| 00.00 Uhr

Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (6 - Ende)
Von normalem Leben war keine Rede

Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (6 - Ende): Von normalem Leben war keine Rede
Friedhelm Berger beobachtet als Elfjähriger das Kriegsende in Kempen. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)
Kempen. Evakuierung, Luftangriffe, letzte Verteidigungsanstrengungen: Dieser Dreiklang bestimmte in Kempen die letzten Monate des Weltkriegs. Von Hans Kaiser

KEMPEN Spätherbst 1944: Die Amerikaner und Engländer rücken näher. Ihre Jagdbomber (Jabos), in den Niederlanden gestartet, schießen auf alles, was sich bewegt. Kempener Schüler ab der Klasse vier haben unter der Aufsicht ihrer Lehrer an den Landstraßen kurze Gräben ausgehoben; hier können Fußgänger und Fahrradfahrer vor den Tiefflieger-Angriffen in Deckung hechten. Wie Peter Holtermann, der damals als 16-jähriger Verwaltungslehrling im Kempener Rathaus arbeitet: "Im Herbst 1944 wurde ich mit meinem Fahrrad als Melder nach St. Hubert geschickt, weil die Telefonleitungen durch Bombenangriffe unterbrochen waren. Obwohl ich allein unterwegs war, nahm mich ein Tiefflieger mit seinen Maschinengewehren unter Beschuss. Mich rettete ein Sprung in ein Einmann-Loch am Rand der Landstraße." Und Jupp Pasch aus St. Hubert berichtet: "Ich spielte mit zwei gleichaltrigen Jungen auf den Wiesen südlich der Königstraße. Auf dem Feld vom Bauern Johann Vüllings westlich des Borgeshofs arbeiteten Leute, auch eine Pferdekarre war dabei. Plötzlich jagten von Süden drei Tiefflieger heran. Mit ihren Maschinengewehren und -kanonen zerfetzten sie Vüllings Karre, töteten sein Pferd, verletzten seinen Sohn." Allein in Alt-Kempen sterben vom 28. September 1944 bis zum 2. März 1945 15 Zivilisten durch alliierte Bomben, dazu kommen fünf polnische und russische Zwangsarbeiter.

Am 24. November werden die westlichen Grenzgemeinden Kaldenkirchen, Bracht, Brüggen und ein Teil von Breyell zwangsgeräumt. Aus Kempen gehen freiwillige Transporte ab. An die 700 Einwohner fahren mit der Bahn in den Kreis Jerichow im Gau Magdeburg-Anhalt, andere nach Mainfranken oder in das Oberdonau-Gebiet. Fern der Heimat erleben die meisten Kempener Evakuierten eine Atmosphäre, die von der NS-Ideologie ungleich stärker geprägt ist als Zuhause. "Alle kamen mir so fanatisch vor", erinnert sich Mia Hubbertz, die bereits im Frühjahr 1944 mit ihrer Mutter Maria Menskes vor den Luftangriffen von Kempen nach Osterode in den Harz ausgewichen ist. "In jedem Laden hätten sie mich schief angeguckt, wenn ich nicht den ,Deutschen Gruß' gebraucht hätte. Das war in Kempen anders."

Bald sind zahlreiche Evakuierte wieder zurückgekehrt; zu Hause, so sagen sie, hätten sie wenigstens genug zu essen. Viele sind schlecht aufgenommen worden, manche Frauen hat man als "Bombenweiber" beschimpft, weil sie auf der Flucht vor Luftangriffen waren.

Am 8. Februar eröffnen Briten und Kanadier aus dem Raum um Nimwegen gegen erbitterten deutschen Widerstand die "Operation Veritable" Richtung Goch und Kleve. Vor allem im Reichswald kommt es zu blutigen Kämpfen. Ausgebrannte deutsche Einheiten werden jetzt von einer Front zur anderen geworfen. Wegen der ständigen Bedrohung aus der Luft marschieren die Truppen weit auseinander gezogen. Ende Februar rollt eine schwere Zugmaschine mit einer angehängten 7,5-cm-Panzerabwehrkanone (Pak) auf den Hof der Bäckerei Pasch in St. Hubert. Mit ihr kommen etwa 20 Soldaten, wahrscheinlich Angehörige der Panzerjägerabteilung der 15. Panzergrenadierdivision, unter Führung eines Leutnants. Nach dessen Darstellung müssen die Männer am 26./27. Februar an der "Schlacht auf dem Totenhügel" bei Uedem-Keppeln teilgenommen haben. Dabei sind 57 englische Panzer vernichtet worden. "Die Soldaten erklärten, dort habe die größte Abwehrschlacht des Krieges gegen Panzer stattgefunden", erinnert sich Jupp Pasch. Am nächsten Morgen müssen die Soldaten weiter, den Amerikanern entgegen.

