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Adventserie Musik und Wunder
Von alten Schüsseln und violetter Musik

Adventserie Musik und Wunder: Von alten Schüsseln und violetter Musik
Der Schriftsteller und Kirchenmusiker Marcell Feldberg an seinem Arbeitsplatz - auf der Orgelempore in der Kirche St. Hubertus Schiefbahn. FOTO: Kaiser
Kempen. Marcell Feldberg, Schriftsteller und Kirchenmusiker in Schiefbahn, schreibt für die Rheinische Post zu jedem Adventswochenende eine Geschichte.

Stehe vor verschlossener Tür. Sie lässt sich mit meinem Schlüssel nicht öffnen. Wohl möglich ist das Schloss ausgetauscht worden und mit dem alten Schlüssel komme ich nicht mehr durch die Tür. Seltsamerweise kommt mir in diesem Augenblick eine Musik in den Sinn, genauer gesagt, die Erinnerung an das mühselige Erarbeiten einer Musik.

Während meines Studiums übte ich an dem Choralvorspiel "Nun komm der Heiden Heiland" von Johann Sebastian Bach (1685 - 1750). Die Mittelstimmen waren in sogenannten "Alten Schlüsseln" notiert. Zur Zeit des Thomaskantors gab es neben den uns heute bekannten Violin-, Bass- und Bratschenschlüsseln noch weitere Notenschlüssel, die halfen, die Tonhöhe auf den Notenlinien festzulegen. Ich brauchte eine gewisse Zeit bis ich mir mit diesen Notenschlüsseln einen Zugang zu diesem Orgelstück verschaffen konnte. Dann aber tat sich mir eine ganz eigene Welt auf.

In dieser Klangwelt der Einkehr bündeln sich für mich bis heute viele Gedanken und Emotionen. Der dunklen Stimmung in der Bassstimme folgen die wie in Violett gehaltenen Mittelstimmen. Eine geheimnisvolle Musik voller Würde aber auch von großer Einsamkeit. Darüber erklingt dann die Choralmelodie, reich verziert, mal ganz festlich barock dahinschreitend, dann wieder in einer beinahe büßenden Wehmut gewandet. Für den deutsch-russischen Pianisten und Komponisten Walter Spies (1895 - 1942) war diese Musik ein Schlüsselstück deutscher Kultur. In den 1920er-Jahren verließ er Deutschland und übersiedelte schließlich auf die indonesische Insel Bali. In einer Klavierbearbeitung gehörte das Choralvorspiel von Bach zu den Musikwerken, die ihm in musikalischer Hinsicht die Tür zum alten Europa offen hielten.

Auf Bali setzte sich Spies mit der dortigen Kultur auseinander. Er verband dabei europäische Musiktradition mit den neuen Klangerfahrungen in der Fremde. Vielleicht erinnerte ihn das Violett des Abendhimmels am Strand, das Violett eines Seesterns beim Tauchen vor der Küste Balis dann entfernt an das melancholische Violett der alten Bach-Musik. Sich eine solche Musik zu erschließen, ist für mich immer wieder wie eine Erinnerung. - Eine Erinnerung, die mehr ist als das Anschauen alter Fotos oder das Lesen von Briefen aus dem Schuhkarton. Ein einfaches Dasitzen: Still und dankbar sein, sich berühren lassen. Ein Wunder, was dabei alles zum Erklingen kommt!

MARCELL FELDBERG

Quelle: RP
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