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Stadt Kempen
Zwei Himmelsstürmer auf ihren ausgefallenen Instrumenten

Stadt Kempen. Allein das Drumherum war schon filmreif. Zu den Konzerten der Nachtmusik-Reihe ist die Paterskirche leer geräumt, die Bühne in die Mitte des Kirchenschiffs gerückt. Mit Klappstühlen und Papphockern ausgerüstet, entern die Besucher das Auditorium und bauen sich in Halbkreisen um die Bühne auf. Andere nehmen Iso-Matten und Kissen mit und drapieren sich liegend und sitzend auf dem Boden. Von Heribert Brinkmann

Die Nachtmusik am Freitagabend war ausgesprochen gut besucht, und wohl alle, die das Konzert besuchten, werden es genossen habe. Was die beiden Solisten aus Paris, der Akkordeonist Vincent Peirani und Emile Parisien mit seinem Sopransaxofon darboten, war großes Kino als Kammerspiel. "Was der aus Nizza stammende Pariser dem Knopfakkordeon entlockt, hat man so noch nicht gehört. Da spielt eine kommende Größe", zitiert sein Plattenlabel die Süddeutsche Zeitung.

Doch der 36-Jährige ist schon längst angekommen. In seiner Heimat gilt der vielfach Ausgezeichnete heute als ein führender Jazzmusiker seiner Generation. Peirani ist ein Erneuerer des Akkordeons, für ihn eine "Erregungs- und Wunderkiste" (Die Welt). Mit elf Jahren entdeckt er das Akkordeon, spielt damit zuerst klassische Musik. Mit 16 findet er zum Jazz und beginnt später ein Jazzstudium in Paris. Mit seinem ganz neuen Blick auf das Instrument macht er sich in der französischen Jazzszene schnell einen Namen.

Die musikalische Bandbreite ist enorm. Er hält sich nicht bei Chanson und Musette auf, er schöpft aus Klassik und Jazz, liebt minimalistische Skalen und nutzt sie für einen rhythmischen Untergrund. Mal lässt Peirani, der barfuß auftritt, sein Akkordeon leise fauchen, mal wieder mit vollem Druck orchestral tönen. Wäre Peirani allein schon einen Solo-Abend wert, wurde der Abend durch den Part von Emilie Parisien perfekt. "Emile Parisien ist die beste Neuigkeit des europäischen Jazz seit langem", jubelt die französische Tageszeitung Le Monde. Und auch wenn Peirani ein Kopf größer als Parisien ist, begegnen sie sich auf Augenhöhe. Zwei gleichrangige, virtuose Instrumentalisten von tiefer Musikalität sind kongenial aufeinander eingespielt. Es gibt nur wenige Saxofonisten, die das Sopransaxofon zu ihrem Hauptinstrument machen. Beim Konzert in Kempen entpuppt sich der Saxofonist und Komponist als wahres Energiebündel, der sich um seine eigene Achse dreht, mit den Füßen aufstampft. Seine Improvisationen wechseln von melodischen Linien zum gebändigten Free Jazz. Er nimmt den Lockruf des Akkordeons auf und hebt zu himmelsstürmenden Läufen ab. Das Zusammenspiel der beiden ist ebenso kraftvoll wie meditativ. Schon nach der zweiten Komposition wollte der Beifall schier nicht enden. Ein großartiges Konzert.

Quelle: RP
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