| 00.00 Uhr

Kempen
Zu Ehren der gefallenen Soldaten

Kempen. Die Gedenkstunde zum Volkstrauertag der Gemeinde Grefrath findet auch in diesem Jahr auf dem Friedhof Mülhausen statt. Der Heimathistoriker Alfred Knorr hat eine Arbeit über das Ehrenfeld für die gefallenen Soldaten verfasst. Sie ist im neuen Heimatbuch des Kreises Viersen veröffentlicht. Knorr hat für die Rheinische Post eine Kurzfassung des Beitrags erstellt. Von Alfred Knorr

Jedes Jahr am Volkstrauertag lädt der Bürgermeister in Grefrath die gesamte Bürgerschaft zu einer Gedenkfeier für die Gefallenen der Kriege und der Opfer der Gewalt auf den Ehrenfriedhof nach Mülhausen ein. Auf diesem Ehrenfeld des Mülhausener Friedhofes haben 98 Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden. Diese Soldaten sind schwer verwundet von der nahen Kriegsfront im Westen in das Lazarett Mülhausen gebracht worden, wo sie kurze Zeit später starben. Das Lazarett befand sich keine 300 Meter vom Friedhof entfernt im Kloster der Schwestern "Unserer Lieben Frau". Schon im Ersten Weltkrieg wurde im damaligen Missionshaus, dem heutigen Antoniushaus, sowie in Teilen des Kindergartens ein Lazarett eingerichtet. So standen hier schon in den ersten Kriegsmonaten des Jahres 1914 etwa 100 Plätze für die verwundeten Soldaten zur Verfügung.

Das Lazarett während des Zweiten Weltkrieges war dagegen mit über 800 Betten erheblich größer. Ab August 1941 wurden hier in den Räumen der Schule wie im Internat neun Stationen für Schwer- und Leichtverletzte eingerichtet. Von nun an übernahm die Gestapo die Verwaltung der Gebäude des Klosters und der Schule, deren Betrieb sofort eingestellt werden musste.

80 Schwestern hatten das Kloster nur mit ihren notwendigsten Habseligkeiten nebst drei Reichsmark Reisegeld aus der von der Gestapo beschlagnahmten Kasse des Klosters sowie einer Fahrkarte in wenigen Stunden zu verlassen. 28 Lazarettschwestern, die vorsorglich in der Krankenpflege sowie für die Arbeiten im Labor und der Röntgenabteilung ausgebildet worden waren, sowie 20 Wirtschaftsschwestern für die Küchen, Speisesäle, Wäscherei, Näherei und dem Obst- und Gemüsegarten durften bleiben. Das Säuglings- und Altmännerheim wurde weiter betrieben.

Bis zum März 1942 stieg ihre Zahl auf 82 Ordensschwestern an. Mit dem Anstieg der Verwundetenzahlen nahm auch weiter die Zahl der Schwestern auf über 100 zu. Sie wurden unterstützt von mehr als 60 Mitarbeitern, wozu auch neun Kochanlernlinge, 19 Sanitäter, drei Franziskanerschwestern und zwei Kriegsgefangene gehörten. Dabei wurden auch Schwestern aus dem Schuldienst eingestellt, die vorsorglich ein Examen für die Befähigung zur Krankenpflege abgelegt hatten. Darunter war auch die bisherige Schulleiterin, Schwester M. Modesta Wand, der die Gestapo das Amt der "Oberschwester im Lazarett" übertrug. Auch die Lazarettchefärzte Dr. Ascher und Dr. Trimborn erwiesen sich als Freund und Helfer der Schwestern.

Als Lazarettpfarrer konnte Rudolf Ahlert wirken, der schon als junger Kaplan seit 1925 die Seelsorge für die Schwestern im Kloster übernommen hatte. Er war der Einzige aus dem Lehrerkollegium, der im Kloster bleiben durfte. 1943 gründete Prälat Ahlert mit 14 Verwundeten im Lazarett einen Soldatenchor, der die Heilige Messe in der Klosterkapelle mitgestaltete. Dieser Chor bestand noch über 60 Jahre nach Kriegsende fort, denn bis auf den Leiter Willi Sieben hatten alle den Krieg überlebt.

Schon 1942 wurden über 800 Verwundete im Lazarett Mülhausen versorgt. Im Februar 1943 wurde das Teillazarett zum Hauptlazarett erhoben. 1944 erfolgte der Wechsel vom Reservelazarett mit 800 Betten zum Kriegslazarett und im September 1944 zum Feldlazarett und zum Hauptverbandsplatz, als die Front immer näher an das Lazarett heranrückte. In diesen Monaten stieg die Zahl der Sterbenden stark an. Insgesamt mussten alleine im Jahr 1944 über 1000 Leicht- und Schwerverwundete versorgt werden. Als im Mai 1944 ein Bombenangriff auf das mit 200 meist 16-jährigen Jungen belegte Barackenlager in Wankum-Harzbeck stattfand, mussten viele Jugendliche in das Lazarett Mülhausen eingeliefert werden.

