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Kevelaer
Jeden Tag erwartet die Polizistin die Tragödie

Kevelaer: Jeden Tag erwartet die Polizistin die Tragödie
Heike Kehrer war gestern beim Blitzer-Marathon dabei, um Autofahrer für die Arbeit der Opferschützer zu sensibilisieren. FOTO: Seybert
Kevelaer. Heike Kehrer ist Opferschützerin. Sie gehört zum Team der Polizei, das die schwere Aufgabe hat, die Angehörigen nach einem Todesfall zu benachrichtigen. Der Blitzmarathon legte den Fokus auf diese Arbeit. Von Sebastian Latzel

Die Unfallstelle kann Heike Kehrer sehen. Sie liegt nur ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt, an der sich ihre Kollegen postiert haben, um mit der Laserpistole Temposünder auf der Landstraße von Achterhoek Richtung Winnekendonk ins Visier zu nehmen.

Es werden an diesem Morgen kaum eine Handvoll sein, die hier gestoppt werden. Doch das ist Nebensache. Auch für Heike Kehrer. Ihr geht es vielmehr darum, den Tag zu nutzen, um auf das Thema Opferschutz aufmerksam zu machen. Die 40-Jährige gehört zum Team der 30 Kollegen, die im Kreis Kleve immer dann aktiv werden, wenn es Unfälle oder Verbrechen mit Toten oder Schwerverletzten gab.

Wie am 23. August 2015, als in der Kurve in Sichtweite ein Motorradfahrer vor den Baum fuhr. Jede Hilfe kam zu spät. Der 42-Jährige starb am Unfallort. Mit einer Gruppe von Motorradfahren hatte der Mann aus Weeze eine Tour durch den Niederrhein unternommen. Auf der Rückfahrt kam es dann zu dem tödlichen Unfall. Die Polizeikommissarin hatte die Aufgabe, die Nachricht der Mutter zu überbringen.

Immer wieder ein Moment, der viel Kraft kostet. Überwindung. Und inzwischen auch ein Wettrennen mit der Zeit, wie Achim Jaspers von der Polizei-Pressestelle berichtet, der ebenfalls als Opferschützer im Einsatz ist. "In Zeiten von Internet und Whatsapp verbreitet sich die Todesnachricht immer schneller. Oft kommen wir dann nicht hinterher, und die Angehörigen erreicht die Nachricht bereits, bevor wir da sind", sagt er.

Im Fall des Weezers war die Mutter noch völlig ahnungslos, als das Team der Opferschützer vor der Tür stand. Begleiter des verunglückten Motorradfahrers hatten Heike Kehrer gesagt, dass die Frau mehrere schwere Schicksalsschläge hinter sich hatte. "Das sind wichtige Hinweise, um sich zumindest etwas darauf einstellen zu können, wie die Betroffenen reagieren könnten", erklärt die Polizistin. Die Mutter habe die ganze Situation nicht wahrhaben wollen. Sie habe gesagt: Das kann nicht mein Sohn sein. Der ist doch weggefahren. Der muss doch gleich wiederkommen.

Solche Momente seien immer wieder bewegend, hinterlassen Spuren auch bei den Beamten. "Ich bin selbst Motorradfahrerin, da überlegst du dir dann auch: Soll ich noch weiterfahren", sagt Kehrer. "Die Erlebnisse beschäftigen dich natürlich. Du bist ja keine Maschine, die persönliche Gefühle einfach ausblenden kann."

Um die Erlebnisse zu verarbeiten, helfen Gespräche mit Familien und Freuden. Die geben Halt, sagt die 40-Jährige. Doch immer wieder gibt es auch Zeiten, in denen es dann einfach zu viel wird. Im Dezember war das wieder der Fall. Innerhalb einer Woche gab es mehrere Todesfälle. "Da bin ich an meine Grenze gekommen. Ich habe gedacht: Ich kann nicht mehr. Ich kann keine Toten mehr sehen", erzählt Heike Kehrer. Da hilft es, dass die Opferschützer im Team arbeiten. Dass sich die 30 Opferschützer im Kreis Kleve abwechseln. So ist es möglich, auch Pausen einzulegen. Jaspers brauchte die bereits. Er setzte ein halbes Jahr aus.

Heike Kehrer ist sicher, mit der Aufgabe als Opferschützerin eine echte Berufung gefunden zu haben. "Ich kann mir vorstellen, diese Aufgabe längerfristig zu machen und vielleicht hier noch verstärkt tätig zu sein." Es sei wichtig, sich um die Angehörigen zu kümmern. Bei einem Verkehrstoten leiden mehr als 100 Menschen, heißt es.

Dass ihre Kollegen direkt daneben an diesem Morgen kaum einen Raser feststellen, wird da zur Nebensache.

Quelle: RP
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