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Stadt Kempen
Vertreibung: Die Erinnerung bleibt

Stadt Kempen: Vertreibung: Die Erinnerung bleibt
Kulturamtsleiterin Dr. Elisabeth Friese traf sich gestern mit nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen Ostgebieten Vertriebenen am Kuhtor. FOTO: Achim Hüskes
Stadt Kempen. Ein neues Schild am Kuhtor erinnert an den Bund der Vertriebenen. Es weist auf die Ostdeutsche Heimatstube hin, die lange dort untergebracht war. 2011 hat sich der Bund in Kempen aufgelöst. Von Heiner Deckers

Eigentlich sollte das Schild schon vor Monaten angebracht werden. Der neue Termin gestern passte aber genau: In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fanden 2000 Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten in Kempen eine neue Heimat. Heute flüchten zahlreiche Menschen aus Syrien, ebenfalls auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die damaligen Flüchtlinge hatten bessere Voraussetzungen: Sie sprachen die Landessprache und kamen aus demselbenKulturkreis. "Mit offenen Armen wurden sie aber nicht empfangen", sagte gestern Kulturamtsleiterin Dr. Elisabeth Friese.

Kempen wies nach Kriegsende zahlreiche Schäden auf, der Wohnraum war knapp. Die Vertriebenen wurden - wie die heutigen - behelfsmäßig untergebacht: im alten Kolpinghaus, im Casino gleich gegenüber auf dem heutigen Parkplatz, in Baracken im Bereich Hagelkeuz und in Unterweiden. Ansprüche habe man nicht gestellt, erinnert sich Rita Langhans, bis zur Auflösung Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen: "Wir waren doch froh, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten."

Dieses Schild hängt jetzt an der Seite des Kuhtors FOTO: Hüskes, Achim (achu)

Gut ein Dutzend ehemaliger Mitglieder war dabei, als das Schild gestern offiziell präsentiert wurde. Ihre Erinnerung ist die gleiche: Man sei von anderen stets belächelt worden, wenn von Heimat, Flucht und Vertreibung die Rede gewesen sei. "Die meisten wussten doch überhaupt nicht, was das bedeutet", betont Friese. Es waren Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren und sich auf die Suche nach einer neuen Heimat machen mussten. Sie kamen nicht alle gleichzeitig nach Kempen, sondern nach und nach, bis in die 50er-Jahre hinein.

1947 wurde der Bund der Vertriebenen gegründet, in dem man sich wegen des gemeinsamen Schicksals sicher sein konnte, verstanden zu werden. 1986 richtete man sich einen Raum im Kuhtor ein. "Hier lief die ganze Vereinsarbeit", sagt Langhans. Ausstellungen, die an die Vertreibung erinnerten, gab es auch: "Sie hatten aber alle einen Bezug zu Kempen." Meint auch die Kulturamtsleitern: "Sie haben den Kempenern vermittelt, was es heißt, seine Heimat zu verlieren. In dieser Hinsicht haben Sie echte Grundlagenarbeit geleistet." Viele, die als Kind die Flucht antreten mussten, haben keine Erinnerung mehr daran. Sie ließen sich von ihren Eltern berichten, wie das damals in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg war. Wenn die Eltern darüber reden wollten. Viele wollten es nicht.

2011 hat sich der Bund aufgelöst. Zwei Vorstandsmitglieder starben kurz hintereinander: "Da brach etwas weg", erinnert sich Langhans. Keiner wollte die Nachfolge antreten, die Mitglieder waren ja auch nicht die Jüngsten. Das ist auch der zweite Grund, der schließlich zur Auflösung führt: "Die Treppe im Kuhtor ist ziemlich steil, die meisten Mitglieder hatten große Mühe, nach oben zu kommen", berichtet Horst Latzel. Die gesamten Akten des Bundes wanderten ins Stadtarchiv, einige Ausstellungsstücke hat sich Elisabeth Friese für das Museum gesichert.

Regelmäßige Treffen der früheren Mitglieder gibt es nicht mehr, der Bund hat seinen Zweck erfüllt. Längst sind alle in ihren neuen Freundeskreisen integriert. Aber die Erinnerung bleibt, die Flucht ist ihr großes Trauma: "Das bleibt in einem", hieß es unisono. Die Vertrieben könnten alle, sagten sie gestern übereinstimmend, stundenlang von ihren Erlebnissen berichten, so viele Erinnerungen haben sie in sich. "Wo man aufgewachsen ist, ist Heimat", betont die Kulturamtsleiterin. In diese Heimat haben einige Vertriebene vor ein paar Jahren eine Busreise unternommen, was ihnen jahrzehntelang nicht möglich war. In Schlesien und Ostpreußen haben sie ihre Erinnerungen aufgefrischt und viele neue Eindrücke gewonnen. Der ausdrückliche Dank der Vertrieben galt gestern der Stadt Kempen in Person des für das Denkmalwesen zuständigen Karl-Josef Schaaff, dass mit dem Schild die Vertreibung in stetiger Erinnerung bleibt.

Quelle: RP
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