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Kevelaer
Die neue Lust an Nadel und Faden

Kevelaer: Die neue Lust an Nadel und Faden
"Der erste Schnitt ist der schwerste", sagt Marion Schopmans und schneidet beherzt zu. Wie aus einem Stück Stoff eine Tasche oder eine schicke Bluse wird, das weiß die gelernte Damenschneiderin genau. In ihrem Geschäft gibt es die nötigen "Rohstoffe" dafür. FOTO: Gerhard Seybert
Kevelaer. Bunte Stoffe, andere Verwendungsmöglichkeiten, das Bild des Hobbys an der Schneidermaschine hat sich gewandelt. Marion Schopmans aus Kervenheim berichtet von den Kursen und Beweggründen ihres Nähstudios. Von Bianca Mokwa

Die Türglocke schrillt. Die Kundin sucht ein Kleid. Gibt es nicht. Nur Stoffballen. Das ist nicht schlimm, sondern so gewollt. Auf einem Tisch liegt ein Buch mit Abbildungen fertiger Sommerkleider. "Gibt es auch Kurse?", will die Kundin wissen. Denn das Kleid gibt es bisher nur in ihrem Kopf. Nähen möchte sie es selber.

"Viele haben Nähen als Hobby entdeckt. Wiederentdeckt", sagt Marion Schopmans vom gleichnamigen Nähstudio in Kervenheim. Gut 20 Jahre war es ruhig um diese Handarbeitskunst. "Wir wurden als Kinder noch benäht", sagt die Kervenheimerin. Sie hat es noch von der Pike auf gelernt. Sie war noch die letzte, die als Damenschneiderin an der Gelderner Berufsschule lernen durfte. "Dann war Ende."

Der Einstieg erfolgt für die Hobby-Kreativen oft über die Kinder, weiß die Ladenbesitzerin. Sie geht zu einem Regal. In dem liegen Stoffballen mit Motiven von Janosch, der Sendung mit der Maus und den Minions. "Wenn ein Kind mit so einem Pulli in den Kindergarten auftaucht, ist das Kind der ,Burner'", sagt Schopmans und korrigiert sich. "Vielmehr ist die Mutti der ,Burner'". Denn immerhin war die diejenige, die Maß genommen, sich hingesetzt hat und die Nähmaschine schnurren ließ. Die Erfahrung zeige aber, dass sich Kinder ab einem bestimmten Alter nicht mehr benähen lassen, sagt Schopmans. Mit acht, neun Jahren ist Schluss. Bei vielen Müttern legt sich dann ein Schalter im Kopf um. Sie entdecken, dass sie durchaus auch mal etwas für sich selber nähen können. Schopmans geht zum nächsten Regal mit Stoffrollen. "Auch da ist der Vorrat unerschöpflich." Sie zeigt Stoffe mit fein gezeichneten Federn darauf, kräftige Rottöne und Stoffbahnen mit trendigen Sternen.

Längst werde aus Stoff nicht nur Kleidung genäht. Auch Accessoires, Tischsets, Taschen, "Ordnungshüter", in denen Kinder ihre Spielsachen einsortieren können, stehen ebenfalls hoch im Kurs der Hobby-Näher. Kurse, die bietet Schopmans auch. Ab sofort in den neuen Räumen an der Schlosstraße. Auf der Murmannstraße fehlte dafür der Platz, es wurde im Pfarrheim genäht. Nun ist alles an einem Ort. "Jetzt sind alle im Paradies unterwegs", nennt Schopmans den kurzen Weg von der Nähmaschine zu der bunten Schar der Stoffballen. Die Kurse besuchen vor allem junge Mütter und Omis, die ihre Enkel benähen, beschreibt Schopmans das Klientel. Mütter kommen auch mit ihren Kindern, die dann einen "Nähmaschinenführerschein machen. Männer? "Nee, bis jetzt noch nicht. Aber ich würde mich sehr darüber freuen", sagt die Kervenheimerin. Sie hat wohl von Männern gehört, die bereits bei ihren Frauen nach einem selbst genähten Pulli anfragten.

Eines ist sicher: Jedes Stück ist ein Unikat. Schopmans zeigt eine Jacke aus modernem Softshell-Stoff. Genäht von Frauen aus ihrem Kurs. "Alle unterschiedlich, alle schön", sagt Schopmans. Die Schnitte dazu gibt es in Heften oder im Internet. Um loszulegen braucht es nicht mehr als eine Schere, Nähgarn und eine funktionierende Nähmaschine. Ein Meter Stoff kostet etwa 15 Euro. "Für ein T-Shirt für einen Erwachsenen werden zwei bis zweieinhalb Meter Stoff benötigt", erklärt Schopmans. Der große Vorteil am Selbernähen liegt an der Individualität. Gewählt werden kann zwischen Stoffart, Lieblingsfarbe, Muster. Der erste Schnitt mit der Schere sei übrigens der schwerste. "Anfänger tun sich schwer, in das schöne rechteckige Stück Stoff reinzuschneiden", nennt die Kervenheimerin ihre Beobachtung. Übrigens ist Stoff auch zu einem "Sammelleidenschaftsobjekt" avanciert, verrät die Kervenheimerin. Der Sammelboom erfährt dadurch Nahrung, dass Menschen sich Stoffe nach eigenen Vorlagen designen lassen.

Schopmans selbst hat nicht mehr allzu viel Zeit, etwas für sich an der Nähmaschine zu kreieren. "Abends wenn die Tür zugeht, erwische ich mich beim Gedanken: Jetzt würde ich gerne etwas für mich nähen", sagt die Ladenbesitzerin.

Quelle: RP
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