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Serie 175 Jahre Sparkasse (2)
Wie alles begann: Als Bank für kleine Leute

Serie 175 Jahre Sparkasse (2): Wie alles begann: Als Bank für kleine Leute
Am 9. März 1840 zahlte der Seidenweber Anton Kalle als erster Kunde der neu gegründeten Sparkasse 25 Taler ein; mit diesem Geld konnte eine vierköpfige Familie drei Monate lang leben. Der Schalter der Sparkasse befand sich im damaligen Rathaus Krefelds am Schwanenmarkt - sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Sparkasse eine Gründung der Stadt war. FOTO: Sparkasse
Kempen. Wer nicht reich war, musste sein Erspartes lange irgendwo zu Hause verstecken. So war die Gründung der Sparkasse 1840 ein großes sozialpolitisches Projekt: Auch Arbeiter und Angestellte sollten mit ihrem Geld auf einer Bank wirtschaften können. Von Jens Voss

KREIS VIERSEN Das Besondere ist: Die Sparkasse wurde nicht in einer Zeit der Fülle, sondern der Krise gegründet. Krefeld stand 1840 - dem Jahr der Gründung der Sparkasse - am Rande einer schweren Wirtschaftskrise, die nicht nur Krefeld, sondern Deutschland, ja Europa erfasste und als Teuerungs- und Hungerkrise von 1845 bis 1847 in die Geschichte eingegangen ist. Die Geschäfte mit der Seide liefen wechselhaft, Weber zu sein hieß auch: ständig mit Lohnausfall, Hunger- und Armutsphasen rechnen zu müssen.

In dieser Phase hat die Stadt Krefeld am 9. März 1840 eine Bank gegründet, die wie ein Plädoyer an die Klasse der Arbeiter war, doch auf jeden Fall vorzusorgen: die Sparkasse. Sie füllte damals eine Lücke. Es gab natürlich Banken in Krefeld, aber es waren - aufs Ganze gesehen - Unternehmerbanken, die ihr Geschäft mit den "Großen" in der Stadt machten: mit Händlern und Seidenfabrikanten. Ein wichtiges Geschäftsfeld war das Wechselgeldgeschäft: Der Seidenhandel wurde in holländischen Gulden abgewickelt, in deutschen Landen wurde mit Talern bezahlt. Dass jemand ein bisschen Geld verdiente, etwas auf die hohe Kante legen wollte, vielleicht einmal einen kleinen Kredit brauchte - dafür gab es noch keine Bank. Die Weber waren solche Leute, in der Masse Kleinstunternehmer. Sie hatten einen Webstuhl zu Hause und produzierten Seide - eigentlich mehr wie ein Lohnarbeiter als ein wohlhabender Handwerker.

Die schweren Zeiten - sie brachen in Krefeld 1845 an. Die Seidenindustrie brach ein. 3000 von 8000 Webstühlen in Krefeld wurden stillgelegt. Viele Weber verloren Lohn und Brot, verelendeten - in Schlesien kam es 1844 zu dem berühmten Weberaufstand, den Heinrich Heine in seinem Gedicht "Die Weber" verewigt hat.

Trotz der Krise - vielleicht auch gerade wegen ihr - setzte sich die Kernidee durch, dass auch die "kleinen Leute" eine Bank brauchten, um mit ihrem Geld haushalten zu können. Für die Krefelder Stadtväter war das Sozialpolitik: Wer Geld auf der Bank hat, ist nicht haltlos, plant keinen Aufstand, ist auch nicht auf einen Schlag bitterarm, wenn es mal eng wird. Es ging auch um allgemeine gesellschaftliche Stabilität oder, wie es in einem Schreiben aus Krefeld von 1845 hieß, darum "Wohlstand und Sittlichkeit" zu fördern. Die Idee fand rasch Nachahmer: 1847 wurde die Sparkasse Kempen gegründet, Uerdingen zog 1848 nach, Hüls 1853, Willich 1855 und St. Tönis 1857, um nur einige zu nennen. Die Krise von 1845 mündete spätestens ab Mitte des Jahrhunderts in eine Phase des Wachstums. Die Industrialisierung bedeutete - allen Krisenphänomenen bei der Ausbildung des Arbeiterstandes zum Trotz - aufs Ganze einen Wohlstandsschub. Das war auch am Bevölkerungswachstum zu spüren - in ganz Deutschland. Auch Krefeld wuchs rasant: Im Jahr der Gründung der Sparkasse lebten etwa 25 000 Menschen in der Stadt, eine Generation oder 30 Jahre später waren es 55 000. Krefeld war um diese Zeit reich, die Stadt war mehr Kaufmann- als Arbeiterstadt.

Neue Krisen blieben nicht aus: Sei es der "Gründerkrach" von 1873, als weltweit die Finanzmärkte zusammenbrachen, sei es die Erfindung des Dampfwebstuhls, der in den 1880er Jahren das Geschäftsmodell der handwerklichen Webmanufakturen erschütterte. Es gab die welthistorischen Krisen des 20. Jahrhunderts: die Weltkriege. Das Kernmodell aber, dass nicht nur die großen Player eine Bank brauchen, sondern auch die kleinen und mittleren, hielt sich. Die Entwicklung der Sparkasse nach 1945 war vor allem durch Wachstum geprägt. Die Sparkassen sind bis heute öffentlich-rechtliche Institutionen - aber sie müssen natürlich rentabel sein. Wachstum ist da eine Strategie.

Heute ist aus der Sparkasse zu Crefeld mit 25 Talern Einlage der Sparkassenzweckverband Krefeld/ Viersen geworden, dessen Geschäftsgebiet 989 Quadratkilometer mit 590 000 Einwohnern in 15 Städten und Gemeinden umfasst. Die Kernidee aber ist dieselbe geblieben: eine Bank für die Region zu sein.

Quelle: RP
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