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Kevelaer
Lebensfreude kommt auf acht Pfoten

Kevelaer. Zwei Therapiehunde sind seit einem Dreivierteljahr Stargäste im Winnekendonker LVR-Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Viele von ihnen leben im Kontakt mit den Vierbeinern richtig auf. Von Sina Zehrfeld

Gibt es Schöneres als einen Spaziergang an einem sonnigen Herbsttag - quer durch raschelndes Laub? Günter Venske ist sofort dabei. Unter einer Bedingung: Die Begleitung muss stimmen. Und die ist ein "er", hat vier Beine, sandfarbenes Fell und heißt Anouk. Anouk ist ein Bordercollie-Labradormischling, und wann immer er und sein Vater Bjarmi in der LVR-Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen am Heiligenweg aufkreuzen, sind sie im Mittelpunkt.

Seit fast einem Dreivierteljahr kommen die Hunde und ihre Trainerin Anja Thiele immer wieder in das Haus in Winnekendonk, in dem 16 Männer und Frauen leben. Im Schnitt ist es etwa ein Mal pro Woche für ganz unterschiedliche Zeiten - mal für eine halbe Stunde, wenn nur eine "Kuscheleinheit" ansteht, mal für zwei Stunden, wenn es ein ausgedehnter Waldspaziergang sein soll. Was gemacht wird und wer teilnimmt, das initiieren die Bewohner selbst. "Sie ,buchen' quasi eine Hundestunde", erklärt Marejke Kolling, Mitarbeiterin im LVR-Wohnverbund.

Der Umgang mit Tieren kann große Wirkung auf Menschen mit Behinderung haben. Manuela Haid, Heilerziehungspflegerin im LVR-Wohnverbund, beobachtet dies immer wieder während der Ferienfreizeiten auf einem Reiterhof. "Viele waren danach viel ruhiger, viel entspannter", sagt sie. Da lag der Gedanke nahe, im Heiligenweg etwas mit Tieren zu organisieren. Auch, weil die Bewohner in ihrer Freizeit wenig unternehmen könnten. "Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es schwer, ein Hobby zu finden."

Schon der erste Besuch von Anja Thiele mit Bjarmi und Anouk war ein großer Erfolg. Beim Füttern und Streicheln verloren fast alle sofort ihre Scheu. Und wenn einer doch etwas länger braucht, um sich an die beiden Hunde zu gewöhnen, ist das vollkommen in Ordnung. Ein Teilnehmer hatte beispielsweise anfangs große Angst, traut sich inzwischen aber, die Tiere zu streicheln. Der Kontakt habe wahre Wunder bewirkt, berichten die Mitarbeiter. Und ein junger Mann, der sehr rastlos sei, sei nach einem Spaziergang mit den Hunden oft wie ausgewechselt, ruhig, frage immer wieder danach, wann der nächste Besuchstermin sei. Und obwohl er in seinem Zimmer viele Dinge zerstöre, hüte er Fotos von sich, Bjarmi und Anouk wie einen Schatz.

Es sei in solchen Fällen eine echte Bindung entstanden zwischen Mensch und Tier, erläutern die Mitarbeiter. "Das Gespür der Tiere ist enorm, sie bekommen die Stimmungen der Menschen mit, sie trösten auch. Und sie akzeptieren jeden Menschen eben einfach so, wie er ist", so Mitarbeiter Thomas van Bentum. Wann immer Anouk und Bjarmi da sind, ist ihre Trainerin Anja Thiele mit dabei. Mancher hätte nichts dagegen, wenn das noch viel häufiger der Fall wäre, ist Marejke Kolling sicher: "Ich denke, einige würden sie am liebsten jeden Tag da haben. Aber das ist auch eine Kostenfrage." Denn die Bewohner bezahlen die Hundebesuche selbst. Sie gelten als "Freizeitgestaltung": Sie dienen ganz ausdrücklich der Freude, nicht dem therapeutischen Nutzen - "obwohl sie natürlich einen haben", macht Kolling klar. Der Preis richtet sich danach, welche Aktivitäten in welcher Zeit geplant sind und auch danach, wie viele Bewohner sich zusammentun und die Kosten teilen.

Marejke Kolling könnte sich vorstellen, dass das Modell vom Heiligenweg Vorbildcharakter hat: Andere Gruppen hätten schon danach gefragt, weil die Bewohner so begeistert davon erzählt haben. Und die positiven Erfahrungen sind. Günter Venske zum Beispiel erlebt, wie schnell man mit anderen Spaziergängern mit Hund ins Gespräch kommt. Und er ist begeistert, wenn andere glauben, Anouk gehöre ihm. Am liebsten, sagt er, hätte er wirklich einen eigenen Hund.

Nach der Hausordnung am Heiligenweg ist es zwar prinzipiell erlaubt, dass die Bewohner Tiere halten. Die Bedingung ist aber - neben dem Einverständnis aller anderen - dass sie sich vollständig allein darum kümmern können. "Und das ist für unsere Kunden nicht umsetzbar", so Kolling. Also müssen Anouk und Bjarmi Lebensfreude verbreiten - und das schaffen sie anscheinend auch. "Unsere Kunden haben wahnsinnigen Spaß daran."

Quelle: RP
 
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