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Weeze
Vom Flüchtling zur guten Seele des Hofs

Weeze. Der Pakistani Tanveer Ahmad arbeitet in der Landwirtschaft der van de Flierdts in Weeze. Der Weg dahin war lang. Bis die Aufenthaltserlaubnis kam, musste er bangen. Zu Hause in Pakistan erwartet ihn nur der Tod. Von _bianca Mokwa

Die Fahrt zum Hof der van de Flierdts führt durch die idyllische niederrheinische Landschaft. Auf dem Weezer Hof kauen die Kühe in aller Ruhe vor sich hin. Mittendrin: Tanveer Ahmad. Die Beschaulichkeit ist der Gegensatz zu dem, was er in seiner Heimat Pakistan verlassen hat. "In unserem Haus wurde Feuer gelegt. Wir hatten vier oder fünf Büffel. Alle verbrannt", erzählt der 31-Jährige. Er bleibt ruhig, als er den nächsten Satz ausspricht. "Sie wollten mich töten."

Der Grund ist, dass Ahmad zu den Ahmadiyya gehört, einer religiösen Minderheit islamischen Glaubens. In Pakistan werden sie verfolgt. "In meinem Land gibt es nur wenige Ahmadiyya-Gläubige. 2010 sind in einer Moschee 108 Menschen getötet worden, als wir beteten", beschreibt er das Leben am Rande des Todes. "Die Kinder können nicht zur Schule gehen, oder wenn sie in die Schule gehen, gibt es Probleme aufgrund ihres Glaubens." Seine Eltern haben zu ihm gesagt: "Komm nicht nach Hause." Stattdessen ging er nach Lahore, in die zweitgrößte Stadt Pakistans, und besorgte sich ein Visum. Von der Tschechischen Republik ging es mit dem Auto nach Deutschland. Aber ganz so reibungslos war der Weg bis zur Arbeit in der Landidylle dann doch nicht.

"Erst einmal warten, warten, warten", sagt sein Arbeitgeber, der Landwirt Jan-Benedikt van de Flierdt, was auf den Flüchtling zukam. Van de Flierdt nennt es eine Katastrophe. "Es ist doch kein Leben, wenn man nicht weiß, ob man wieder in das Verderben geschickt wird." Dabei sei doch klar gewesen, dass Ahmad als politischer Flüchtling in seiner Heimat verfolgt würde. "Aber er konnte es auch keinem richtig erklären", sagt der Landwirt. Denn welcher deutsche Sachbearbeiter spricht schon "Urdu", die Amtssprache Pakistans? "Einen Übersetzer finden ist schwer", gibt Ahmad zu.

Erst als er seine Aufenthaltserlaubnis hatte, bekam er einen Sprachkursus bezahlt. Langsam, ganz langsam entwickelte sich was. Es fehlten noch Personalausweis und Arbeitserlaubnis. Denn arbeiten gehen, das wollte der Pakistani unbedingt. Im Sommer 2014 war es soweit. "Es waren viele Behördengänge und Ummeldungen nötig. Unser Land hat es ihm nicht leicht gemacht", sagt van de Flierdt in der Rückschau. Eine Mitarbeiterin der van de Flierdts, die im gleichen Ort wie Ahmad wohnt, wollte ihm den Hof zeigen. Er kam und blieb.

"Er ist die eierlegende Wollmilchhonigsau", sagt sein Chef, "er hat Grips, ist talentiert und ein netter Kerl, ein grundehrlicher, aufrichtiger Mensch." Deswegen hat er Ahmad auch angestellt, auf Vollzeit. "Kühe melken, füttern, reparieren", zählt der Pakistani seine Aufgaben auf. Verständigungsprobleme gibt es offensichtlich keine. "Wenn ein Mensch im Kopf funktioniert, kann er sich viel abgucken", sagt sein Chef. "Es gibt zwar einen Riesenunterschied zwischen der deutschen und der pakistanischen Sprache, aber das heißt nicht, dass der Mensch nicht in Ordnung ist", nennt van de Flierdt seine Lebenseinstellung. Aber als Arbeitgeber sieht er seine Aufgabe mit der Einstellung Ahmads längst nicht als erledigt an. "Die Vision ist, dass er auch ein Leben hat, neben der Arbeit", sagt der Landwirt. Was nicht ganz einfach ist, wenn man in einem Land fremd ist. Hinzu kommt: "Er hat schlimme Sachen erlebt. Ich fände es toll, wenn er ein paar urdu-sprechende Leute finden würde." Zu Ahmad sagt er: "Die kannste auch mal einladen." Ahmad nickt und lächelt. Ihm ist noch wichtig zu sagen, dass er viel gelernt hat auf dem Hof. Dann lächelt er dankbar.

Quelle: RP
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