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Kevelaer
Eingliederung durch Job im Autohaus

Kevelaer. Samuel Anya ist auf einem guten Weg: Der Flüchtling aus Issum absolviert eine Ausbildung bei Rafael Sürgers vom gleichnamigen Autohaus in Kevelaer. Der Unternehmer hofft nun auf viele Nachahmer. Von Bianca Mokwa

Samuel Anya fühlt sich in der Autowerkstatt von VW in Kevelaer fast schon zu Hause. Naja, wie man sich in einer Autowerkstatt halt zu Hause fühlen kann. Aber acht Stunden am Tag verbringt er dort. Vorher ist er in Issum in den Bus gestiegen und in Geldern in den Zug. Dafür steht er um 5 Uhr auf.

Über seine jüngste Vergangenheit redet er nicht viel. Es sei kompliziert, sagt der Nigerianer. Er erzählt nur, dass seine Eltern tot sind und dass es zu gefährlich wäre, zurück zu gehen. Seine Flucht ging über die Türkei nach Griechenland, nach Mazedonien, Ungarn, Österreich, Endstation Deutschland. Rafael Sürgers hört zu. Er ist sein Chef. "Einstiegsqualifizierung" ist das, was er Samuel Anya anbietet. Vorher hat der 24-jährige Flüchtling in der Werkstatt des Autohauses ein Praktikum gemacht. In seiner alten Heimat hatte er ein Jurastudium begonnen. Das ist vorbei. Samuel Anya blickt nach vorne.

Sürgers hatte keinen Moment gezögert, den jungen Mann zu beschäftigen. Es fing damit an, dass er den Runden Tisch zum Thema Flüchtlingsarbeit in Kevelaer besuchte. Er wollte sich informieren, sagt der Unternehmer. "Ich glaube bei dem ganzen Thema Integration sind viele unbegründete Ängste. Man muss das Thema einfach angehen und unterhält sich von Mensch zu Mensch", lautet seine Devise. Und dann stand plötzlich eine Frau vom Runden Tisch mit Samuel vor ihm. "Ich war für das Thema offen", sagt Sürgers und hat noch ein weitere Begründung. "Ich bin übrigens auch Christ. Wie will man denn sonst sein Christsein praktizieren? Ich denke, als Unternehmer habe ich die Möglichkeit, dann sollte ich die auch nutzen. Ich kann nicht einfach weggucken, was im Rest der Welt passiert."

Und ja, es sei eine Herausforderung gewesen, die Sache mit den Behörden. Aber er habe viel Entgegenkommen erfahren und Flüchtlingsbetreuerin Gertraud Gleichmann habe durch ihr großartiges Engagement dafür gesorgt, dass der Einstiegsqualifizierung von Samuel Anya nichts mehr im Wege steht. Dabei hilft er in der Werkstatt schon mit und besucht die Berufsschule. Daran soll sich die Ausbildung zum Mechatroniker anschließen. "Solange ist auch keine Abschiebung möglich", sagt Sürgers.

Das Schicksal seines Mitarbeiters lässt ihn nicht kalt. Als der erzählt, wie schwierig es ihm fällt, auf einem Zimmer mit fünf Personen für die Schule zu lernen, hört Sürgers zu, fragt nach. Oft warte er, bis alle schlafen, sagt Samuel Anya. Viele in der Flüchtlingsunterkunft an der Lindenau in Issum haben keine Beschäftigung. "Dabei finde ich es so wichtig, dass sie das deutsche Berufsleben entdecken und Sprachkenntnisse erwerben", sagt Sürgers. "Integration geht nur so." Auf die Frage, wie er mit der Kritik umgehe, dass ein Flüchtling wie Samuel anderen den Ausbildungsplatz wegnehme, schüttelt der Unternehmer nur den Kopf. "Das hat viel mit Motivation zu tun. Die Flüchtlinge, die wissen, sie müssen was tun, um Fuß zu fassen", nennt Sürgers seine Beobachtung. Die Motivation sei teilweise höher als bei einheimischen Bewerbern, stellt er fest.

Und er wirbt um Mitmacher. Er zitiert den so oft gehörten Satz: "Wir schaffen das" und setzt ein "wenn jeder einen nimmt" dran. Dabei wirft einen Blick aus dem Fenster auf die vielen Unternehmen im Kevelaerer Gewerbegebiet. Bei ihm ist der Satz nicht nur eine Phrase. Er packt's an.

Quelle: RP
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