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Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (6)
Politik im Aufbruch

Serie Kempen In Der Nachkriegszeit (6): Politik im Aufbruch
Die britische Militärregierung im Landkreis Kempen-Krefeld genehmigte die Gründung der Kreis-CDU. Hier ein Bild vom Oktober 1945. In der unteren Reihe sitzt als dritter von links der Kommandant C.R. Greville Acworth, ganz rechts Captain Bowers, der die Zulassung am 4. März 1946 unterzeichnete. FOTO: Kreisarchiv
Kempen. Die Neu- und Wiedergründung demokratischer Parteien geht nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch im damaligen Landkreis nur langsam voran. Der tägliche Existenzkampf hält von politischen Diskussionen ab. Aber dann drängt ein Newcomer nach vorn: die CDU. Von Hans Kaiser

KEMPEN Es war wie eine Kettenreaktion: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges breitete sich 1945 in ganz Deutschland eine christlich-demokratische Bewegung aus. Für die Besatzungsmächte und die bisherigen Parteien kam das völlig unerwartet, aber es schien folgerichtig: Der Nationalsozialismus war zusammengebrochen, der Kommunismus schickte sich an, ganz Europa unter seine Kontrolle zu bringen. Da bot vielen nur noch der christliche Glaube Antwort auf die drängenden Fragen der Zeit. Eine überkonfessionelle Volkspartei neuen Typs entstand, die evangelische und katholische Christen zusammenführen wollte. Die in ihrer Gründungsphase einen christlichen Sozialismus verfolgte mit der Verstaatlichung von Kohlebergbau und Energieerzeugung. Die Empörung über Unternehmen der Großindustrie, die ihren Profit mit Aufträgen des Hitler-Regimes erwirtschaftet hatten, saß noch tief. Aber von marxistischen Gedanken grenzte die neue Partei sich klar ab.

Ihre Kernforderung lautete: "Die gottgegebene Freiheit des Einzelnen soll sich mit den Forderungen des Gemeinwohls verbinden." In diesem Sinne vollzog sich am 17. Juni 1945 im Kölner Kolpinghaus noch inoffiziell die Gründung einer Christlich-Demokratischen Partei (CDP), die dann am 15. Dezember 1945 in Bad Godesberg umbenannt wurde in CDU.

Organisator am Rednerpult: CDU-Gründer Karl Dörpinghaus. FOTO: Kreisarchiv

In Kempen bilden der Glaser Peter Trienes und der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär Karl Dörpinghaus den Motor der christlich-idealistischen Bewegung. Als dritter Initiator beim Aufbau einer christlich-demokratischen Partei für den damaligen Landkreis Kempen-Krefeld kommt der Zigarrendreher Heinrich Strucken aus Grefrath hinzu, der spätere Grefrather Bürgermeister von 1952 bis 1960. Vierter in dieser noch lockeren Gruppierung christlich-demokratischer Gründungsväter wird der Waldnieler Leinenhändler Josef Windhausen, der ab Januar 1946 die Geschäfte des erkrankten Landrates Christoph Mülleneisen führen und im Juni zum Landrat ernannt werden wird.

Am 15. September 1945 genehmigt die Britische Militärregierung die Bildung politischer Parteien; bereits eine Woche vorher hat Trienes die Genehmigung einer Kreis-CDP beantragt. Leider fehlte das erforderliche Antragsformular.

Trienes' Absicht und die seiner politischen Freunde: Sie wollen mithilfe einer festen Organisation das politische Desinteresse bekämpfen, das damals nach den Enttäuschungen durch die Nazis und im Überlebenskampf der Nachkriegszeit den größten Teil der Bevölkerung beherrscht. Am Samstag, 1. Dezember 1945 findet dann in der Aula der Kempener Knabenvolksschule das historische Treffen zur Gründung der CDU-Kreispartei statt - damals noch als CDP bezeichnet. Erschienen sind 49 geladene Teilnehmer aus zwölf Gemeinden des Kreises, bei denen vorher sichergestellt wurde, dass sie trotz mangelhafter Verkehrsverbindungen und Ausgangssperre auch wirklich kommen können.

