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Kevelaer
Ansturm: Tafel zieht Notbremse

Kevelaer: Ansturm: Tafel zieht Notbremse
Großer Andrang bei der Nummernausgabe: Dutzende Menschen stehen schon eine Stunde vorher in der Schlange an. Die Tafel-Mitarbeiter stoßen an ihre Grenzen. FOTO: Thomas Binn
Kevelaer. Der Betrieb in der Kevelaerer Tafel ist mittlerweile so groß geworden, dass der Vorstand nun die Reißleine gezogen hat. Ab Montag gilt ein temporärer Aufnahmestopp. Von Christian Cadel

Donnerstag, 13 Uhr: Die Tür der Kevelaerer Tafel öffnet sich. Dutzende Menschen kennen keinen Halt mehr. Sie drängen, schieben - jeder will der erste sein. Was bei den meisten für Beklemmung sorgen würde, ist für die Mitarbeiter der Tafel längst Routine. Schon immer sei viel zu tun gewesen, sagen sie, doch nun kommen auch immer mehr Flüchtlinge, um Nahrungs- und Lebensmittel abzuholen.

Genau 462 Einheimische und Flüchtlinge sind derzeit als Kunden registriert. Damit sei die Grenze erreicht, findet der Vereinsvorstand. Und deshalb wird am kommenden Montag ein Aufnahmestopp in Kraft treten, der verhindern soll, dass das Gedränge irgendwann ausufert.

"Die Entscheidung ist uns wahrlich nicht leicht gefallen, aber wir müssen dem Ganzen erst einmal einen Riegel vorschieben. Schon jetzt haben wir mehr als 400 gelistete Kunden", sagt der Vorsitzende der Kevelaerer Tafel, Wilfried Binn. Allerdings macht er auch deutlich, dass der Aufnahmestopp temporär sei und je nach Lage wieder aufgehoben werden könne.

"Die Menschen, die jetzt schon zu uns kommen und einen Berechtigungsausweis haben, werden auch weiterhin von uns bedient. All diejenigen, die ab Montag hinzukommen, müssen wir leider abweisen. Das gilt für Zuwanderer, aber auch für Einheimische", sagt Binn, der in den kommenden Monaten einen enormen Zuwachs der Anspruchsberechtigten erwartet. Schon jetzt liege der Flüchtlingsanteil aller zu bedienenden Kunden bei 60 Prozent.

"Nach offiziellen Schätzungen werden bis Jahresende rund 1100 Flüchtlinge in Kevelaer leben. Wir stoßen aber jetzt schon an unsere Grenzen - personell und auch, was die Waren betrifft", sagt Binn.

Wie ein normaler Ausgabetag aussieht, wissen Monika Peters, Agi Plönes und Elisabeth Schenke nur zu gut. Sie stehen regelmäßig hinter dem Ausgabetresen des nur wenige Quadratmeter großen Warenladens - teilweise sieben oder acht Stunden lang. "Die Waren werden von einigen Vereinsmitgliedern morgens abgeholt und anschließend von drei oder vier Frauen sortiert. Die Mittagsschicht übernimmt dann die Warenausgabe", erklärt Peters. Kollegin Schenke ergänzt: "Vor allem bei der Nummernausgabe ist das Gedränge groß." Nach dem Losverfahren erhält jeder Kunde eine Nummer, um die Ausgabe in geregelten Bahnen ablaufen zu lassen. Jeweils drei Kunden dürfen gleichzeitig in den Laden. "Ende Februar ersetzen wir unser System durch ein neues. Dann erhalten die Kunden einmalig farbliche Karten. Jede Farbgruppe hat einen eigenen Ausgabezeitraum. Der große Nutzen dieses neuen Systems, das übrigens in einem Projekt an der Uni Saarbrücken für alle Tafeln in Deutschland ausgeklügelt wurde, ist, dass die Wartezeiten erheblich verkürzt werden", erklärt Binn.

Trotz der Belastungen können die Ehrenamtler ihrer Aufgabe auch einiges abgewinnen. "Die Arbeit ist auch irgendwie bereichernd. Man lernt eine Menge dazu", sagt Vorstandsmitglied Christiane Rademaker. Und eben drum werden die Ehrenamtler auch weiterhin alles geben, um bedürftige Menschen glücklich zu machen. "Ehrenamt darf aber auch nicht zur Belastung werden. Ansonsten würde es gefährlich werden. Wir als Tafel sind schließlich kein Vollversorger, sondern lediglich Unterstützer. Alle unsere 54 Mitarbeiter, ob in der Logistik oder in der Warenausgabe, machen ihre Arbeit gerne, aber irgendwo muss auch eine Grenze gezogen werden", sagt Binn. Und die ist - so leid es den Tafel-Mitarbeitern auch tut - mittlerweile erreicht.

Quelle: RP
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