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Kevelaer
Die Berliner Mauer steht in Kevelaer

Kevelaer: Die Berliner Mauer steht in Kevelaer
Die Proben für das Musical laufen auf Hochtouren. FOTO: Markus van Offern
Kevelaer. Schüler der Realschule und der Gesamtschule bringen das musikalische Theaterstück "Sonnenallee" auf die Bühne. Damit geht die Theater- und Musik-AG ins 25. Jahr. Requisiten stammen zum Teil original aus der ehemaligen DDR. Von Bianca Mokwa

Ein Mädchen steht in der Mitte der Turnhalle. "Wir begrüßen unsere Genossen", ruft sie quer durch den Saal. Es erklingt "Auferstanden aus Ruinen", die Nationalhymne der DDR. Und schon befindet sich der Beobachter inmitten der Proben für das musikalische Theaterstück "Sonnenallee".

Etwa 100 Schüler der Städtischen Realschule und der Gesamtschule Kevelaer-Weeze sind daran beteiligt, den gleichnamigen Film von Leander Haußmann (nach Romanvorlage von Thomas Brussig) auf die Bühne zu bringen. "In einer Viertelstunde ist Pause", lautet die Ansage von Schulleiter Michael Cuypers, bevor auf sein Zeichen hin das Orchester und der Chor das Status-Quo-Lied "In the army now" anstimmen. Im Rhythmus probt Lehrerin Claudia Kanders mit einer Gruppe eine Choreografie, während ihre Kollegin Saskia Reinkens mit dem Fuß im Takt wippt und einen Blick auf das nächste Stichwort wirft.

Zwei Wochen sind es nur noch bis zur Premiere. Bühnenflair gebe die Turnhalle zwar nicht her, gibt Schulleiter Cuypers zu, aber das sei kein Problem. "Denn wir wissen, dass wir bald in der guten Stube Kevelaers spielen", sagt der Schulleiter und meint damit das Konzert- und Bühnenhaus. Bei drei Vorstellungen würden etwa 1500 Menschen das Stück sehen, und das sei schon eine Menge Motivation. Stolz zeigt er das Plakat, das die Veranstaltung ankündigt. Das Brandenburger Tor ist zu sehen und die Berliner Mauer mit Graffiti.

Die Mauerteile sind für die Bühne aus Pappmaché nachgebildet worden. Um die Requisiten, allen voran die Kostüme, kümmert sich Lehrerin Andrea Schwanitz. Froh erzählt sie von ihren Errungenschaften, einem Original-Helm der Volksarmee und einem Original-Pullover aus der DDR: braune kratzige Wolle mit orangen Streifen. Denn das Stück spielt in den 1970er Jahren, das soll das Publikum auch sehen.

Eine der Hauptfiguren ist Micha, gespielt von Miguel Perez. "Ich bin so der Nerd, der versucht cool zu sein", beschreibt der 15-Jährige seine Rolle. Sein bester Freund ist Mario. "Ich bin eher cool und locker, nicht so für das System der DDR", sagt Sophie Aymans, was ihre Rolle ausmacht. Ob es schwierig ist, als Mädchen eine Jungenrolle zu spielen? "Man muss sich ein paar Sachen abgucken", sagt Sophie. "Jungs laufen zum Beispiel anders, als Mädchen." Sie hat zwei ältere Brüder, bei denen sie sich das abschauen kann. Gut findet sie, dass keine Fantasiegeschichte umgesetzt wird. In den 25 Jahren wurden etwa Momo, Alice im Wunderland oder Krabbat auf die Bühne gebracht. Diesmal ist mit "Sonnenallee" ein politisches Thema gewählt worden.

Ideengeberin ist Lehrerin Saskia Reinkens. Sie hat die Regie übernommen. Das Buch "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" hat sie 1998 in ihrer Schulzeit gelesen. "Als dann der Film rauskam, ist das Thema bei mir hängengeblieben." Zwar haben die Schüler weder die DDR noch die Wende hautnah erlebt, dennoch schätzt die Lehrerin die "Sonnenallee" als aktuelles Stück ein.

"Es geht um Jugendkultur, Musik hören, miteinander abhängen und Mädchen natürlich", beschreibt sie den Inhalt. "Die Jugendlichen haben heute die gleichen Probleme, wenn auch damals im Angesicht der Mauer." Um die Schüler einzustimmen, wurden gemeinsam der Film und Dokumentationen geschaut. "Ich finde es auch wichtig, dass unsere Geschichte nicht vergessen wird", sagt Reinkens. Das Stück solle das Publikum auch anregen, über andere Mauern, etwa die in den Köpfen, nachzudenken und diese einzureißen. Von daher sind vielleicht die Kostüme der 70er Jahre eine Mischung aus schrill und altbacken, die Botschaft ist es nicht.

Quelle: RP
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