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Kempen
Rätsel um die versunkene Kapelle

Kempen: Rätsel um die versunkene Kapelle
Wenn er Besucher zu der versunkenen Kapelle führt, trägt Heinz Prost immer eine rund 30 Kilo schwere Rüstung. FOTO: franz-heinrich busch
Kempen. Auf dem heutigen LVR-Gelände stand einst Süchtelns einziges Gotteshaus. Um das Verschwinden der Kapelle ranken sich mehrere Legenden. Als Ritter mit Kettenhemd, Schild und Schwert kämpft Heinz Prost um den Erhalt der Sagen. Von Emily Senf

Aus dem kleinen roten Lautsprecher in Heinz Prosts Hand dröhnt eine düstere, unheilschwangere Musik. Der Himmel ist wolkenverhangen, vereinzelt fallen Regentropfen auf das modrige Herbstlaub. Hier und da ist der Ruf eines Vogels zu hören, das Flattern von Flügeln zwischen den Baumkronen. Die schwarzweiße Katze mittendrin aber lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Gemütlich sitzt sie im Gras, die Pfoten an den Körper gezogen, langsam pendelt ihr Schwanz über ihrem Kopf hin und her. An welch geschichtsträchtigem Ort sie gerade sitzt, wird ihr herzlich egal sein.

Die Menschen aus der Umgebung dagegen kennen die Kuhle auf dem Gelände der LVR-Kliniken als Stelle, an der einst Süchtelns einziges Gotteshaus stand. Geweiht war es dem heiligen Johannes. Eines Tages versank die Kapelle in der Erde. An ihrer Stelle bildete sich ein Weiher, der bis heute nicht versiegt ist. Von der Kapelle kündet nur noch die Spitze, die aus der Erde ragt - und Glockengeläut, das jedes Jahr in der Johannisnacht auf den 24. Juni leise erklingt.

Das älteste bekannte Foto des Weihers zeigt ihn Anfang der 1930er-Jahre, Heinz Prost erhielt es von Pfarrer Walter Ehses, der 2013 im Alter von 102 Jahren starb. FOTO: heinz prost

Oder aber, erklärt Prost, stand dort die Burg des Raubritters Johannis Baldinus. Nach einem erfolgreichen Beutezug fand ein Gelage statt, als ein schweres Gewitter die Burgmauern zum Zittern brachte. Baldinus soll Gott gelästert haben - und ein greller Blitz die Burg in Asche gelegt. Einzig ein kleiner Weiher blieb demnach an dieser Stelle zurück.

Prost, 78 Jahre alt, aufrechter Gang, weißes Haar und wache Augen, gefallen beide Geschichten, einen Favoriten hat er nicht. Wichtig ist ihm dagegen, dass sie überhaupt erzählt werden. Er selbst übernimmt das mehrmals im Monat, gerade ist Winterpause, erst im Frühjahr legt er seine Rüstung wieder an. Die besteht aus einem weißen Gewand mit Umhang, einem echten Kettenhemd, Helm, Schild und Schwert - insgesamt rund 30 Kilogramm schwer. Orientiert hat er sich dafür an den Tempelrittern, davon zeugt das große rote Kreuz auf Schild und Brust.

Prost ist zwar kein gebürtiger Süchtelner, aber die Historie seiner Wahlheimat ist dem gebürtigen Recklinghäuser eine Herzensangelegenheit. Für Grundschulklassen, Kindergartengruppen, Geburtstagsgesellschaften und Erwachsene macht er darum Führungen zur sogenannten versunkenen Kapelle - und versucht mit seiner Verkleidung und der Musik eine möglichst authentische Stimmung zu erzeugen.

