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Gemeinde Grefrath
Wenn in der Poesie Pathos ins Komische abstürzt

Gemeinde Grefrath. Von Ruhm und Anerkennung hatten Friederike Kempner und Julie Schrader vermutlich schon geträumt, doch sicherlich nicht von der zweifelhaften Würde, einst als "Königinnen des unfreiwilligen Humors" zu gelten. Als eben diese stellte Buchhändler Karl Groß die heute fast vergessenen Schriftstellerinnen vor, als er zur vergnüglichen Lesung "Reim dich oder ..." in der Grefrather Buchhandlung begrüßte. "Heute machen wir etwas, was wir noch nie gemacht haben", verriet Groß mit einem verschmitzten Lächeln. Denn bei dieser "Kunst am Montag" ging es um die Fallstricke einer Schreibkunst, die beabsichtigtes Pathos ins Komische abstürzen lässt. Mit dem Rezitator und Dramaturgen Joachim Henn und der Schauspielerin Heike Trinker gastierte ein Künstlerduo, dass die ganz eigene Komik der ausgewählten Texte mit feiner Ironie und einem charmanten Hauch von Boshaftigkeit vortrefflich einzufangen wusste. Sie führten, so Henn, "im Garten der Poesie zu einem Beet, das die Botaniker des Wortes brach liegen lassen oder an dem sie ein Warnschild aufstellen". Von Angela Wilms-Adrians

Nicht zuletzt durch den fast drohend anmutenden Titel "Reim dich oder ..." bestens vorbereitet, lauschten die Gäste auf die feine Balance zwischen dem, was vielleicht hätte gelingen können und den abenteuerlichen Missgriffen bei Wortschöpfungen und Reimen. Nebenbei erfuhren sie manch anekdotenhaftes Beiwerk: Auf einem Rittergut in Posen aufgewachsen, erhielt die 1828 geborene Friederike Kempner wegen der eigenwilligen Schnörkel ihrer literarischen Neigung den Spottnamen "Schlesische Nachtigall". Ihretwegen hatte der Theaterkritiker Alfons Kempner mit Blick auf die eigene Karriere eine Namensänderung beantragt. Doch das half dem armen Mann wenig, der sich an der längst Verstorbenen mit bissigen Zeilen rächte. Die Familie des "lebenslangen Gutsfräuleins" hatte noch zu dessen Lebzeiten alle Bücher aufgekauft, um nicht verlacht zu werden, doch ebenfalls ohne Erfolg. Denn bestärkt durch die verkauften Auflagen und einer ob der unfreiwilligen Komik amüsierten Leserschaft, "steigerte sich Kempners dichterische Fruchtbarkeit ins Kaninchenhafte", verriet Henn, der mit Heike Trinker genüsslich die in den Versen zu findenden "Kunstmittel der Abkürzung" und Salti Mortale im haarscharfen Danebenhauen und waghalsigen Verknüpfungen aufspürte.

Von dem fast 60 Jahre später geborenen "Julchen" Schrader hieß es, sie habe sich von amourösen Abenteuern zu mitunter deftigen Versen inspirieren lassen. Vermutlich wurde sie deshalb in den späten 1960er Jahren, dem Zeitalter der "sexuellen Befreiung", wiederentdeckt und erfolgreich vermarktet. Gemeinsam entlarvten die Rezitatoren auch bei ihr "Purzelbäume von neuen Wortschöpfungen" - nicht zwingend grammatisch korrekt, doch halbwegs im Reim.

Quelle: RP
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