Am 27. Februar 1945 wurde das Lazarett wegen der herannahenden Front geräumt. Die Verwundeten wurden in Autos auf die andere Rheinseite gebracht. Die Schwestern und weiteres Personal blieben mit zwei sterbenden Soldaten im fast leeren Lazarett zurück.

In der Nacht zum 2. März 1945 verließ auch der Gestapo-Verwalter mit seinem Auto, das wegen einer Panne an einem Rot-Kreuz-Wagen angehängt war, und einem Möbelwagen das Kloster. Alle Nahrungsmittel, Wäsche und Vorräte nahmen die Verwaltungsbeamten mit. Vier Schweine wurden noch schnell geschlachtet. Das einzige Klosterpferd, das so oft den Wagen mit den Särgen zum Friedhof gezogen hatte, musste, an ein Auto gebunden, mitlaufen. Am 2. März 1945 besetzten amerikanische Truppen die Gebäude des Lazaretts und nutzten es vier Wochen als Hospital für ihre verletzten Soldaten. 50 amerikanische Ärzte und Verwaltungsoffiziere quartierten sich ein, und 50 amerikanische Rot-Kreuz-Schwestern zogen ins Antoniushaus. Dazu kamen noch etwa 200 Mann Personal. Im Innenhof und auf den Wegen bis tief in den Park hinein standen Panzer. Ohne Unterbrechung kamen bei Tag und Nacht die Sanitätswagen von der Front. Zu den fünf OP-Tischen im Lazarett wurden noch mehrere draußen in einem Zelt aufgestellt.

Am Ostermorgen zog das Lazarett weiter. Zwei Krankenzimmer mit zumeist deutschen Verwundeten waren noch belegt. Sie blieben unter der Obhut zweier Ärzte noch fast eine Woche zurück, bis auch dieses Lazarett am 6. April 1945 auf die rechte Rheinseite verlegt wurde.

Ab August 1944 trafen immer mehr Transporte von Schwerstverwundeten im Lazarett Mülhausen ein, von denen viele nicht überlebten. So richtete man im September 1944 ein Ehrenfeld auf dem Mülhausener Friedhof ein. Es wurden dort bis zur Aufhebung des Lazaretts 98 Soldaten beerdigt. In einem Grab ruht ein unbekannter Soldat, von dem man nur das Sterbedatum (5. September 1944) kennt.

Insgesamt starben in dem Mülhausener Lazarett 112 Verwundete. Zu Anfang konnten die Verstorbenen noch in einem Sarg bestattet werden, später bestattete man sie mangels Särge lediglich in Tüchern. Unter den verstorbenen Kriegsverletzten im Mülhausener Lazarett sind 29 Jungen noch keine 20 Jahre alt geworden. Der älteste dort beerdigte Soldat war 43 Jahre alt. Das Durchschnittsalter aller Verstorbenen betrug nur 26 Jahre. 77 Männer gehörten einem Mannschaftsgrad an. Außerdem verloren acht Offiziere und 16 Unteroffiziere ihr Leben.

1963 wurde das Ehrenfeld umgestaltet. Die Holzkreuze wurden durch 52 Steinkreuze ersetzt, auf denen auf der Vorderseite zumeist die Namen von zwei Soldaten eingemeißelt sind. Pfarrer Johannes Schaadt segnete das neu errichtete Hochkreuz aus Stein. Es trägt die Inschrift: "Hier ruhen Soldaten, die im Reservelazarett Mülhausen starben. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe."

1987 konnte der Ehrenfriedhof durch ein Ehrenmal ergänzt werden, auf dem in sieben Steintafeln die Namen von 19 Gefallenen des Ersten Weltkrieges sowie von 51 Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges aus Mülhausen eingemeißelt sind.

An der jährlichen Gedenkfeier nehmen die Traditionsvereine mit ihren Fahnen ebenso teil wie die Kirchen und örtlichen Hilfsorganisationen. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge sowie der VdK als auch der Bürgermeister legen Kränze nieder. Ein Chor singt das Lied "Ich hatte einen Kameraden". Die Mitglieder des ehemaligen Soldatenchores sind seit einigen Jahren nicht mehr dabei.

Quelle: Alfred Knorr, Heimatbuch Kreis Viersen 2016, S. 189-198.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kempen: Zu Ehren der gefallenen Soldaten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.