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Willich in der Nachkriegszeit
Rückkehr zur Religion

Kempen. Weil das Stahlwerk zur Besatzungs-Kaserne wird, verliert der Ort den Charakter einer Industriegemeinde. Religiöse Werte zählen wieder nach dem Untergang des atheistischen NS-Regimes. Von Hans Kaiser

Am 2. März 1945 ist Willich besetzt, aber erst im Mai wird die Wehrmacht kapitulieren. Noch im März 1945 bereiten die Amerikaner, um weiter nach Deutschland hinein vorzustoßen, den Übergang über den Rhein vor. Dessen Hinterland wird zum Aufmarschgebiet. Um Platz für Pontons und Panzer zu schaffen, evakuiert man die Büdericher und Lanker nach Willich, und bereitwillig wird Platz gemacht. Die Ernährung klappt vorerst, denn die provisorische Verwaltung unter Gemeindeinspektor Josef Webers hat die Mehlvorräte der Mühlen sichergestellt. Schon am 7. März druckt Druckermeister Christian Reinartz die neuen Bezugsscheine für Brot.

Aber erst im Mai 1945 funktioniert wieder die Versorgung mit Wasser, Elektrizität und Gas. Die Oberleitung der Straßenbahn Linie 8, die von Krefeld über Willich nach Schiefbahn-Knickelsdorf führt, liegt auf dem Straßenpflaster. Die Eisenbahn verkehrt spärlich und nur bis Mönchengladbach-Neuwerk. Der Fernsprechverkehr liegt ganz im Argen.

Willichs einziger Großbetrieb ist das Stahlwerk Becker an der Anrather Straße, von 1908 bis 1917 erbaut und immer wieder erweitert. 1934 haben die Deutschen Edelstahlwerke in Krefeld das Werk vom Ruhrstahlkonsortium angepachtet, 1939 gekauft. Bis Kriegsende ist es als Rüstungsfabrik auf Hochtouren gelaufen, 2000 Menschen haben hier im Schichtbetrieb gearbeitet. In das Becker-Stahlwerk sind im April 1942 russische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit gebracht worden; die ersten Russen im damaligen Landkreis Kempen-Krefeld.

Bis Ende 1945 ist hier ein Lager befreiter russischer Zwangsarbeiter untergebracht; die englische Besatzung demontiert die militärisch wichtigen Produktionsanlagen. Nach einiger Zeit setzt die Gemeinde Willich 18 Kleinbetriebe hinein. Statt des erhofften Neuanfangs kommt bald das Aus: Am 9. Juli 1948 beschlagnahmen die Engländer das Werksgelände, machen daraus eine Kaserne für das Pionier-Regiment der "Royal Engineers". Für Willich ist das eine Katastrophe. Der Industrieort sieht sich zu einer reinen Wohngemeinde heruntergestuft, die Steuerausfälle sind enorm.

Aber Animositäten gegenüber den "Tommys" gibt es nicht - im Gegenteil: Anfang September 1945 trifft der VfL zu einem Freundschaftsspiel mit englischen Soldaten zusammen. Das Treffen endet mit einem 6:1 für die besser genährten Besatzer. Bis zu ihrem Abzug 1992 werden die Fremden Freunde in Uniform. Sie sorgen für die Waisenkinder auf Haus Broich, räumen Schnee, bauen Spielplatzgerüste und die ersten Zuschauertribünen vor Schloss Neersen. 1973 verleihen sie der Gastgeberstadt das Ehrenrecht "Freedom of the City".

Nach den angespannten Zeiten der letzten Kriegsjahre und dem geistigen Terror der Nazis treten kulturelle Bedürfnisse zutage. Im Herbst 1945 kommt das Willicher Männerquartett wieder zu Gesangsproben in der Gaststätte Wilhelm Bonten zusammen. Am 25. November 1945 feiert der MGV 1820 sein 125-jähriges Stiftungsfest. Nach sechs Jahren tagt in Willich der Martinzugsverein unter dem Vorsitz des Rektors Rütten; das historische Martinskostüm hat die Kriegswirren gut überstanden, 1800 Martinstüten werden verteilt. Seit November beseitigt man die Kriegsschäden am Turm von St. Katharina. Anfang Dezember geht die Turmuhr als einziger öffentlicher Zeitzeiger der Gemeinde wieder ihren Gang.

Das hat Symbolkraft: Auch in Willich kommt es nun zu einer umfassenden Rückbesinnung auf religiöse Werte. Nach dem Ende des "Dritten Reiches" nimmt der Kirchenbesuch um 90 Prozent zu. Auf der Hardt bildet sich ein Verein zum Bau einer eigenen Kapelle. Im März 1946 wird wieder die Kolpingfamilie ins Leben gerufen, sofort zählt sie 20 Mitglieder. Die meisten haben noch dem im Krieg abgestorbenen Verein angehört. Im Lauf des Jahres erhöht sich ihre Zahl auf 50. Im April 1946 spricht sich die Einwohnerschaft mit 98 Prozent für die Wiedereinführung der Bekenntnisschule aus. Am 3./10. August 1947 wird in der Wirtschaft von Karl Lütters, Hochstraße 15, der Katholische Arbeiterverein neu gegründet. Später geht aus ihm die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) hervor. Am 20. August 1947 schließlich kehrt die erste der drei im Jahre 1942 zur Schmelze abgelieferten Kirchenglocken vom Glockenfriedhof in Hamburg-Wilhelmsburg zurück. Groß ist die Anteilnahme der Bevölkerung.

Quelle: RP
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