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Serie Vor 147 Jahren
Zur Problematik von Straßennamen

Serie Vor 147 Jahren: Zur Problematik von Straßennamen
Beim Bau der Thomasstraße wurde der Weg, der bis dahin durch Obst- und Gemüsegärten vom Franziskanerkloster zur (hinten) zur Burg (rechts) führte, durch eine Grünanlage vor der Burg - den Stadtgarten - ersetzt. FOTO: Nachlass Karl Wolters
Stadt Kempen. 245 Straßen gibt es in Alt-Kempen. 100 davon sind nach Personen benannt, 55 davon nach Kempenern. Die aber stammen fast zur Gänze aus der katholischen Führungsschicht, die nach der Vertreibung der Juden im 14. Jahrhundert und der Evangelischen im 17. Jahrhundert in Kempen Ton angebend war. Wie Minna Meckel. Von Hans Kaiser

KEMPEN Minna Meckel? Nie gehört... Große Bedeutung hatte die Vorsitzende des Katholischen Frauen-Fürsorgevereins nicht, aber eine Straße hat man nach ihr benannt, weil ein geplantes "Frauenviertel" weibliche Namen brauchte. Dann hätte man aber auch die mutige Margaretha Molanus berücksichtigen sollen, die 1758 in Kempen eine Plünderung durch preußische Truppen verhinderte. Vor allem aber die urkundlich gesicherte Reynanza, die sich um 1000 nach Christus mit ihren vier Töchtern zwischen der heutigen Peter- und Ellenstraße niederließ. Ihr Anwesen lieferte den Ausgangspunkt für die Kempener Dorfsiedlung, was das hohe Alter des Ortes bezeugt.

Bedeutende Persönlichkeiten, die mit der Kempener Geschichte eng verbunden sind, aber das Pech haben, nicht katholisch zu sein oder den Evangelischen nahe zu stehen, hat man bei den Straßennamen unterschlagen - wie den Freiherrn Wilhelm von Rennenberg. In Kempen war er von 1540-1546 Amtmann, das heißt höchster Repräsentant des Kölner Kurfürsten. Er war der bedeutendste kurfürstliche Beamte, der je in der Kempener Burg residiert hat, und seine Familie zählte zu den wichtigsten rheinischen Edelgeschlechtern des Spätmittelalters. Vor seiner Kempener Zeit hatte er sich Verdienste als Diplomat und Kriegsmann erworben - unter anderem als Befehlshaber der Reiterei des Reichsheeres gegen die Türken. Der renommierte Historiker Prof. Dr. Leo Peters hat ihm den Band 31 der Schriftenreihe des Kreises Viersen gewidmet. Aber in der Stadt ist er weitgehend unbekannt - was sicher daran liegt, dass er hier im Auftrag seines Kurfürsten Hermann von Wied als Schutzherr der Evangelischen wirkte.

Die Einseitigkeit bei der Benennung Kempener Straßennamen geht auf den Kulturkampf zurück, in dem der preußisch-evangelische Reichskanzler Otto von Bismarck den öffentlichen Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen suchte. In Kempen führte das dazu, dass die Pfarrstelle von 1876 bis 1887 unbesetzt blieb; dass 1877 der Bürgermeister Theodor Mooren entlassen wurde, nach dem der Moorenring benannt ist; und dass 1875 Pater Arnold Janssen, Hausgeistlicher am Kempener Ursulinenkloster, nach Steyl bei Venlo auswich, wo er eine weltweit tätige Missionsgesellschaft gründete. Auch nach ihm heißt eine Straße. - Im Gefühl ihrer konfessionellen Bedrohung formierte Kempens katholische Bevölkerungsmehrheit sich in den nächsten Jahrzehnten zu einer geschlossenen politischen Gemeinschaft. Die katholische Zentrumspartei dominierte die Stadt und benannte in der nun folgenden Ausbauphase Straßen in ihrem Sinne.

Eigentlich Schnee von gestern. Bemerkenswert jedoch, dass diese Einseitigkeit in Kempen offenbar ohne Kenntnis der historischen Hintergründe bis in die Gegenwart hinein fortgeführt wurde. Das zeigt das Beispiel der Ordensfrau, deren Namen gleich zweimal erscheint.

