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Weeze
Gedichtesprecherin am Puls der Zeit

Weeze. Anna Magdalena Bössen warf in Weeze einen Blick auf die Seele Deutschlands. Von Christoph Kellerbach

Wie findet man sie, die deutsche Befindlichkeit? Die Diplom-Gedichtesprecherin Anna Magdalena Bössen hatte ihre ganz eigene Idee, einen Blick auf die Seele Deutschlands zu werfen: 2014 und 2015 war sie von Mai bis Oktober nur mit ihrem Fahrrad und etwas Gepäck im ganzen Land unterwegs. "Denn auf den Spuren von Heinrich Heines 'Deutschland - Ein Wintermärchen' habe ich mir überlegt: Wie wäre es denn mit 'Deutschland - Ein Wandermärchen'?" Dazu fuhr Bössen wortwörtlich von einem Menschen zum anderen. Denn auf einer Karte konnten sich alle Leute eintragen, welche der Gefühls-Archäologin Obdach gewähren wollten. Als Bezahlung trat die junge Frau mit Gedichten im ersten Jahr und im zweiten mit einem Bühnenprogramm dort auf, wo ihre Gastgeber das gerne wollten.

Ihre so intensive wie interessante Reise präsentierte sie am Freitagabend in der "Alten Schmiede" in Weeze. Organisiert vom Weezer "denkmalkultur"-Verein fanden sich gut 45 Besucher ein und lauschten begeistert den immer wieder mit Gedichten und Bildern aufgelockerten, aber auch untermauerten Erlebnissen von Anna Magdalena Bössen. Von Momenten, in denen wildfremde Leute für sie Hotels ansprachen, sie doch dort schlafen zu lassen, denn "da fährt eine Frau mit einem Koffer durch Deutschland, das geht uns alle an", bis hin zu dem Aufenthalt bei ostdeutschen Adeligen. Die Gedichtesprecherin selbst lernte vor allem viel über sich selbst: "Ich bin ans eigene Limit gekommen, aber habe auch die Schönheit gesehen, die alles hat".

Ob jetzt in ihrer Wahlheimat Hamburg oder im tiefsten Süden Deutschlands: "Alles ist wichtig, alles, was einem begegnet, hat einem was zu sagen." Das war ein Fazit, das sie am Ende des Abends zog. Ein anderes war, dass eine endgültige Bewertung der deutschen Befindlichkeit wohl gar nicht möglich ist, da eben nichts zu seinem Ende gekommen ist. Bei den vielen Meinungen und Menschen ist ihr aufgefallen, "dass man eben nicht alleine ist. Das wir alle viele Teile des Ganzen ausmachen." Teile, die durch die aktuelle politische Situation in Unruhe versetzt wurden: "Wie wollen wir leben? Wie unser Land gestalten? Als ich losgefahren bin, war das ein theoretisches Gedankenspiel. Aber als am Ende meiner Reise im September 2015 der Flüchtlingsstrom begann, da kam das Gefühl über mich: Etwas Großes beginnt, aber ich weiß noch nicht, wie ich ihm begegnen soll." Eine endgültige Befindlichkeitsbewertung blieb also aus, aber das Wichtigste, das Bössen in ihren zwei Jahren erfahren hatte, war, "dass man, auch wenn es manchmal so wirkt, niemals wirklich alleine ist."

Quelle: RP
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