Der 78-Jährige kennt sich auf dem Gelände des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) aus, machte dort seine Ausbildung und war 43 Jahre lang Leiter der Pflegeschule. Im Frühjahr 1958 hörte er zum ersten Mal die Geschichten um die versunkene Kapelle. Fortan wollte er mehr wissen, befragte in den manchmal endlos wirkenden Nachtschichten Kollegen, gebürtige Süchtelner. Damals stand die Kapellenspitze mit Wetterfahne noch ein ganzes Stück weiter hinten als heute. Der Weiher war deutlich größer, das Gelände rundherum gepflegt.

Eine Brücke führte über das Wasser. "Es war ein Traum", erinnert sich Prost. "Täglich waren drei Gruppen unterwegs, um alles sauber zu halten. Kein einziges Blatt lag auf dem Weg." Die Patienten waren in die Arbeiten eingebunden, diese galten für sie als beruhigende Therapie, erzählt Prost. Doch der Weiher zog auch etliche Mücken an, und die Unterhaltungskosten waren hoch. 1978 ließ der Landschaftsverband ihn trockenlegen. Mehr als zwei Jahrzehnte lang gerieten die Sagen in Vergessenheit.

Seine Recherchen hat Prost Anfang der 90er-Jahre in einem Heftchen zusammengetragen. Demnach hatte Kommerzienrat Wilhelm Ling, "ein begeisterter Naturfreund und Liebhaber des Brauchtums", 1894 dem damals noch großen Weiher eine Kirchturmspitze, ein altes, verwittertes Kreuz mit Wetterfahne, gegeben - vermutlich die Kapellenspitze der Vorster Pfarrkirche St. Godehardus, die im selben Jahr abgebrochen wurde. 1906 eröffnete auf dem heutigen LVR-Gelände eine Klinik für epileptische Kinder, mit jeweils 60 Mädchen und 60 Jungen sowie einer Schule und einer Turnhalle. 1920 wurde sie aufgelöst. Der LVR-Klinikverbund aber wuchs weiter, bis auf seine heutige Größe. Prost ging im Jahr 2000 in den Ruhestand.

Mehr als 20 Jahre nach Trockenlegung des Weihers setzte er sich 1990 für eine Neuanlegung ein, wandte sich an den Landesdirektor und bekam nach Monaten des Bemühens die Zustimmung zu seiner Idee. In Absprache mit dem Referat für Umweltschutz und Landespflege, der Unteren Wasserbehörde des Kreises und der Unteren Forstbehörde Mönchengladbach, "vielen bürokratischen Hindernissen", entschied sich der Wahl-Süchtelner für den kleinen Weiher hinter der Klinik für Orthopädie, der als Regenrückhaltebecken dient. Danach packten mehrere an: Nach Vorlagen der alten Wetterfahne fertigte Heinz-Willi Sleegers vom Festausschuss Süchtelner Karneval eine Zeichnung der neuen, Werner Holthausen vom Süchtelner Verschönerungsverein übernahm die Schmiedearbeiten. Im April 1992 dann der große Moment: Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Süchteln setzten den Betonblock mit Wetterfahne in den Boden. Etliche Besucher feierten die Einweihung.

Im vergangenen Jahr hat der Landschaftsverband den Waldweg, an dem der Weiher liegt, instandsetzen und die Pflanzen drumherum zurechtstutzen lassen. "Immer wieder hatten sich Besucher und Angehörige von Patienten über den desolaten Zustand des Weihers und des Weges beschwert", sagt Prost. Damit das nicht wieder passiert, sollen die Mitarbeiter einer Gärtnerei, die sich um die Sanierung gekümmert haben, regelmäßig wiederkommen.

Prosts Traum ist es, dass der Park eines Tages wieder so hergestellt wird, wie er ihn im Jahr 1958 kennenlernte. Ob die Legenden über die Kapelle wahr sind, ist für den Rentner nicht wichtig. "In jeder Geschichte steckt immer ein Fünkchen Wahrheit", sagt er und zwinkert.

Die schwarzweiße Katze ist längst verschwunden.

Quelle: RP
 
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