| 00.00 Uhr

Serie "Kempen in der Nachkriegszeit" (8)
Zigaretten gelten als Währung

Serie "Kempen in der Nachkriegszeit" (8): Zigaretten gelten als Währung
Keine Laubenkolonie, sondern eine Baracken-Wohnsiedlung für Flüchtlinge zeigt diese Aufnahme vom 4. August 1949. Sie befand sich damals in Kempen auf einem Gelände zwischen Aldekerker Straße und Bahnstrecke Kempen-Geldern. FOTO: Beckmann/Kreisarchiv
Kempen. Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs suchen Flüchtlinge aus dem Osten Unterschlupf bei Verwandten in Kempen. Mit der systematischen Vertreibung kommen die Menschen seit 1946 in Sammeltransporten am Bahnhof an. Von Hans Kaiser

Im Oktober 1945 gibt es schon 31 Flüchtlinge in Kempen. Auf der Flucht vor den vorrückenden sowjetischen Armeen haben sie Hunderte von Kilometern zurückgelegt, oft genug unter Lebensgefahr. Sie sind völlig zerlumpt, und auf Anregung der Militärregierung wird in der Kreisstadt eine Kleidersammlung für sie durchgeführt.

1946 setzt die massenhafte Vertreibung der Deutschen aus den nunmehr besetzten Ostgebieten ein. Anfang Februar 1946 kommt in Kempen der erste Sammeltransport an: 60 Frauen und Kinder aus Ostpreußen. Woche für Woche halten nun die Güterwaggons mit Vertriebenen im Bahnhof. Am 31. Oktober 1946 gibt es von ihnen in Kempen 933, in St. Hubert 479 (im Vergleich zum wesentlich größeren Kempen eine beachtlich hohe Zahl); in Schmalbroich 197.

Zunächst leben sie in Sälen, die man ihnen in Schulen und Gaststätten eingeräumt hat - im Tivoli-Haus an der Thomasstraße, im Tennisheim Casino am Hessenring, in der Königsburg am Donkring, im Lyzeum, Vorster Straße 8. Wie es in einer solchen Massenunterkunft aussah - in diesem Falle in der Kempener Königsburg am Donkring - schildert der Bericht der damaligen evangelischen Gemeindehelferin für den Bezirk Kempen, Marianne von Sahrer: "In einem großen Tanzsaal sind die Vertriebenen untergebracht. Die Fenster sind mit Pappe ausgebessert. In einer Ecke steht ein viel zu kleiner eiserner Ofen. Er verbreitet in seinem allernächsten Umkreis für einige Stunden etwas Lauwarmes. Die Alten sitzen davor. Sie versuchen, sich zu wärmen. Sie sind nach einem Jahr polnischen Martyriums und einer vierwöchigen entbehrungsreichen Fahrt hier gestrandet.

Viele, ja die meisten der Lagerinsassen stehen nicht mehr auf. Wofür sollte man auch aufstehen! Das Bündelchen mit dem Rest ihrer Habe ist unter ihrem Bett verstaut, soweit sie so etwas wie ein Bett haben. In einer Ecke liegt ein Mann. Er ist schwindsüchtig. Man hat ihn in diese Ecke gebracht, weil man hofft, dass es dort nicht so kalt wäre. Aber auch in den Ecken ist es kalt. Der Mann hat sein Kind im Arm, das über und über mit Ausschlag bedeckt ist. Sie decken sich mit zwei Wolldecken zu. Sie wärmen sich aneinander. Bettwäsche gibt es nicht, die Decken sind Monate lang nicht gewaschen. Der kleine Junge hustet auch."

Um all den Neuankömmlingen feste Wohnsitze zu verschaffen, werden die Wohnungsämter im Landkreis von der Militärregierung beauftragt, geeignete Privaträume zu ermitteln und sie auch freizubekommen - notfalls durch Zwangseinweisung. Eine undankbare Aufgabe. Gar nicht so selten, dass Vertriebene, die sich mit ihrem Bündel Habseligkeiten bei einem Hausbesitzer melden, von dessen Schwelle zurückgewiesen werden: "Wir haben keinen Platz! Wir nehmen Sie nicht auf!" Aber die Engländer setzen die Einweisungen drakonisch durch und verhängen in hartnäckigen Fällen sogar Gefängnisstrafen. So leeren sich nach und nach die Massenunterkünfte.