Jedem Einsichtigen ist klar: Der Krieg ist verloren. In dieser Situation greift die deutsche Führung zu verzweifelten Mitteln. In Kempen werden an den Ausfallstraßen Panzersperren vorbereitet: Man gießt betonierte Schächte in den Boden und stellt Eisenbalken hinein, die durch zusammengeschweißte T-Träger verbunden werden sollen. Aber als die Front sich dann nähert, sind die Träger nicht in ausreichender Zahl zur Stelle. In St. Hubert werden Baumstämme senkrecht in die Erde eingelassen mit nutartigen Vorrichtungen, in die von oben andere Stämme waagrecht eingefügt werden sollen. "Auch italienische Kriegsgefangene wurden bei diesen Arbeiten eingesetzt", berichtet Jupp Pasch. "Ich als Junge hegte eine Abneigung gegen sie, hatte man mir doch erzählt, dass die italienische Badoglio-Armee nach ihrem Frontwechsel 1943 an heimtückischen Anschlägen gegen die deutschen Soldaten beteiligt war. So sagte ich zu zwei Italienern, die auf der Königstraße den Graben für die Panzersperre ausschachteten: 'Na, ihr Spaghettis, hat man euch ans Arbeiten gekriegt?? 'Du Kartoffel, Kartoffel!? fauchte einer böse zurück?

Die Sperren verteidigen soll der deutsche Volkssturm, den man am 19. November 1944 aufgestellt hat: In Kempen, Schmalbroich und St. Hubert umfasst er 960 männliche Einwohner zwischen 16 und 60, die bisher noch nicht eingezogen worden sind, aufgeteilt auf fünf Kompanien. Die Ausbildung übernehmen sonntags, wenn nicht gearbeitet werden muss, kriegsversehrte Unteroffiziere. Einzige militärische Kennzeichen sind eine Armbinde und hin und wieder eine Militärmütze. Die "Parteigenossen" tragen immerhin eine braune, vielleicht auch grau eingefärbte Partei-Uniform oder SA-Kluft.

Und die Bewaffnung? Einige balancieren eine Panzerfaust auf der Schulter. Der zwölfjährige Jupp Pasch hat damals die "Ausbildung" der St. Huberter Volkssturmmänner auf dem örtlichen Schulhof beobachtet. Die mangelnde Ausrüstung wurde durch Propaganda ersetzt: "Mut und Panzerfaust besiegen jeden Panzer!", lautete der Spruch, den die Pseudo-Soldaten immer wieder herunterrasseln mussten. Jeder sechste oder siebte ist mit einem Gewehr ausgerüstet, von der Wehrmacht als Beutestück aus Italien, Polen, Dänemark, Holland oder Frankreich beschafft. Manche der meist überlangen Flinten stammen noch aus dem Ersten Weltkrieg. "Aber als dann am 2. März 1945 die Amerikaner anrückten, ging der Volkssturm nach Hause", erzählt Kempens späterer Bürgermeister Karl-Heinz Hermans.

Die letzten Wochen vor Kriegsende verbringen die Kempener unter der Erde. "Dauernde Angriffe von Jagdbombern, Tieffliegern, Nachtjägern. Jeden Tag und jede Nacht Bombenabwürfe. Das Leben ist fast unerträglich. Wir leben nur noch im Keller", hat in seinem Tagebuch Johannes Wilmen verzeichnet. Nur noch ein Kellerkind war Maria Rautzenberg, damals 13 Jahre alt: "Von einem normalen Leben konnte keine Rede mehr sein. Ans Tageslicht tauchten wir nur mal eben zum Luftholen auf. Draußen spielen durften wir Kinder ja auch nicht mehr. So saßen wir Stunde um Stunde im Halbdunkel und dämmerten vor uns hin." "Im ständigen Wechsel von Luftschutzkeller, Bett und ungeheizter Wohnung war uns jeder Zeitbegriff abhanden gekommen", hat später Ruth Finke berichtet. "Es gab nur noch unten oder oben, schlafen oder losrennen, wenn die Sirenen heulten."

