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Kevelaer
Barrierefreiheit in Kevelaer im Praxistest

Kevelaer: Barrierefreiheit in Kevelaer im Praxistest
Der Blindenstock gibt den Nicht-Sehenden eine Rückmeldung über die Beschaffenheit des Straßenbelages wie hier am Kevelaerer Rathaus. FOTO: Seybert
Kevelaer. Eine öffentliche Stadtbegehung unter Anleitung von Gutachterin Astrid Urgatz. Das Fachkonzept wird am 22. November vorgestellt. Von Monika Kriegel

Notizen zu schreiben ist bequemer im Sitzen. Das war es dann schon mit dem Komfort. Warum steuere ich unkontrolliert nach links und rechts, rolle nicht zügig geradeaus, und warum bewegt sich die Gruppe so schnell? Weil Franz Heckens vom Bauamt der Stadt Kevelaer mich zur Probe in den mitgebrachten Rollstuhl gesetzt hat. Glücklicherweise ist auf der Hälfte der Hauptstraße Schluss mit dem ruckeligen Schieben über Kopfsteinpflaster, dem Simulieren einer Geh-Behinderung.

Gut zwei Dutzend Männer und Frauen waren der Einladung gefolgt, unter Anleitung der Gutachterin Astrid Urgatz in Kevelaer "den Barrieren für Menschen mit Behinderung auf die Spur" zu kommen. Mit Rollstuhl, Simulationsbrille, Gehörschutz oder Gehhilfe. Probehalber hatte am Rathaus Karl Schmitz im Rollstuhl Platz genommen und den Versuch unternommen, im Erdgeschoss des Rathauses die Behindertentoilette zu erreichen. Schon hinter der Automatik-Tür war Stopp. "Selbst geübte Rollstuhlfahrer schaffen es fast nicht aus eigener Kraft, diese Tür zu öffnen", sagt der Twistedener. Sehbehinderten Gästen blieb nur die Möglichkeit, am Empfang mit der viel zu hohen Theke zu fragen: "Ist hier jemand?"

"Hier an der Ecke Annastraße/ Peter-Plümpe-Platz gibt es zwar eine Absenkung, auf der gegenüberliegenden Fahrbahn aber keine", machte Urgatz die Gruppe später auf Feinheiten aufmerksam. Die hellen Ornamente der Wegführung vor der Kerzenkapelle deutet sie für Sehbehinderte als ein Plus. Dafür stört auf dem Kapellenplatz etwas anderes, wie die Sehbehinderte Bettina Weber erklärt: "Ich kann mich mit dem Blindenstock zwar selbstständig orientieren. Die Kugel des Blindenstocks rattert aber laut über das Kopfsteinpflaster, dass der andere unterstützende Sinn, nämlich das Hören - dadurch stark eingeschränkt ist." Die 45-jährige Kervenheimerin traut sich nicht mehr, alleine unterwegs zu sein, weil sie zweimal fast angefahren wurde.

Liesel Borman vom Kevelaerer Seniorenbeirat fühlt sich noch recht fit, hatte aber eine Spezialbrille aufgesetzt, die eine Makula-Degeneration simulierte. Vor dem Priesterhaus folgt sie den Erklärungen von Astrid Urgatz. Ein schmiedeeisernes Gitter stellt ein Verletzungsrisiko dar, weil es in Kopfhöhe von Sehbehinderten nicht wahrgenommen wird. Und generell, so empfanden es die Probanden, hatten die Rollstuhlrampen zu steile Winkel, dass wirklich viel Muskelkraft nötig wird, beispielsweise in die Basilika zu gelangen. Dort war zudem der schmiedeeiserne Handlauf an der falschen Seite angebracht.

"Die Planer arbeiten theoretisch", erkannte Gästeführerin Margret Meurs, wo die Schwächen im System lagen. Ihr war aufgefallen, dass es in der Wallfahrtsstadt lediglich eine Verkehrsampel an der Ecke Amsterdamer Straße, die mit einem akustischen Signal ausgestattet ist.

Sogar am Roermonder Platz, wo prinzipiell das Shared-Space-Verfahren gut funktioniert, weil Verkehrsteilnehmer sich vornehmlich per Augenkontakt verständigen, gab es einen Planungsmangel. Dort wurde angemerkt, dass Sehbehinderte keine Leitlinie am Boden haben und im Zick-Zack den Platz queren. "Weil sie keine weißen Rippenplatten an Orientierungshilfe haben", erklärte Astrid Urgatz das Problem.

Auf das detaillierte Fachkonzept für eine barrierefreie Innenstadt dürfen die Kevelaerer gespannt sein. Es wird am Mittwoch, 22. November, im Petrus-Canisius-Haus der Öffentlichkeit vorgestellt und einen Tag später im Ausschuss beraten.

Quelle: RP
 
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