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Kempen
Sport als Brücke zwischen den Kulturen

Kempen: Sport als Brücke zwischen den Kulturen
Die "Süchtelner Nachtläufer" kamen beim Training regelmäßig an der Unterkunft an der Schmiedestraße vorbei. Sie fragten, ob Asylbewerber nicht mitlaufen wollten, sammelten Schuhe und Sportkleidung und liefen los. FOTO: Busch
Kempen. Wie gelebte Integration aussehen kann, zeigt die Laufgruppe "Süchtelner Nachtläufer". Die Sportler laufen zusammen mit den Asylbewerbern an der Schmiedestraße. Auch für die richtige Bekleidung wurde gesorgt. Von Natascha Becker

Sportbekleidung bestimmt das Bild an der Viersener Asylbewerberunterkunft an der Schmiedestraße in Süchteln. Mehrere jungen Männer in Laufschuhen und sportlicher Bekleidung haben sich am Eingang der kleinen Containersiedlung eingefunden - und warten. Als Klaus Röskens, Frank Scharré und Dirk Aschoff-Franke um die Ecke gebogen kommen, sind ein herzliches "Hallo" samt Lachen auf beiden Seiten zu hören. Einen langen Stopp gibt es aber nicht. Direkt nach der Begrüßung geht es weiter. Allerdings sind es jetzt nicht mehr drei Läufer, sondern neun, die gemeinsam die Straße in Richtung Niers hinunter joggen, wobei die Gesichter der sechs Asylbewerber mehr als nur strahlen. Sie drücken pure Freude aus.

Es ist Mittwochabend und damit einer der beiden festen Tage, an denen die Laufgruppe "Süchtelner Nachtläufer" zusammen mit den asylsuchenden Männern, die in der Unterkunft leben, läuft. "Die Idee zu dem gemeinsamen Sport ist uns beim Laufen gekommen. Wir laufen hier auf unserer Trainingsrunde immer vorbei und irgendwie kam der Wunsch auf, die Menschen anzusprechen, ob sie keine Lust hätten, mit uns zu laufen. Wir wollten sie gerne an unserem Sport teilhaben lassen", erinnert sich Aschoff-Franke. Die Sportgruppe sprach die Stadt an und über Peter Hohlweger von der Diakonie wurde ein erster Kontakt hergestellt. Dieser sah so aus, dass die Nachtläufer einen Aushang in deutscher, englischer und französischer Sprache in der Unterkunft aufhängten. Zu einem ersten Lauf kam allerdings niemand mit. "Irgendwie gab es anscheinend auf beiden Seiten Berührungsängste. Die asylsuchenden Menschen wussten wahrscheinlich nicht so richtig, etwas mit unserem Angebot anzufangen", erzählt Röskens. Mit Hilfe der Stadt erfolgte eine arabische Übersetzung des Aushanges und den Nachtläufern kam eine weitere Idee. "Die Asylbewerber besitzen keine Sportausrüstung. Gerade beim Laufen sind die richtigen Schuhe wichtig. Wir haben Laufkollegen vom Marathonteam angesprochen und um Laufschuhe sowie -kleidung gebeten", sagt Scharré.

Die Resonanz war enorm. Mit der gebrauchten Ausrüstung ging es erneut zur Schmiedestraße, Sportoutfits wurden anprobiert und auf einmal merkten die Asylbewerber, dass es jemand ernst meint, am Ball bleiben möchte und sich einsetzt. Für jeden Interessierten fanden sich passende Schuhe und Bekleidung. Der erste gemeinsame Lauf stand an, wobei die Nachtläufer feststellen konnten, dass die jungen Männer eine gute Kondition haben und problemlos die erste, etwas langsamere Runde von fünf Kilometern mitlaufen konnten. Etliche laufen inzwischen sogar die zweite fünf Kilometerrunde, die in einem schnelleren Tempo absolviert wird, mit.

Sprachlich ist ein Austausch zwar nicht einfach, aber der Sport schlägt Brücken. "Wir haben abends schon einen Kasten alkoholfreies Bier mitgebracht und gemeinsam ein Bierchen nach dem Sport getrunken", berichtet Aschoff-Franke, der als Arzt auch schon Tipps bei kleineren medizinischen Problemen gab. Die Nachtläufer, zu denen auch Markus Meurer und Stefan Derix zählen, helfen zudem über den Sport hinaus. "Einer brauchte ein Radschloss. Ich hatte noch eins übrig und habe es mitgebracht", sagt Scharré. Einer der Männer musste nach Dülken, bei den Nachtläufern fand sich spontan ein Fahrer. Man selber bekäme einen anderen Blick auf die Menschen, die Asyl suchen würden, meint Röskens. Die Sportler erfuhren Einzelschicksale, Hintergründe zur Flucht und erlebten so gedanklich, was es heißt, aus seiner Heimat zu flüchten.

Quelle: RP
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