Kurz vor Toresschluss zieht sich die deutsche Panzerlehrdivision durch die Stadt zurück. In der Nacht zum 2. März hat sie mit ihren modernen Fahrzeugen den Amerikanern in Schiefbahn ein schweres Gefecht geliefert. Vom Nieselregen gegen Luftangriffe gedeckt und immer wieder auf ihre amerikanischen Verfolger schießend, dröhnen am frühen Morgen die Panther und Tiger durch Kempen, sammeln sich in St. Hubert, um Krefeld zu verteidigen. Jupp Pasch kann sich erinnern, wie sich am Abend des 2. März etwa um 20 Uhr "eine Riesenschlange von Fahrzeugen" durch St. Hubert Richtung Hüls bewegte. Die Kolonne fuhr in langsamem Tempo auf der Hülser Landstraße und reichte vom Hohenzollernplatz bis zur Einmündung der Tönisberger Straße. Pasch hat noch deutlich mehrere Königstiger vor Augen - gewaltige, an die 65 Tonnen schwere Panzer.

Am 2. März 1945 rückt das US-Regiment 333 zu einem Umfassungsangriff auf Kempen vor. Den 3184 GIs liegen etwa 400 zusammen gewürfelte Landser gegenüber, schlecht bewaffnet, zerlumpt, mangelhaft verpflegt. Um 10.30 Uhr beschädigen in einem letzten Luftangriff fehlgegangene Jabo-Bomben das Schiff der Propsteikirche. Zwei Stunden später schwingt sich der elfjährige Friedhelm Berger vor seinem Elternhaus, Mülhauser Straße 36, aufs Rad. Er will der Frau des Gärtnermeisters Wilhelm Ecker, der nach dem Jabo-Angriff im Krankenhaus im Sterben liegt, seine Personalpapiere bringen. Am Peschweg liegen hinter den Hecken deutsche Soldaten, rufen ihm zu: "Kleiner, hast du die Amis schon gesehen?"

Um 16.30 Uhr ist es so weit. Von Oedt her erreicht die amerikanische Panzerspitze vor Kamperlings den Judenfriedhof, in ihrer Deckung Begleitinfanterie. Aus den Häusern des Fichtenwegs werden die Sherman-Tanks von Landsern angeschossen, schießen mit ihren Maschinengewehren zurück. Im Keller der Familie Schmedders, Fichtenweg 1 in Kamperlings, hat der 14-jährige Karl-Heinz Hermans mit seinem Vater Deckung gesucht. Er sieht, wie ein Sherman M 4 den Turm auf das Haus schwenkt und es mit seinen Maschinengewehren beschießt. Die weiß verputzten Einschusslöcher um das linke Fenster sind heute noch in der Fassade sichtbar.

Anders als in Unterweiden, wo zu diesem Zeitpunkt bei Haus Bockdorf erbittert gekämpft wird, ist der Widerstand vor Kempen gering. Angesichts der hereinbrechenden Dämmerung verzichten die US-Truppen auf einen Vorstoß in die verwinkelte Altstadt. Erst am nächsten Vormittag stoßen sie von Kamperlings und Oedt auf den Ring vor, besetzen das Zentrum, rattern weiter nach Hüls. "Eine unzählige Menge von Panzern, Kraftwagen, Jeeps rollte an uns vorbei", erzählt Friedhelm Berger. Die Betonpfeilersperre an der Mülhauser Straße wird ohne Probleme in die Luft gesprengt. Panzer, die an der Frontseite mit Planierschaufeln ausgerüstet sind, schütten den mühsam ausgehobenen Panzergraben ruck zuck zu.

Als die Spitze der amerikanischen Fahrzeugschlange über die Mülhauser Straße in den Südteil der Stadt eindringt, schlägt ihr aus einigen wenigen Maschinenpistolen das Abwehrfeuer der letzten Verteidiger entgegen. US-Panzer und Infanterie schießen sofort zurück. Zum letzten Mal wird in Kempen für diesen Krieg gestorben. "Nach dem Einmarsch lag vor dem Amtsgericht die Leiche eines deutschen Soldaten, mit einer Zeltplane zugedeckt", hat Johannes Janssen berichtet. Auch an der Ecke Engerstraße/Donkring kommt es zu einem Gefecht mit Deutschen, die sich nach Hüls zurückziehen wollen. Aber angesichts der amerikanischen Überlegenheit ist Widerstand aussichtslos. Um 10 Uhr am 3. März 1945 ist für Kempen der Krieg zu Ende.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (6 - Ende): Von normalem Leben war keine Rede


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.