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Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (2)
Verbrannt bei lebendigem Leibe

Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (2): Verbrannt bei lebendigem Leibe
Vom Nachbarn Paul Klefisch gerettet: Maria Breuer. FOTO: Wolfgang Kaiser
Kempen. Das Kriegsende vor 70 Jahren in unserer Region hat die RP umfassend dargestellt. Nach den allgemeinen Abläufen sollen jetzt persönliche Eindrücke zur Sprache kommen: Zeitzeugen berichten über Krieg und Kriegsende. Von Hans Kaiser

Herabheulende Bomben; Tod und Verstümmelung; im Keller verschüttete, um Hilfe schreiende Menschen: Wenn Zeitzeugen von den Schrecken des Krieges sprechen, denken sie vor allem an die Gefahr aus der Luft. Im Sommer 1942 wandte sich der Luftkrieg der Engländer gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Das Area bombing, das nun einsetzte, unterschied nicht mehr zwischen militärischen und zivilen Zielen. Mit den ab 1943 geflogenen Angriffen der Amerikaner forderte der Bombenkrieg der Alliierten zwischen 420.000 und 570.000 Tote, darunter fast 80.000 Kinder; etwa 0,75 Prozent der deutschen Bevölkerung. In Kempen starben von Juni 1943 bis Anfang März 1945 123 Zivilisten durch Luftangriffe, davon eine Reihe Ausländer, auch Zwangsarbeiter: knapp ein Prozent der Bevölkerung. Die meisten davon bei Angriffen, die in der Endphase des Krieges stattfanden.

War der Tod dieser Menschen notwendig, um die demokratische Welt vor der Barbarei der Nazis zu bewahren? Die Diskussion darüber kann hier nicht geführt werden. Hier geht es um Kempener Schicksale im Luftkrieg; um eine Erinnerung an das Sterben und Überleben von Menschen unserer Stadt. Und um die Ursachen der Angriffe.

Häufig hatten die Einwohner des Landkreises Kempen-Krefeld unter Abwürfen von Bombern zu leiden, die durch die starke Luftabwehr über der Ruhr abgedrängt worden waren und ihre gefährliche Fracht auf Ersatzziele abluden. Ebenso bekam die Kreisstadt ihren Teil ab, wenn Bombergruppen das benachbarte Krefeld ansteuerten. Kempen selbst wurde erstmals in der Nacht vom 2. bis zum 3. Oktober 1942 Ziel eines größeren Angriffs der Engländer auf die Bahnanlagen und Industriebetriebe der Stadt. Denn der Stadt gefährlich wurden ihre Bahnlinien, die dem militärischen Nachschub dienten. Die Kreisstadt Kempen war ein Knotenpunkt der Eisenbahn. Ende der 1920er Jahre führten noch 40 Gleise in sechs Himmelsrichtungen über das Bahngelände, dazu kam ein Bahnbetriebswerk mit Drehscheibe und eine Signalwerkstatt.

Übrig blieben, seit am 21. Mai 1982 der letzte Schienenbus nach Kaldenkirchen fuhr, nur noch vier Gleise, die mittlerweile durch den Umbau des Bahnhofsgeländes (2003-2005), bei dem das letzte Abstellgleis verschwand, auf zwei reduziert worden sind. Daneben liegt heute noch das Industrie-Anschlussgleis zur ehemaligen Elektrochemischen Fabrik. Von der 1902 in Betrieb genommenen Geldernschen Kreisbahn, deren Dampflok sich auf entgleisungsanfälligen Ein-Meter-Schmalspurschienen von Kempen über die Schloot nach Wachtendonk und weiter nach Straelen und Kevelaer quälte, kündet noch der Name Kleinbahnstraße. 1931 wurde ihr Betrieb eingestellt.

Ihre ersten Bombenopfer beklagt die Stadt in der Nacht vom 22. Juni 1943: 619 englische Bomber fliegen den lang befürchteten Angriff auf das benachbarte Krefeld, aber ihr Funkleitstrahl hat eine zu breite Streuung. Zusätzlich treibt ein leichter Höhenwind die Markierungskaskaden der Leuchtbomben nach Nordwesten und auch nach Kempen. Eine Stunde lang, von halb zwei bis halb drei, pfeifen schwere Sprengbomben auf die Stadt herunter. Im Keller des Hauses Oedter Weg 13 sterben der Bahnwärter Robert Landwehr (52), seine Ehefrau Josefa (44), ihr Sohn Johannes Heinrich (10) und ein weiterer Hausbewohner, der Buchbinder Peter Maeßen (41). Heinz Cobbers berichtet: "Eine Gasleitung war durch die Explosion defekt geworden; das ausströmende Gas hatte die Menschen getötet. Sie saßen um einen Tisch und hatten die Köpfe auf ihre angewinkelten Arme auf die Tischplatte gelegt. Ich sah die Leichen dann, wie sie aufgebahrt in der Waschküche des Krankenhauses lagen. Sie hatten graue Haare, und auch ihre Haut war grau."

