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Kevelaer
Kinder auf der Flucht - Hilfe vor Ort

Kevelaer. Wenn Jugendliche ganz allein als Flüchtlinge ankommen, ist das Jugendamt zuständig. Kevelaer betreut derzeit nur wenige Fälle, aber die Zahl wird nach einer Gesetzesänderung steigen. Gesucht werden Gastfamilien. Von S. Zehrfeld und S.latzel

Es ist eine ungewöhnliche Initiative. Bürgermeister Dr. Dominik Pichler hat einen Brief an die Kirchengemeinden geschrieben und darin um Unterstützung bei der Suche nach Gastfamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gebeten. Er hat darum gebeten, das Schreiben auszuhängen oder im Gottesdienst zu verlesen. "Die Idee zu diesem Brief ist vom Jugendamt gekommen. Ich habe das gerne unterstützt", sagt Pichler. Die Aktion sei absolut sinnvoll, auch um die Thematik weiter zu streuen.

Vier minderjährige Flüchtlinge werden momentan vom Jugendamt Kevelaer betreut. Sozialdezernent Marc Buchholz geht davon aus, dass in nächster Zeit 15 weitere Jugendliche und Kinder hinzukommen könnten. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung. Bis Ende Oktober galt nämlich: In der Gemeinde, in der ein allein reisender Jugendlicher registriert wird, war und blieb das Jugendamt in der Pflicht. Bei Kommunen, die eine Notunterkunft haben, führte das dazu, dass in kurzer Zeit relativ viele Jugendliche aufgenommen werden mussten. Betroffen davon war beispielsweise die Nachbarstadt Geldern. In Kevelaer gibt es zwar auch eine Notunterkunft (in der Jugendherberge), hier gab es aber bislang keine unbegleiteten Minderjährigen.

Seit dem 1. November hat sich das Verfahren geändert: Nun werden die Minderjährigen - so, wie es bei den Erwachsenen auch gehandhabt wird - über den so genannten "Königsteiner Schlüssel" bundesweit möglichst gerecht auf die Kommunen verteilt. Das wird dazu führen, dass Kevelaer jetzt mehr alleinstehende Kinder und Jugendliche bekommt. Und eben für diese werden Gastfamilien gesucht. "Sie sollen die zwei bis drei Wochen nach der Ankunft überbrücken, in denen das Verfahren läuft", erläutert Buchholz. Die Gastfamilien wären wichtige Bezugspersonen für die Kinder und Jugendlichen.

"Die Jugendämter arbeiten auf Hochtouren, um Bedingungen zu schaffen, wo die Kinder und Jugendlichen zur Ruhe kommen, regenerieren und neue Lebensperspektiven entwickeln können", heißt es in dem Brief von Bürgermeister Pichler an die Kirchengemeinden. Gerade das Zur-Ruhe-Kommen nach der oft monatelangen Flucht sei wichtig, betonen die Verantwortlichen. Die Geschichten gehen nahe, wie auch Walburga Bons vom Gelderner Jugendamt sagt: "Es erfüllt einen mit tiefer Betroffenheit, was diese jungen Menschen schon haben erleben müssen. Das sind Schicksale - da hat man selbst dran zu knacken, wenn man nur davon hört."

Ob die jungen Leute nun bleiben oder weiterreisen werden: Immer sind es die städtischen Mitarbeiter, die noch in der Einrichtung den ersten Kontakt zu ihnen herstellen. Es folgt "ein Prozedere, in dem immer zwei Sozialarbeiter und ein Übersetzer mit dem Kind intensive Gespräche führen", so Walburga Bons. Dabei wird der Fluchtweg rekonstruiert: "Wir gucken, wo sie vielleicht Angehörige verloren haben." Und es muss geklärt werden, ob nicht doch, wenn auch keine Erziehungsberechtigten, irgendeine Art von Begleitung da ist - ein Bruder, ein Freund, ein Bekannter. Denn dann könnte eine Trennung das nächste Trauma auslösen.

Das Erste, was die minderjährigen Flüchtlinge regelmäßig wollen, ist: irgendwie - telefonisch oder via Internet - die Heimat erreichen. Auch, wenn die Nachrichten dort oft niederschmetternd sind. Walburga Bons erzählt von erschütternden Berichten ihrer Schützlinge nach Telefonaten: "Die sitzen da weinend, erzählen Geschichten von einem Dorf, das vom IS umkreist ist, wo sich seit Wochen keiner mehr aus dem Haus traut. Von Angehörigen, die entführt worden sind."

Die Kosten, die den Städten durch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge entstehen, sollen durchs Land erstattet werden. In Kevelaer wird mit rund 700 000 Euro kalkuliert. Wer Interesse hat, sich als Gastfamilie zur Verfügung zu stellen, kann sich ans Jugendamt Kevelaer unter Telefon 02832 122 606 (Birgit Pauli-Heynen) oder 02832 122 625 (Felicitas Korinth) wenden.

Quelle: RP
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