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Stadt Kempen
Tönisberger pflegen die Tradition

Stadt Kempen. Ein Spaziergang durch Tönisberg führt an allerlei Sehenswürdigkeiten vorbei. Beim "Scholljong" denken viele an ihre Kindheit in der Dorfschule zurück. Sieben Fußfälle laden zur Besinnung ein. Von Margret Vieregge

Der kleine Leitfaden für einen Spaziergang durch Tönisberg wird vom Heimatverein herausgegeben, der Geschichte und Brauchtum erforscht und für die Heimatkunde verantwortlich ist. Was aber ist Heimat? Ist es ein Gedanke, ein Gefühl der Geborgenheit oder ein "Sehnsuchtsort in Erinnerung erschaffen", wie der Internetblogger Hans Dieter Peschken in seinem Artikel über die Heimat schreibt. Er geht sogar noch weiter und stellt die These auf, dass "Heimat eine Illusion" und "eine Utopie" ist. "Wir sind Durchreisende", sagt er und "in diesem Sinne machen wir uns auf". Ja, machen wir uns auf zu einem Spaziergang durch Tönisberg, "der besonders die Augen öffnen soll für die Sehenswürdigkeiten im Dorfkern", wie es der Heimatverein beschreibt. Und wenn wir auf den Spuren unserer Altvorderen wandern, dann stellt es sich vielleicht doch ein: das Heimatgefühl.

Beginnen wir am Heinrich-op-de-Hipt-Platz am Dorfbrunnen. Vier unterschiedliche Berufsstände sind hier bei ihrer Berufsausübung naturalistisch dargestellt: die Bauern, Töpfer, Weber und Bergleute, wie es sie in der Tönisberger Geschichte gab. Auf der Rheinstraße passiert man die St.-Antonius-Kirche, die 1894 erbaut wurde und heute mit ihren Schwesterkirchen in Schaephuysen und Rheurdt die Pfarre St. Martinus bildet. Hier finden sich Gemälde und Figurenschmuck aus drei Jahrhunderten.

Wehmut kommt auf, wenn man beim "Scholljong" hinter der Kirche anhält, um sich einige Minuten der Erinnerung hinzugeben. In Gedanken versunken, sitzt der pfiffige Kerl dort, wo einst die Dorfschule stand. Schwämmchen und ein von der Oma liebevoll gehäkeltes "Läppken" hängen aus dem Tornister heraus, und beim Blick auf die Holzklompen kommt Wehmut auf. Doch der Weg geht zurück auf die Rheinstraße, vorbei am Michelshof, der einst das Wohnhaus des Bürgermeisters Brackelmanns war und heute einen Pferdehof beherbergt.

Wenige Meter weiter grüßt Haus Erprath, ehemaliger freiadliger Rittersitz, im Jahre 1540 erstmals urkundlich erwähnt, mit Glockentürmchen und Zwiebel. Gegenüber die älteste Fußfallstation mit dem Thema "Veronika reicht Jesus das Schweißtuch" lädt zur Besinnung und vielleicht zum stillen Gebet ein. Das Häuschen ist das älteste der sieben Fußfälle und ist noch in seiner ursprünglichen Form erhalten, aus Backstein errichtet und weiß geschlämmt.

Pfarrer Henricus Slex kaufte 1748 eine Reliquie des Heiligen Antonius und machte Tönisberg zu einem Wallfahrtsort. Bei diesen Wallfahrten zogen Pilger von Station zu Station und erfuhren dort etwas über das Leiden und Sterben Jesu, was früher in Holzölbildern dargestellt wurde. Heute enthalten die sieben Tönisberger Fußfälle Tonreliefs der Künstlerin Anneliese Langenbach.

Weiter geht's über den Oberweg vorbei am Erprathshof der Familie Furth, der bekannt für gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse ist, in Richtung Bergstraße. Hier lohnt sich ein Abstecher nach links in den Claßweg. Denn dort treffen wir auf das Töpferdenkmal. Die Tonbildhauerin Langenbach erinnert damit an die Pottbäcker-Vergangenheit des Dorfes mit der Inschrift: "Zum Andenken an die Tönisberger Töpfer".

Verweilen wir doch auch hier und hängen unseren Gedanken nach, die uns in die Vergangenheit zur Töpferzunft führen aber auch zu Langenbach, die viele Jahre hier wirkte. Von dort aus sind es nur ein paar Schritte zur Bergstraße 2, wo sich ein weiteres Kleinod des Dorfes, Haus Baaken, befindet. Vom Fachwerkgiebel im Renaissancestil grüßt die Jahreszahl 1750, die nach einem Fassadenumbau dort angebracht wurde. An- und Umbauten sind jedoch schon um 1500 und 1611 entstanden. Noch ist hier das Pottbäcker-Museum, Änderungen stehen allerdings bevor.

Aber der Spaziergang soll nicht enden, ohne einen Blick auf die Bockwindmühle zu werfen, die mit dem Zechenturm auf dem Mühlenberg ein eindrucksvolles Ensemble bildet. Alte und neue Technologie stehen hier dicht beieinander. Klettert man die steile Stiege hoch, die zum Mühleneingang führt, bietet sich ein wunderschöner Blick in die niederrheinische Landschaft. Um den Erhalt des Zechenturms, der vor dem Abriss stand, wird gerungen. Er soll auch kommenden Generationen von Tönisbergs Vergangenheit künden.

In der wechselnden Geschichte ihres Dorfes sind die Tönisberger ein eigenständiges Völkchen mit Sinn für Traditionen und Liebe zu ihren Sehenswürdigkeiten geblieben. So wie es ein Wort des römischen Gelehrten Plinius ausdrückt, der sagte: "Heimat ist, woran das Herz hängt."

Quelle: RP
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