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Borussias "normaler" 17-Millionen-Mann

Lokalsport: Borussias "normaler" 17-Millionen-Mann
Rekordmänner im Wandel der Zeit: Federico Insúa (oben), Granit Xhaka und Luuk de Jong (Mitte), Matthias Ginter und Christoph Kramer (unten). Rekordmänner im Wandel der Zeit: Federico Insúa (oben), Granit Xhaka und Luuk de Jong (Mitte), Matthias Ginter und Christoph Kramer (unten). Rekordmänner im Wandel der Zeit: Federico Insúa (oben), Granit Xhaka und Luuk de Jong (Mitte), Matthias Ginter und Christoph Kramer (unten). FOTO: dwi, imago (2)
Kempen. Früher behielt ein Rekordeinkauf über Jahre seinen Titel. Inzwischen ist es die Regel, dass beinahe jeder Sommer den vorherigen übertrifft. So ist die Verpflichtung von Matthias Ginter längst keine Sensation mehr für Gladbach. Von Jannik Sorgatz

Stefan Effenberg hielt sich elf Jahre an der Spitze. Sieben Millionen Mark überwies Borussia im Sommer 1995 an den AC Florenz, womit der "Tiger" zuzüglich der Leihgebühr aus dem Vorjahr der mit Abstand teuerste Gladbacher der Vereinsgeschichte wurde. Der Euro war längst eingeführt, als Federico Insúa 2006 für gut vier Millionen kam und Effenberg ganz knapp ablöste. 2012 verdoppelte Granit Xhaka die Rekordmarke mit rund neun Millionen. Die Transferwelt war durch steigende Fernseheinnahmen und Europapokalprämien längst eine andere geworden, was sich auch daran ablesen ließ, dass Luuk de Jong schon zwei Monate später Xhaka vom Thron stieß.

Danach ging Christoph Kramer ab 2016 als Rekordspieler durch, wobei er es dem Vernehmen nach nie war. Borussia musste den FC Basel nämlich so üppig am Weiterverkauf Xhakas an den FC Arsenal beteiligen, dass der Schweizer Mittelfeldspieler sich mit neun plus acht gleich 17 Millionen Euro Ablöse den ersten Platz zurückholte. Als gestern Matthias Ginter auf dem Pressepodium im Borussia-Park Platz nahm, gab Sportdirektor Max Eberl branchenüblich keine Details preis. Dem Vernehmen nach liegt Ginter aber nahezu gleichauf mit 17-Millionen-Mann Xhaka. Borussia Dortmund kann durch Bonuszahlungen noch etwas mehr einnehmen. Ginter ist damit wohl der alleinige Rekordeinkauf in spe.

Ein Teil der Gladbach-Fans lässt die 17 Millionen bereits wie ein Damoklesschwert über Ginter schweben. Sie halten den Defensivspieler für überteuert. Ihnen gegenüber stehen - das zeigte eine Umfrage bei RP ONLINE - in etwa genauso viele, die sagen: 17 Millionen sind in Ordnung. Die Grauzone ist schmal. Wahrscheinlich kann auf das Adjektiv "marktgerecht" in Diskussionen über Ablösesummen nicht mehr verzichtet werden. Die Nennung der Währung erübrigt sich beinahe, weil die Zahlen nur noch Relationen wiedergeben: Spieler X ist teurer als Spieler Y, aber günstiger als Spieler Z. "Es ist mittlerweile wie Monopoly. Manchmal kommt es mir vor, als gehe es um Spielgeld", sagte Eberl unserer Redaktion.

Was als Mahnung gemeint war, spiegelt gleichzeitig die neue Realität wider. Denn bei Borussia definieren die Einnahmen nach wie vor die Ausgaben. Bis gestern Morgen hatte Gladbach 19,5 Millionen Euro ausgegeben und 22,7 eingenommen, nun liegen die Ausgaben bei etwa 36,5 Millionen, aber 2016 verzeichnete der Klub zugleich den Rekordgewinn von 26,8 Millionen Euro. "Es ist ein großer Schritt, aber für uns als Borussia eben auch leistbar. Das haben wir uns hart erarbeitet", sagte Eberl und rechnete selbst nach dem Vergleichsprinzip vor: "Beim Confed Cup hat Matthias Ginter neben Shkodran Mustafi gespielt, der 40 Millionen gekostet hat, und neben Antonio Rüdiger, der für 35 Millionen wechselt. Niklas Süle geht für 25 Millionen zu den Bayern. Deshalb darf ich sagen: Matthias Ginter war für uns ein teurer, aber mit Blick auf den ganzen Markt ein normaler Transfer."

Eberl hätte auch Rechenbeispiele aus dem eigenen Verein verwenden können: Was soll ein Mann wie Ginter mit noch zwei Jahren Vertragslaufzeit sonst kosten, wenn André Hahn mit noch einem Jahr sechs Millionen Euro einbringt? Ginter ist jung und gleichzeitig erfahren, hat eine gewisse Reife, aber immer noch Entwicklungspotenzial. Er ist Weltmeister, Confed-Cup-Sieger, aktueller Nationalspieler und hat beim zweitgrößten Verein der Bundesliga trotz aller Schwierigkeiten die sechstmeisten Einsatzminuten gehabt. Die Extras summieren sich wie bei einem ursprünglichen Billigflug, bei dem Upgrades wie WLAN, eine warme Mahlzeit und mehr Beinfreiheit den Preis sprunghaft in die Höhe treiben.

"Jetzt muss man vielleicht noch darüber nachdenken, bei passenden Angeboten den einen oder anderen abzugeben, damit der Kader nicht zu groß wird", sagte Eberl. Wenn überhaupt, wird er den Stürmerwunsch zahlreicher Fans nur erfüllen können, wenn er Einnahmen generiert. Selbst dann ist ausgeschlossen, dass Borussia in Sphären eines Vincent Janssen von Tottenham Hotspur vordringt, der für 14 Millionen Euro gehandelt wurde. Gladbach wolle trotz aller Monopoly-Merkmale des Transfermarktes nicht zum "Gambler" werden, wie Eberl es gegenüber unserer Redaktion ausdrückte. Sich bei einem Wunschspieler in Sphären wie bei Ginter vorzuwagen, ist inzwischen aber kein Meilenstein mehr. Der 23-Jährige ist Borussias ganz "normaler" 17-Millionen-Mann.

Quelle: RP
 
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