Einfach ist das enge Zusammenleben, das nun erforderlich ist, nicht. Was Lebensauffassung und Lebensweise angeht, zeigen sich zwischen den nüchternen, oft verschlossenen Ostdeutschen und den leichtblütigeren Rheinländern doch beträchtliche Unterschiede. Dazu kommt, dass die Vertriebenen zu etwa 70 Prozent evangelisch sind - und Kempen damals noch eine fast geschlossen katholische Stadt ist. Mancher Hausbesitzer zeigt sich ungehalten, wenn die einquartierten Mitbewohner mit ungewohntem Dialekt die Mitbenutzung von Küche und Plumpsklo beanspruchen.

Es sind vor allem die vertriebenen Frauen, die nicht resignieren. Sie halten die Familien zusammen, sie stehen bei Wohnungs- und Arbeitssuche "ihren Mann". Hilfe kommt auch von außen: Ab Dezember 1945 startet die katholische Kirchengemeinde Vorträge zu kulturellen und religiösen Themen, zu denen vor allem Flüchtlinge strömen, sich seelisch auftanken. 500 bis 600 Zuhörer sind keine Seltenheit.

Und da sind die Weihnachtsfeiern der Vertriebenen, von denen die erste am 23. Dezember 1946 stattfindet. Viele Bedürftige freuen sich von Herzen über die einfachen Dinge des täglichen Bedarfs, die da in Kempen für sie gesammelt worden sind, über gespendete Äpfel und Kartoffeln. Die Bescherung im Jahr darauf kann bereits von Flüchtlingsvertretern organisiert werden: Am 15. November 1947 ist im Kolpinghaus die "Interessenvereinigung der Ostvertriebenen Kempen-Schmalbroich" gegründet worden.

Wobei die Gründungs-Initiative in Kempen von Kaplan Karl Jankowski und Dr. Werner Grünhagen, in Schmalbroich von Ferdinand Steves ausgegangen ist. Am 20. November 1947 kommt es in Kempen zur Wahl eines Flüchtlingsausschusses, dem Vertreter der Stadtverwaltung, der freien Wohlfahrtsverbände und - das ist wichtig - Repräsentanten der Vertriebenen angehören. Anlass ist die bevorstehende Gründung eines eigenen Flüchtlingsamtes bei der Stadt Kempen. Aufgabe des Flüchtlingsausschusses soll sein, das Flüchtlingsamt zu beraten und dafür zu sorgen, dass die Vertriebenen vertrauensvoll mit den Behörden und den freien Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeiten.

Eine weitere Aufgabe: die Entsendung von Vertriebenen in die Ausschüsse des Kempener Stadtrates. Diese Ausschussmitglieder sind die eigentlichen Vertrauensleute der Vertriebenen, denn sie tragen deren Probleme den Politikern und der Verwaltung vor und unterbreiten dem Flüchtlingsrat Vorschläge zu ihrer Lösung. Damit ist der Flüchtlingsausschuss, später in Vertriebenenbeirat umbenannt, eine ganz offizielle Möglichkeit der Vertriebenen, sich durch ihre gewählten Vertreter für ihre eigenen Belange einzusetzen.

Von den 15.000 Einwohnern, die die Stadt Kempen mit Schmalbroich 1950 zählte, waren 1966 Vertriebene. Von ihnen kamen, um nur die größten Gruppen zu nennen, 589 aus Schlesien, 465 aus Ostpreußen, 337 aus Pommern, 127 aus Oberschlesien und 142 aus dem Sudetenland. Ohne die Mitarbeit der Vertriebenen, die alles taten, um sich eine neue Existenz aufzubauen, wäre das Wirtschaftswunder wohl nicht möglich gewesen.

(Fortsetzung folgt)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie "Kempen in der Nachkriegszeit" (8): Zigaretten gelten als Währung


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.