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Kreis Viersen
Zivilcourage: Mutig sein - ohne den Helden zu spielen

Kreis Viersen. 15 junge Nachwuchskräfte aus Verwaltungen am Niederrhein lernen, mit brenzligen Situationen umzugehen. Von Christiane Willsch

"Hoffentlich muss ich das nie anwenden" - diesen Wunsch der 22-jährigen Teilnehmerin des Zivilcourage-Trainings teilen auch die übrigen 14 jungen Auszubildenden, die im Studieninstitut Niederrhein einen Unterricht der ganz anderen Art erlebten. Die 15 jungen Nachwuchskräfte der Verwaltungen kommen vom gesamten Niederrhein und besuchen in Krefeld den Lehrgang, lernen dort die Theorie bis zu ihrer Prüfung als Verwaltungsfachangestellte. Und einige von ihnen kennen sehr wohl Situationen, in denen es brenzlig werden kann. Und das vor allem dann, wenn Alkohol im Spiel ist. Ein Schalke-Fan schildert einen Angriff einer gegnerischen Fan-Gruppe, die Schals sollten geklaut werden. "Ich war froh, als andere dazwischengingen." Viele fahren regelmäßig mit dem Zug, müssen etwa von Bedburg-Hau oder Kleve nach Krefeld zum Unterricht kommen. "Ich will wissen, was ich dann machen kann, wenn jemand bedrängt wird", erklärt eine 21-jährige Teilnehmerin.

Ernst Nieland und Wolfgang Danzer helfen da weiter. Beide sind pensioniert, waren viele Jahre in leitender Funktion beim Sicherheitsdienst eines Verkehrsbetriebs sowie Danzer bei der Polizei, und sind jetzt im Ruhestand ehrenamtlich für die "muTiger-Stiftung" unterwegs. "Seit 2012 haben wir rund 2200 junge Leute in Betrieben und Verwaltungen geschult." Sich einsetzen für andere - ohne selbst Opfer zu werden: Das möchten sie vermitteln. Denn: "Ihr selbst seid für euch erst einmal die wichtigsten Menschen", wenn man vor lauter Heldenhaftigkeit selbst zum Opfer würde, sei niemandem geholfen, legen sie den Auszubildenden ans Herz. Dennoch: Irgendetwas könne jeder tun. Schnell kommen Nieland und Danzer zum praktischen Teil: Die Bestuhlung wird dem Innenraum eines Busses nachempfunden, hinten in der Ecke pöbelt ein Angetrunkener, gemimt von Erst Nieland, eine junge Auszubildende an. Rausholen aus der Ecke? Oftmals zwecklos, der Helfer wird dann selbst Opfer. Wichtig sei die schnelle Verständigung mit anderen Fahrgästen und klare Botschaften. "Sie mit dem roten Pullover sagen dem Busfahrer Bescheid", etwa - der seinerseits die Polizei informiert, den Bus parkt und die Türen öffnet. Dem Angreifer mit mehreren zu signalisieren, dass sein Verhalten nicht toleriert wird, kann Wunder wirken. Auch in Zügen gibt es eine direkte Sprechverbindungsmöglichkeit mit dem Bahnpersonal. Wenn nicht, sei der Anruf bei der Polizei im Smartphone-Zeitalter immer möglich. Einen wichtigen Rat am Rande bekommen die Azubis auch noch mit auf den Weg: "Wählt möglichst nie den Platz am Fenster oder in der Ecke, wenn ihr alleine fahrt", nicht umsonst würden diese Stühle die "Loser-Plätze" genannt. Ein Zeitfenster schaffen und das Opfer - und sich selbst - aus der Gefahrensituation zu manövrieren, das wird als erstrebenswertes Ziel immer wieder betont. Die Täter im Anschluss daran noch zu maßregeln, sie zur Rede zu stellen, kann einen im schlimmsten Fall das Leben kosten - so zeigen es einschlägige Polizeiberichte. "Ich hätte nie gedacht, dass das so kurzweilig ist", so das Fazit der 21-jährigen Bettina Aschemann. Und eine Lehrgangskollegin fasst die Hauptpunkte des Workshops treffend zusammen: "Das Opfer aus der Schusslinie bringen und sich dann zusammen aus dem Staub machen."

Quelle: RP
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