Dr. Marcus Optendrenk ist aktueller Vorsitzender der CDU im Kreis Viersen. FOTO: Gerhard Bücker

Nicht erschienen ist der Referent der Veranstaltung, Dr. Karl Zimmermann, Mitbegründer des Kölner Ortsverbands und seit dem 2. September 1945 Generalsekretär der Rheinischen CDP in Köln. Der Gast aus der Domstadt konnte im stockfinsteren Kempen die Knabenschule nicht finden. Da springt in der Aula der versammlungserprobte Gewerkschafter Karl Dörpinghaus in die Bresche, hält aus dem Stegreif eine programmatische Rede.

Worauf ein provisorischer Vorstand gewählt wird mit Josef Windhausen als Erstem Vorsitzenden, als Zweitem Vorsitzenden und Geschäftsführer Karl Dörpinghaus. Unter seiner Leitung wird am 6. Dezember 1945 der förmliche Antrag auf Genehmigung der CDP für den Landkreis gestellt.

Aber erst am 4. März 1946 stellt die Besatzungsbehörde das Permit für die CDP/Landkreis Kempen-Krefeld aus. Der Grund für die Verzögerung: Die aufwendige Überprüfung. Der Kreis-Kommandant Oberstleutnant C.R. Greville-Acworth traut den Deutschen politisch noch nicht viel zu. Als Geschäftsstelle für die neue Partei hat der Schreinermeister und Möbelhändler Franz von Broich einen Wohnraum in seinem Haus Ellenstraße 11 zur Verfügung gestellt.

Und die Kempener Ortspartei? Am 15. Dezember hält eine 36 Teilnehmer starke Gründergruppe - wahrscheinlich im alten Lyzeum, Vorster Straße 8 - eine vorbereitende Besprechung ab. Am Samstag, 19. Januar 1946, um 16 Uhr 30, wird in der Lyzeums-Aula die Ortspartei gegründet. Ihr erster Vorsitzender wird der hoch angesehene Bürgermeister der Stadt, Peter Kother, langjähriges Zentrumsmitglied, Kreistagsabgeordneter und Beigeordneter der Vorkriegszeit und mittlerweile schon 68 Jahre alt.

Am Sonntag, 15. September 1946, finden die ersten Kommunalwahlen statt. Sie basieren noch auf dem englischen Mehrheitswahlsystem: Die Stimmen der Minderheit fallen in jedem Wahlbezirk unter den Tisch. Das bringt der Kempener CDU eine überwältigende Mehrheit mit 15 Sitzen. Die SPD hat nur noch drei Sitze, die KPD, anders als vor 1933, keinen einzigen mehr. Sie wird zur Splitterpartei und erhält den Spitznamen "Kleinste Partei Deutschlands". In der Gemeinde Schmalbroich stellt die CDU alle zwölf Gemeinderäte.

Als am 11. Dezember 1965 die Kreis-CDU in der Aula der Süchtelner Realschule ihr 20-jähriges Bestehen begeht, überreicht nach der Festrede von Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) der Kreisvorsitzende Peter van Vlodrop den Kempenern Peter Trienes und Karl Dörpinghaus eine Ehrenurkunde.

Zweite Neugründung neben der CDU: die FDP. In Kempen geht sie von Werner Lange aus. Nach dem Krieg in die Thomasstadt verschlagen, tritt er am 4. September 1948 in Krefeld der neu gegründeten Freien Demokratischen Partei bei, gehört zunächst, weil es die in Kempen noch nicht gibt, dem St. Töniser Ortsverband an. Aber dann hat die Suche nach Gleichgesinnten Erfolg. Bei der Wahl vom 9. November 1952 kommt die FDP in den Kempener Stadtrat, stellt sechs von 24 Stadtverordneten.

Der Aufbau demokratischer Parteien wird noch Jahre nach Kriegsende durch das allgemeine Desinteresse erschwert. Wenn`s um Politik geht, kennen die Menschen bis zur Währungsreform 1948 nur ein Thema: die Sicherstellung der nackten Existenz. Die tägliche Not ist so groß, dass die Bevölkerung das Kürzel "BZ" für "Britische Besatzungszone" mit bissigem Spott für die Besatzungsmächte in "KZ" umbenennt (Bericht des Oberkreisdirektors vom 22. November 1946) und die Abkürzung "USA" in "Unser seliger Adolf".

(Fortsetzung folgt)
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