Die Menschen haben sich an den Luftkrieg gewöhnt, sie werden unvorsichtig, und das bringt sie in Gefahr. Auf den Straßen tragen Kinder Stabbrandbomben, die nicht explodiert sind, zusammen, zünden sie an und freuen sich an den Feuerstrahlen. Weniger harmlos endet das Spiel mit den Sprengkörpern für Paul Jansen, Schreinerlehrling in der Eisenmöbelfabrik Arnold. Um sie zur Explosion zu bringen, wirft er am Morgen nach dem Angriff eine Phosphorbombe gegen eine Eisenschiene des Werksgleises. Aus nächster Nähe bohren sich die detonierenden Phosphorstücke in sein Gesicht und den ganzen Körper, entzünden überall Brandherde. Sie sind nicht zu löschen. So verbrennt er bei lebendigem Leibe, langsam und unter unsagbaren Schmerzen. Man bringt ihn eilends in die Landesheilanstalt Süchteln, wo die Ärzte ihn nur in eine mit Wasser gefüllte Wanne legen können. Aber auch das Wasser löscht die zündelnden Phosphorfragmente nicht, so dass er unter Wasser langsam weiter verbrennt. "Bis er schließlich tot war, muss er ganz entsetzliche Schmerzen ausgestanden haben", schreibt in seiner Werks-Chronik Betriebschef Hans-Karl Arnold.

Nach der Invasion der Alliierten in Frankreich im Sommer 1944 steigern sich die Luftangriffe, um deutschen Nachschub für die Westfront über die Kempener Eisenbahnlinien zu unterbinden. Ständig hängen amerikanische Tiefflieger in der Luft: die einmotorigen P-47 Thunderbold und P-51 Mustang sowie die zweimotorige und doppelrümpfige P-38 Lightning. Sie gehen gezielt auf Menschenjagd, beschießen Zivilisten mit ihren MG. Meist jagen die Maschinen kaum 50 Meter hoch und wild schießend dahin, drehen in der Ferne eine Schleife und greifen erneut an. Und das so lange, bis ihr Opfer in Deckung oder liegen geblieben ist.

In Kempen wird damals die Aldekerker (heute: Kerkener) Straße bis zum Kuhtor zur beliebten Rennstrecke der amerikanischen Jabo-Piloten: Sie rasen sie in etwa zehn Metern Höhe schießend entlang, nehmen dabei die Passanten unter Feuer, die sich beiderseits auf den Bürgersteigen bewegen. Zum Schluss ziehen sie vor dem Kuhtor steil in die Höhe; für die Piloten offenbar ein besonderer Kick. Bei einer solchen Aktion, hat Margareta Krause berichtet, kann sie sich mit ihrem dreijährigen Sohn Wilfried gerade noch unter das Kuhtor retten.

Einem gefährlichen Tieffliegerangriff entkommt der Kempener Peter Holtermann, der 1944 als sechzehnjähriger Verwaltungslehrling im Kempener Rathaus arbeitet: "Im Herbst 1944 wurde ich mit meinem Fahrrad als Melder nach St. Hubert geschickt, weil die Telefonleitungen durch Bombenangriffe unterbrochen waren. Obwohl ich allein unterwegs war, nahm mich ein Tiefflieger mit seinen Maschinengewehren unter Beschuss. Mich rettete ein Sprung in ein Einmann-Loch am Rand der Landstraße".

Am Morgen des 8. November 1944, gegen 10 Uhr, werfen amerikanische Mustang-Jagdbomber etwa 20 Bomben auf St. Hubert, vor allem aber auf die Kempener Innenstadt. Dabei kommen insgesamt fünf Menschen ums Leben.

Die neunjährige Maria Buckenhüskes (später verheiratete Breuer), die mit ihrer Familie im Haus Kirchplatz 3 wohnt, kommt damals durch die Aufmerksamkeit eines Nachbarn mit dem Leben davon. Die Flieger kommen so schnell, dass sie mit ihrer Familie statt in den solideren Keller des Nachbarn Klefisch in den eigenen kleinen Keller rast. Als nun das Haus getroffen wird, fällt eine Innenwand auf den Kellerausgang; die drei sind verschüttet. "Paul Klefisch hat uns damals gerettet", wird Maria Breuer später berichten. "Er sagte: Die kommen doch sonst immer zu uns in den Keller; die müssen noch in ihrem Haus sein." So werden sie von den Nachbarn herausgeholt und fürs erste im öffentlichen Luftschutzkeller unter der Heilig-Geist-Kapelle einquartiert.

Dem schwersten Angriff am 10. Februar 1945 werden in Kempen 90 Menschen zum Opfer fallen. Über ihn hat die RP zum Jahrestag berichtet.

Quelle: RP
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