Louise Freifrau von Duesberg war eine Ursulinerin, die die Höhere Töchterschule von 1867 bis 1869 an der Engerstraße 53 und von 1873 bis 1875 an der Mülhauser Straße leitete. Ihr Name ist doppelt verewigt: im Luise-von-Duesberg-Gymnasium, aber auch im Hilariaweg - wobei der Name Luise von Duesberg die bürgerliche Form darstellt und der zweite die vom Orden festgelegte Form Hilaria.

Eine der letzten Straßenbenennungen wurde im Grachtenviertel nach einem gewissen Ferdinand vorgenommen. Die Ferdinandstraße bewahrt das Andenken des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Ferdinand von Bayern, der seit 1595 Kempens Landesherr war. Dieser intolerante Machthaber gab mit seiner 1614 erlassenen Religionsordnung den Anstoß zur Vertreibung der evangelischen Bürger aus Kempen, darunter zahlreiche geschäftstüchtige Kaufleute und geschickte Handwerker. Für Kempen brach eine Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs an. Zudem erreichte unter Ferdinands Herrschaft die Hexenverfolgung im Kurfürstentum Köln ihren Höhepunkt. Im Kempener Burgturm erlag 1601 Sibilla This aus St. Hubert ihren Qualen auf der Streckbank.

Keine Straße benannt ist nach einem der Vorgänger Ferdinands, dem Erzbischof Hermann von Wied (1515-1547), obwohl der für Kempen eine weit positivere Bedeutung hatte und auch eine engere Beziehung zur Stadt. Von Wied bemühte sich um einen Ausgleich zwischen den Konfessionen: Anders als der fanatische Gegenreformator Ferdinand kann er einer heutigen Zeit als Vorbild dienen. Nach einem seiner Besuche in Kempen, das damals ein Zentrum der Reformation am Niederrhein war, erließ er am 27. Juli 1546 speziell für unsere Stadt eine Reformationsordnung. Am Niederrhein ist sie eines von wenigen Dokumenten dieser Art. Der Text stellt einen Aufruf zur Eintracht und Versöhnung dar.

Die Wilmiusstraße trägt ihren Namen nach einem Mann, der die Anweisungen des glaubenseifrigen Kurfürsten Ferdinand in seiner Heimatstadt konkret umsetzte: Johannes Wilmius (1584-1655). Er war hier der eifrigste Kämpfer für die Gegenreformation, allerdings auch Kempens erster Lokalhistoriker. Indes: Mit seiner Hilfe wurden angesehene und erfolgreiche Einwohner bedrängt und vertrieben. Auf ihn geht die Gründung des Franziskanerklosters zurück als Missionszentrale gegen die Evangelischen. Auch zum Bau der Kreuzkapelle im Süden der Stadt gab er den Anstoß.

Keine Straße genannt ist hingegen nach einem evangelischen Theologen, der ein Jahrhundert vor Wilmius in Kempen wirkte und mindestens so bedeutend war wie er: Nach Dr. Albert Hardenberg (1510-1574), den Kurfürst Hermann von Wied 1545 als Pfarrer nach Kempen sandte, um hier den evangelischen Glauben zu fördern. Hardenberg war einer der wichtigsten Prediger des rheinischen Raumes; ein theologisch hoch gebildeter Mann, der den Auffassungen des toleranten Schweizer Reformators Ulrich Zwingli nahe stand. Er ist ein Mitarbeiter des bekannten Reformators Melanchthon. Erzogen wurde er im Geiste der Brüder des gemeinsamen Lebens - einer innovativen religiösen Gemeinschaft, der auch Thomas von Kempen eine Zeitlang angehörte. Hardenbergs Predigten in der heutigen Propsteikirche, die damals den Evangelischen gänzlich unterstand, wurden so berühmt, dass die Menschen aus der nördlichen Nachbarschaft ihr zu Tausenden zuströmten. Auf Veranlassung Kaiser Karls V. musste er Kempen 1546 verlassen.

In der nächsten Folge: Menschen, die die Kempener Berufsschule prägten

Quelle: RP
 
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