimmt.

Wichtigster Schritt auf dem Weg zur deutschen Selbstständigkeit im Landkreis Kempen-Krefeld ist der Neuaufbau eines Kreisparlaments. Die Nationalsozialisten hatten den Kreistag 1933 auf eine bloße Beraterfunktion reduziert und im September 1939 endgültig aufgelöst. Der erste Kreistag der Nachkriegszeit wird noch nicht gewählt, sondern von der britischen Militärregierung ernannt. Am 2. Dezember 1945 hält das neue Kreisparlament seine Jungfernsitzung im Rokoko-Saal des Kramer-Museums. Der britische Kommandant, Oberstleutnant C.R. Greville-Acworth, eröffnet die Sitzung mit den programmatischen Worten: "Es ist nötig, die Deutschen zu erziehen im demokratischen Sinne."

Dann gibt er die Teilung politischer Gewalt auf Kreisebene bekannt: Nach englischem Vorbild soll künftig der Landrat auf repräsentative Aufgaben beschränkt sein. Die Leitung der Kreisverwaltung - also der Exekutive - obliegt künftig einem Oberkreisdirektor. Zum ersten OKD wählt die Versammlung einstimmig den bisherigen Dülkener Bürgermeister Ludwig Feinendegen. Dieses Doppelspitzen-Modell wird bis 1999 gelten.

(Fortsetzung folgt)
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