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Kreis Viersen
Wenn es Nacht wird im Kreis Viersen

Kreis Viersen: Wenn es Nacht wird im Kreis Viersen
Im Kreis Viersen gibt es verschiedene Lautvarianten für "Nacht". Dominierend sind "Nauch", "Nait" und "Nooch". FOTO: Franz-Heinrich Busch
Kreis Viersen. Im Oktober wurde in der RP-Lokalausgabe ein Dialekt-Fragebogen abgedruckt. Nun liegen erste Ergebnisse vor. Der Sprachforscher Georg Cornelissen erklärt, wie man wo zur Nacht sagt. Von Georg Cornelissen

Auch wenn jeder Ort, ja vielleicht sogar jede Honschaft ihr eigenes Platt hat - Nachbardialekte unterscheiden sich nicht in jedem Punkt. Wenn es um die Bezeichnungen für die "Nacht" geht, dominieren im Kreis Viersen drei Varianten: "Nauch", "Nait" und "Nooch".

Wie sie sich im Raum verteilen, lässt sich auf der Karte gut erkennen: Im Osten des Kreises ist "Nait" üblich, im Nordwesten "Naut" (mit Kaldenkirchen als Ausreißer) und im Südwesten "Nooch". Das rote Kreissymbol für Waldniel heißt also "Nooch", der blaue Kreis für Schiefbahn "Nait". Wenn für einen Ortspunkt mehr als eine Form gemeldet wurde, zeigt die Karte ein Dreieck.

Mit dieser Karte liegt das erste Ergebnis der Dialektbefragung vor, die die Rheinische Post und das Institut für Landeskunde Landschaftsverband Rheinland (LVR) im Oktober gemeinsam durchgeführt haben. Einwohner aus dem Kreis Viersen schickten mehr als 280 ausgefüllte Fragebögen zurück - damit wurden die Erwartungen deutlich übertroffen. Herzlichen Dank allen! Nicht weniger als 52 Städte, Dörfer, Honschaften und Sektionen sind auf der Karte vertreten.

Ob man nun von der deutschen "Nacht" oder von der niederländischen "nacht" ausgeht - "Naut" und "Nait" haben ihr ursprüngliches ch verloren, anstelle des a sind nun Zwielaute zu hören. Dabei hat sich das au über die Zwischenstufe ou aus einem o-Laut entwickelt, während das ai über äi aus einem langen ä ("Näät") entstanden ist. Die Dialekte im Westen des Kreises ("Nooch") haben das ch bewahrt. Die Varianten "Näät", "Naat" und "Naach" kommen insgesamt nur selten vor.

FOTO: Cornelissen Georg

Glücklicherweise verfügen wir über älteres Vergleichsmaterial. Deshalb können wir recht genau rekonstruieren, was sich in den letzten hundert Jahren alles geändert hat. Das Naut-Gebiet hat sich deutlich ausgedehnt: Die Dialekte zwischen Kaldenkirchen, Bracht und Börholz hatten vor einem Jahrhundert noch flächendeckend "Nooch". In Kaldenkirchen scheint gegenwärtig vieles in Bewegung zu sein: Von sieben Gewährsleuten schrieben hier vier "Nooch" (oder "Noach"), zwei "Naut"; auf dem siebten Fragebogen war "Näät" zu lesen. In Boisheim notierte die älteste Mundartsprecherin "Naut", die vier übrigen Fragebogen-Ausfüller "Nait". "Nait" löst in Boisheim offensichtlich "Naut" ab. Das bedeutet, dass sich der Ort im 20. Jahrhundert wohl den Nachbardialekten von Dülken und Viersen angenähert hat.

In Bracht, wo es heute "Naut" heißt, zitiert man gern einen Merksatz, der mit den Worten beginnt: "En Braut enne Jraut hätt en Hohn aut Eier jelaut". Das klingt in den meisten Orten des Kreises Viersen völlig anders, schon in Brüggen, Born oder Boisheim. Die Übersetzung lautet: In Bracht im Graben (Gracht) hat ein Huhn acht Eier gelegt. Gespielt wird hier mit der auffälligen Häufung von au vor folgendem t (bei ausgefallenem ch).

Durch solche Fragebögen lässt sich gezielt nach Hinweisen auf Sprachwandel suchen. Ein solcher Fragebogen erlaubt uns aber auch, einfach mal Varianten zu "sammeln". Im Oktober habe ich auch nach dem "Purzelbaum" gefragt; hier einige der im Kreis vorkommenden Bezeichnungen: Boom poate, Klutschklatsch, Kükülü, Küla, Külasch, Külatsch, Kusselkopp, Purzelboom, Tömmelööt, Tüla, Türülü.

Viele, die den Fragebogen ausgefüllt haben, haben Briefe dazu geschrieben oder Wortlisten beigelegt. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nicht immer geantwortet habe. Aber auch in Bonn folgt auf jeden Arbeitstag die Nacht.

Quelle: RP
 
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