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Kempen
Syriens Kinder leiden unter Gewalt und Tod

Kempen: Syriens Kinder leiden unter Gewalt und Tod
FOTO: Humanplus
Kempen. Die Nettetaler Organisation "Human Plus" ist immer noch in Syrien und im Nordirak aktiv. Ihr Vorsitzender Anestis Ioannidis warnt vor einer humanitären Katastrophe, wenn Hilfe ausbleibt. Von Ludger Peters

Der 19-jährige syrische Fahrer des kleinen Lkw war sofort tot. Eine Rakete hatte das Fahrzeug getroffen, mit dem der junge Mann im Juni Hilfsgüter in einer Bergregion verteilen wollte. Der junge Mann wollte nicht kämpfen, sondern einen Hilfstransport der Nettetaler Organisation "Human Plus" ins Ziel bringen. "Angriffe von Heckenschützen oder mit Raketen gibt es häufig", sagt Human-Plus-Vorsitzender Anestis Ioannidis. Schon seit 2011 organisiert er mit ehrenamtlichen Helfern Hilfsgütertransporte in das von Bürgerkrieg und Terrorismus heimgesuchte Syrien. Fünf Helfer kamen bisher ums Leben.

Im Januar 2015 erreichte Human Plus mit einem Transport, der bis dahin zwei Monate unterwegs gewesen war, nach einer gefährlichen Odyssee Menschen im Nordirak. Sie waren im Sommer 2014 zu hunderttausenden vor Terroristen in die Berge Sengals geflüchtet. Human Plus brachte ihnen 17 Tonnen Wintertextilien, Schuhe, Grundnahrungsmittel, Babynahrung, Medikamente, Verbandstoffe, Reinigungs- und Hygienemittel. Human plus war die erste internationale Hilfsorganisation, die nach der dramatischen Befreiung der Grenzstadt Kobane die Menschen dort mit 40 Tonnen Hilfsgütern unterstützt hat.

Die Kinder freuen sich über Nahrungsmittel inmitten der Not. FOTO: Humanplus

Anestis Ioannidis fürchtet eine humanitäre Katastrophe, wenn die Welt nicht endlich in Syrien selbst hilft. "Die Luftangriffe westlicher Nationen haben unsere Arbeit schon schwieriger und riskanter gemacht. Das Eingreifen der Russen hat die Lage erheblich verschärft. Unsere Mitarbeiter können die eingeschlossenen Menschen in schwer zugänglichen Gebieten und in der umkämpften Region von Aleppo nur unter Lebensgefahr erreichen", berichtet er. Human Plus ist nach seinen Beobachtungen möglicherweise die letzte europäische Organisation, die Hilfsgüter bringt und verteilt. Für Ioannidis ist es müßig nachzuforschen, auf wessen Konto die tödlichen Angriffe auf seine Transporte gehen. Nach seiner Einschätzung bildet der "Islamische Staat" (IS) keine homogene Einheit. Es gebe zwar Befehlsstrukturen und militärische Strategien. Aber längst hätten sich in diesem Spektrum marodierende Banden gebildet. Sie beriefen sich auf den Koran und seien gottloser als Piraten. "Gottes Name dürfte nie benutzt werden, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen, so wie die Terrorgruppen ihr Handeln rechtfertigen. Ein Menschenleben zählt für sie nichts. Sie morden, sie entführen, missbrauchen und verkaufen Kinder und Frauen. Sie brandschatzen Dörfer und Städte." Wer in Syrien und im Irak kämpfe, lasse sich nicht mehr ermitteln. "Es gibt ständig wechselnde Koalitionen. Bandenführer ordnen sich mal dem IS unter, dann wiederum sind sie auf eigene Rechnung unterwegs."

Im Oktober 2011 schickte Human Plus den ersten Hilfstransport nach Syrien. Korruption und Erpressung an Zollstellen erschweren die Arbeit. Human Plus muss für jeden Transport zusätzlich mehrere tausend Euro für Bestechungsgelder einrechnen. Der türkischen Regierung wirft Ioannidis Unehrlichkeit vor. Er ist überzeugt, dass das Land Öl von Terroristen kauft und ihnen Waffen liefert. Die religiöse Ausrichtung der Regierung sei vorgeschoben. Human Plus wird nach Ioannidis' Angaben von namhaften Firmen in Deutschland mit Sachspenden unterstützt. "Unsere Transparenz und die Nachhaltigkeit unserer Hilfen haben Vertrauen geschaffen." 25 vollständig ausgerüstete Krankenwagen hat die Organisation in Syrien eingeschleust, mehr als 1500 Tonnen Hilfsgüter sind bereits zugestellt worden. Allein in diesem Jahr waren es 140 Tonnen. Human Plus unterhält Lager, in denen Güter portioniert übergeben werden. Dabei helfen Kinder und Jugendliche, die Eltern und Verwandte verloren haben. In Aleppo griffen Helfer einen dreijährigen Jungen auf, der völlig allein in der Welt ist.

"Er ist der bisher Jüngste. Aber es gibt tausende Waisen. Um solche Kinder kümmern wir uns, wir möchten nicht, dass sie Terroristen in die Hände fallen. Darum brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung", sagt der Nettetaler.

Er fürchtet, dass die nicht flüchtenden Menschen vergessen werden. "Zurückbleiben müssen die ärmeren Menschen. Wer Geld hat, hat sich mit der Familie auf den Weg gemacht oder wenigstens ein Familienmitglied losgeschickt. Wer geblieben ist, kann Schleuser nicht bezahlen. Wir müssen unbedingt verhindern, dass sich Jugendliche und Kinder radikalisieren."

Ioannidis wirft der Politik vor, sie führe fruchtlose Debatten und helfe nicht. "In Syrien tragen sich unterdessen unvorstellbare Dinge zu." Ioannidis hat beobachtet, wie Saudis in Flüchtlingslagern für einige Dollar Mädchen oder junge Frauen kauften. Human Plus stützt sich in Syrien auf gemäßigte Assad-Gegner, die durch das russische Engagement bedroht seien. Frühe Hinweise auf eine Flüchtlingsbewegung aus Syrien heraus seien von Regierungen ignoriert worden. Ioannidis wirft ihnen vor, sich der humanitären Hilfe in Syrien zu verweigern und zu Hause ihre christlichen oder sozialen Grundsätze aus taktischen Gründen zu verleugnen. Hochachtung habe er nur vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Human Plus habe lange geschwiegen und gehandelt. Aber die Lage spitze sich in Syrien inzwischen so dramatisch zu, dass die Organisation die Öffentlichkeit um Hilfe bitten müsse. "Es haben sich genug deutsche Politiker in Camps erschüttert gezeigt, die Menschen dann aber trotzdem im Stich gelassen", sagt Ioannidis. Nähere Informationen gibt es im Internet unter: www.Human-Plus.org.

Quelle: RP
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