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Rp-Serie Jacke An Und Raus (1)
Wenn Kinder zu Hause versumpfen

Rp-Serie Jacke An Und Raus (1): Wenn Kinder zu Hause versumpfen
Wer zum Beispiel einen Stein über das Wasser flitschen lässt, bekommt eine Vorstellung von Reibung und Schwung, lernt also etwas über physikalische Grundlagen. FOTO: Thomas Binn Thomas Binn
Kevelaer. Schmutzig, müde und mit aufgeschlagenen Knien vom Spielen nach Hause zu kommen, das kennen viele Kinder nur noch aus Filmen. Auch in unserer ländlichen Region. Experten sehen das mit Sorge. In einer neuen Serie gibt die RP Tipps. Von Thomas Binn

Die Zeiten, als Kinder sich nach der Schule ihre Spielklamotten anzogen und bis zur Dunkelheit draußen verschwanden, ist für die meisten Jungen und Mädchen Geschichte - in Städten genauso wie in unserer Region. Der Umkreis, in dem sich Kinder von zu Hause weg bewegen, ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gesunken. Das ist in vielen Studien nachzulesen. Die vermeintliche Sorge um den Nachwuchs hat dazu geführt, dass der Lebensraum der Kinder immer weiter eingeengt wird.

Das hat auch Erlebnispädagoge Falk Hübinger vom Caritasverband Geldern-Kevelaer erlebt: "Bei Projekten in Kindergärten oder im offenen Ganztag höre ich immer wieder, dass Kinder Angst haben, sich dreckig zu machen." Damit beschneide man aber auch die Erfahrungsmöglichkeiten. Denn nur wer im Spiel lernt, mit Herausforderungen umzugehen, kann Strategien entwickeln, diese zu meistern.

Dabei lernen Kinder Dinge, die ihnen bei ihrer kognitiven Entwicklung helfen. Wer zum Beispiel einen Stein, wie auf unserem Foto, über das Wasser flitschen lässt, bekommt eine Vorstellung von Reibung und Schwung, lernt also etwas über physikalische Grundlagen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften durch Bewegung besser geschult wird. Kreative und logische Zusammenhänge werden dadurch verknüpft. Bewegungserfahrungen helfen beim Orientieren.

Wer heute mit Lehrern aus der Grundschule spricht, hört immer wieder, dass die Kinder zu Hause versumpfen und kaum noch vor die Tür gehen. Das ist nicht nur in den Haushalten der sogenannten Helikopter-Eltern so, sondern ein grundsätzliches Phänomen.

Die Auswirkungen sind fatal, das weiß auch Andreas Berndt. Er ist Lehrer, leitet die größte Kevelaerer Grundschule und berichtet von Muskel- und Haltungsschäden, Koordinationsstörungen, Konzentrationsschwächen, Gewichtsproblemen und beeinträchtigter Wahrnehmungsfähigkeit. "Es ist Paradox, was da passiert, denn Kinder wollen von Natur aus rennen, rutschen, drehen und schleudern. Das sehe ich jeden Tag in der Pause. Kinder sind von Geburt an neugierig und haben einen angeborenen Bewegungsdrang." Das Stubenhockertum beeinträchtigt die körperliche, geistige und soziale Entwicklung der Kinder. Bewegung und Wahrnehmung sind direkt miteinander verbunden, so der Schulleiter.

Diese Sinneserfahrungen fehlen heute ganz vielen Kindern, zum einen, weil der Platz zum Spielen draußen begrenzt ist, zum anderen, weil Kinder stundenlang medialen Reizen ausgesetzt sind. Ob nun durch Fernsehen, Playstation oder Smartphone. Mittlerweile ist es keine Seltenheit, dass die Schüler ganzer Grundschulklassen von ihren Eltern mit Smartphones ausgestattet sind. Die Kinder haben WhatsApp-Gruppen gebildet und chatten täglich, teilweise stundenlang.

Das Thema beschäftigt auch Falk Hübinger, den bereits genannten Erlebnispädagoge vom Caritasverbund Geldern-Kevelaer. "Früher war es für mich normal, dass ich nach der Schule auch mal 1,5 Kilometer zu einem Freund gelaufen bin. Heute werden die Kinder überall hin kutschiert", erzählt er. Das hat sicherlich auch mit den veränderten Familienmodellen zu tun.

Beide Eltern sind arbeiten, es ist kaum noch Zeit für die Kinder da und Eltern glauben ihr Kind zu stärken, wenn sie es mehr behüten und vermeintlichen Gefahrenpotenzialen aus dem Weg gehen. Das Gegenteil ist aber der Fall. "Um der Situation angemessen zu begegnen, muss das Problem von den Eltern aber erst als Problem wahrgenommen werden", so Hübinger. Dabei sei die Lösung ganz einfach. "Die Eltern sollten nur gute Vorbilder sein. Es braucht kein besonderes Highlight. Oft reichen Hinkelkästchen, Straßenkreide oder ein Kletterseil, um den Kindern Anreize zu geben, nach draußen zu gehen."

Um das wieder zu lernen, sollten Eltern und Kinder gemeinsam draußen Zeit verbringen, auch jetzt im Winter.

Info: In den nächsten Ausgaben stellen wir im Rahmen unserer neuen Serie "Jacke an und raus" Aktionen vor, was Eltern und Kinder draußen machen können und für die es sich lohnt, mal wieder die alten Spielklamotten anzuziehen.

Quelle: RP
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