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Kevelaer
Voneinander lesen statt Vorurteile leben

Kevelaer: Voneinander lesen statt Vorurteile leben
Bei den Treffen gibt es viel zu bereden. Resi Selders-Janßen (Mitte) und Eva Kassing (links) begleiten das internationale Zeitungsprojekt. FOTO: Evers
Kevelaer. Beim internationalen Zeitungsprojekt arbeiten Kevelaerer und Flüchtlinge Hand in Hand. Im Juli erscheint die dritte Ausgabe des Magazins. Nicht nur schwere Themen sind wichtig. Ein Blick in eine der Redaktionskonferenzen. Von Bianca Mokwa

Auf dem Tisch steht eine Kanne mit schwarzem Tee, ein paar Kekse, in der Mitte liegen bunt gedruckte Blätter ausgebreitet. Das wird die nächste Ausgabe von "Zusammen leben in Kevelaer - Begegnung der Kulturen".

Das internationale Zeitungsprojekt hat es sich seit seiner Gründung zur Aufgabe gemacht, "dass sich Kevelaerer und Zugezogene besser verstehen, ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen und über ihre unterschiedlichen Kulturen berichten", lautet das Credo derjenigen, die hinter der Zeitung stehen. Das sind im Hintergrund Resi Selders-Janßen, die das Projekt angeschoben hat, und Grafikdesignerin Eva Kassing. "Kevelaerer erfahren, wie auf der anderen Seite gedacht wird. Denn Vorurteile abbauen kann man nur durch Information und Kennenlernen", lautet die Überzeugung von Eva Kassing. Und Informationen, die gibt es jede Menge, zum Beispiel in der Rubrik "Arabisch lernen mit Rashad", außerdem berichten die Schreiber von ihrer Flucht. "Das sind aufwühlende Artikel und nicht nur schöne Themen", sagt Eva Kassing.

"Wir haben aber bewusst versucht, einen Mix zu finden, um nicht nur schwere Themen zu haben", sagt Resi Selders-Janßen. Die erste Ausgabe der internationalen Zeitung erschien noch dreisprachig, in Arabisch, Englisch, Deutsch. Das Englische wolle man in den kommenden Ausgaben aber zurückfahren. "Weil es keine Option ist. Die meisten können jetzt Deutsch", sagt Resi Selders-Janßen. Die Texte in den Zeitungsausgaben sind bewusst kurz gefasst und mit Bildern. Das kommt gut an. "Unsere Zeitung wird auch gerne als Übungsmaterial im Sprachtreff benutzt", fügt Eva Kassing an.

"Das Zeitungsprojekt ist Anlaufstelle, bietet eine sinnvolle Aufgabe und trainiert die Sprache", nennt Resi Selders-Janßen die Vorteile. Außerdem können die Flüchtlinge ihre Talente einsetzen. So wie der Ahmad aus Aleppo. Er ist für die Zeichnungen verantwortlich. "Mein Traum in Syrien war Zeitungsarbeit", sagt er. Studiert hat er Tourismus, in Deutschland möchte er etwas in Richtung Sozialarbeit machen. Und die Zeitung ist Sprachrohr für die Themen der Flüchtlinge und ihre Sorgen. Auf der Titelseite der kommenden Ausgabe ist Baker Kamel. Er war im Bundestag in Berlin, als es um die Ablehnung der von Irakern gestellten Asylanträge ging. Angst vor dem Ausgewiesen sein, heimatlos und nicht angekommen zu sein ist ein großes Thema.

Noch etwas hat sich im Laufe der Ausgabe verändert. "Wenn man über die Ausgabe schreibt, dann hatten die meisten diese dunklen Themen. Aber diese Themen müssen auch ein bisschen mit Hoffnung und Kevelaer zu tun haben", beschreibt es Khalid Assakour. Er ist aus Marokko, kein Flüchtling, sondern mit einer deutschen Frau verheiratet und wichtiger Übersetzer im Redaktionsteam. Die neueste Ausgabe hat viel weniger dunkle Themen, im Gegenteil. Das Thema Arbeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausgabe, die im Juli erscheint. "Wir haben elf Flüchtlinge bei ihren Arbeitgebern besucht", sagt Resi Selders-Janßen, "um einfach zu zeigen, wie viele Kevelaerer auch wirklich offen sind, und denen Mut zu machen, die sich noch nicht trauen." Sie habe die meisten Arbeitgeber positiv überrascht erlebt, und viele machten mehr als sie müssten. "Oft haben die Flüchtlinge Familienanschluss, Wohnungen konnte durch persönliche Kontakte vermittelt werden, oder es wurden Behördensachen geregelt", zählen Resi Selders-Janßen und Eva Kassing auf. "Alle Arbeitgeber sind sehr angetan."

Diese Stimmung schlägt sich auch in den Artikeln der kommenden Ausgabe nieder. Die sind positiv gestimmt. Eine Entwicklung hat stattgefunden. Die beiden Frauen erzählen von Flüchtlingen, die beim Zeitungsprojekt dabei waren, jetzt aber nicht mehr kommen können, weil sie Arbeit gefunden oder sich einem Sportverein angeschlossen haben. Natürlich werden diejenigen schmerzlich vermisst, es schwingt aber noch etwas anderes mit. "Das ist schön, wenn die Flüchtlinge andocken. Das ist ein Paradebeispiel für Integration", fasst es Resi Selders-Janßen zusammen. Andere sind noch auf der Suche, wie Anas Zarzour. Der dreifache Vater aus Syrien ist Lehrer von Beruf. In Kevelaer hofft er auf einen Praktikumsplatz, zum Beispiel in einem Kindergarten. Es gibt noch viel zu tun. Das Zeitungsprojekt ist ein großer Schritt, den Kevelaerer und Flüchtlinge gemeinsam gehen.

Quelle: RP
 
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